Die stille Erosion von Staat und Demokratie

Javier Milei ist in Enriccis Analyse die zentrale Figur, die die Entleerung der Demokratie ideologisch legitimiert, diskursiv zuspitzt und politisch vorantreibt. Foto: Gage Skidmore via flickr, CC BY-SA 2.0

(Buenos Aires, 15. Januar 2026, Agencia Paco Urondo).- Die Agencia Paco Urondo (APU) sprach mit dem Journalisten Sebastián Enricci über die digitale Veröffentlichung seines Buches La descomposición de un Estado, zu deutsch Die Zersetzung eines Staates. Das Buch enthält Essays, die zwischen 2018 und 2025 bei APU erschienen sind und in denen der Autor eine historisch-politische Perspektive auf die argentinische Gegenwart entwickelt.

APU: Warum haben Sie sich entschieden, Ihr erstes Buch digital zu veröffentlichen und nicht über traditionelle Verlage?

SE: Ich habe mich für die digitale Veröffentlichung meines ersten Buches entschieden, weil ich sie als die stimmigste Form für diese politische Zeit verstanden habe. Das digitale Format erlaubte mir, in die öffentliche Debatte einzugreifen, genau von dieser Agentur aus, als sich diese Situation abzuzeichnen begann. Digital zu veröffentlichen heißt auch, die volle Verantwortung dafür zu übernehmen, was man schreibt, wie man es schreibt und wann man es veröffentlicht. In einem Kontext, in dem sich der Staat entleert und das öffentliche Wort sich rasant verschlechtert, erschien mir das grundlegend.

APU: Warum haben Sie Die Zersetzung eines Staates geschrieben?

SE: Ich habe Die Zersetzung eines Staates aus der Notwendigkeit heraus geschrieben, einen Prozess zu verstehen und zu benennen, der bereits im Gange war und den ich nicht ignorieren konnte, aber auch aus historischer Dringlichkeit. Nicht, um in die unmittelbare politische Lage einzugreifen, sondern um etwas Tiefergehendes, und gerade deshalb Gefährlicheres, festzuhalten. Seit dem Präsidentschaftswahlkampf, und sogar schon davor, habe ich aufgrund der Eigenschaften des libertären Kandidaten erkannt, dass wir es nicht mit einem einfachen Machtwechsel zu tun hatten, sondern mit einer Mutation der Art zu regieren und der Beziehung zwischen Staat, Demokratie und gesellschaftlichem Leben.

APU: Warum ist es kein situationsbezogenes oder klassisch journalistisches Buch?

SE: Weil es nicht aus dem Wunsch entstanden ist, Anklagen anzuhäufen oder isolierte Ereignisse aufzuzählen. Mich interessierte es, einen stillen, strukturellen Prozess zu analysieren, der sich nicht immer im sichtbaren Skandal zeigt, aber das Leben der gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürger erheblich erschwert. Das Buch versucht zu verstehen, wie sich der Staat und die demokratische Legitimität jenseits der tagesaktuellen Nachricht verschlechtern.

APU: Warum haben Sie sich entschieden, bekannte und viel diskutierte Korruptionsfälle nicht einzubeziehen?

SE: Das war eine bewusste Entscheidung. Nicht, weil ich diese Fakten für irrelevant halte oder ihre Schwere unterschätze, sondern weil sie nicht den Kern des Problems darstellen, das ich analysieren wollte. Ihre Einbeziehung hätte den Schwerpunkt des Buches in Richtung polizeilicher oder juristischer Logik verschoben, während mich ein tiefergehender Prozess interessiert.

APU: Verharmlosen Sie damit die Korruption der Regierung?

SE: Nein. Korruption ist selbst in ihren obszönsten Formen ein schwerwiegendes Phänomen. Aber sie ist auch bekannt und nicht neu. Das Buch konzentriert sich auf eine andere Ebene des Problems, die ich für grundlegender und struktureller halte, etwa den fortschreitenden Verlust von Rechten.

APU: Ist dieses Buch ein politisches Pamphlet?

SE: Nein, es ist kein politisches Pamphlet. Wäre es eines, würde es Zustimmung suchen und Schlussfolgerungen beschleunigen. Dieses Buch tut das Gegenteil: Es mobilisiert nicht, bietet keine Parolen und schlägt kein Aktionsprogramm vor. Ich habe geschrieben, um einen laufenden historischen Prozess zu durchdenken und in einfachen Worten die stille Verschlechterung des Staates und der Rechte des einfachen Bürgers zu beschreiben. Das Buch bezieht Position, und das ist keine Propaganda. Es bedeutet, eine bürgerliche Verantwortung gegenüber der öffentlichen Meinung zu übernehmen und etwas zu sagen, solange es noch denkbar ist.

APU: Der Untertitel des Buches [“ Zwischen der zynischen Verherrlichung der Freiheit, der Verwaltung des Schmerzes und der Simulation guter Regierungsführung“, Anm.d.Red] ist sehr persönlich und bietet eine starke Lesart dieser zwei Jahre. Welche Rolle spielt er im Gesamtsinn des Buches?

SE: Der Untertitel soll weder mobilisieren noch eine Debatte abschließen, sondern präzise das Kräftefeld benennen, das das Buch analysiert. Er ist persönlich, weil er meinen Blick und eine Schreibpraxis widerspiegelt, die in dieser konkreten historischen Zeit verortet ist – nicht, weil er eine Parole oder ein Programm vorschlägt. Die zynische Verherrlichung der Freiheit, die Verwaltung des Schmerzes oder die Simulation guten Regierens zu benennen, ist keine Propaganda, sondern die Übernahme von Verantwortung für das, was man beobachtet. Das Buch sagt nicht, was zu tun ist, sondern was geschieht. Außerdem halte ich es für richtig, dies zu benennen, bevor sich diese Prozesse verfestigen.

APU: Was verstehen Sie unter „Zersetzung des Staates“?

SE: Ich verstehe darunter einen Prozess, der sich nicht auf illegale Abweichungen innerhalb des Systems reduziert, sondern eine Machtausübung ausdrückt, die die Funktion des Staates als Organisator der Gemeinschaft und Vermittler sozialer Konflikte negiert. Es ist eine Entleerung, die den Staat missachtet und selbst innerhalb der Legalität stattfindet.

APU: Warum konzentriert sich das Buch auf Javier Milei und nicht auf seine Minister?

SE: Weil sich diese Regierung von Beginn an um eine absolute präsidiale Zentralität herum organisiert hat. Es gibt kein Kabinett mit politischer Autonomie und keine Minister mit eigenen Projekten, sondern Sprecher, Vollstrecker und leicht austauschbare Figuren innerhalb der Regierungsstruktur.

APU: Ist das keine übermäßige Personalisierung der Macht?

SE: Nein. Die analytische Fokussierung entspricht einer konkreten politischen Realität und nicht dem Wunsch nach Vereinfachung. Die Präsidentschaftsfigur bündelt Sinn, Diskurs und Staatsverständnis, die sich anschließend in konkreten Politiken entfalten.

APU: Wie definieren Sie die symbolische Rolle Mileis in seiner Regierung?

SE: Milei ist nicht nur der Chef der Exekutive. Er ist der narrative, ideologische und symbolische Kern der Regierung. Er bestimmt Tonfall, Sinn, Konfrontationslogik und die Geringschätzung institutioneller Vermittlung und verkörpert eine zynische Verherrlichung der Freiheit, die im Alltagsverstand und im gesellschaftlichen DNA wirkt.

APU: Warum verwenden Sie literarische Metaphern in Ihren politischen Analysen?

SE: Weil es politische Prozesse gibt, die sich nicht allein mit journalistischen Parametern verstehen lassen. Ich glaube nicht an die Neutralität politischer Sprache. Jede Macht stützt sich auf Symbole, Rituale und Narrative, die den Alltagsverstand ordnen. Macht wird auch auf symbolischer, affektiver und kultureller Ebene ausgeübt, durch Bilder und Erzählungen wie den Löwen, den Maulwurf im Staat oder den Terminator. Metaphern erlauben es, Dimensionen der Realität zu beleuchten, die die Sprache der Kommunikation nicht erfasst, wie in Tagebuch des Schweinekriegs von Bioy Casares, Der Fremde von Albert Camus oder Der Reiter ohne Kopf von Washington Irving.

APU: Überzeichnen Metaphern nicht die Kritik?

SE: Nein. Viele der von mir verwendeten Bilder stammen aus der eigenen Sprache der Regierung. Die literarischen Bezüge sind keine rhetorischen Übertreibungen, sondern Werkzeuge, um eine bestimmte Art des Politikverständnisses in dieser historischen Phase zu strukturieren und zu begreifen.

APU: Warum haben Sie gerade diese Texte ausgewählt und nicht andere aus diesen Jahren?

SE: Weil ich keine chronologische oder vollständige Auswahl anstrebte, sondern eine konzeptionelle. Ich habe jene Texte gewählt, die strukturelle Aspekte des laufenden politischen Prozesses vorwegnehmen, davor warnen oder sie theoretisch fassen und miteinander in Dialog treten, um eine über die Zeit hinweg tragfähige Hypothese zu rekonstruieren.

APU: Ist es ein Buch mit Artikeln oder ein einheitlicher Essay?

SE: Es ist keine Artikelsammlung, sondern eine Umschreibung der gelebten Zeit. Jeder Meinungsartikel erfüllt innerhalb des Ganzen eine Funktion und erhält im Zusammenhang mit den anderen einen neuen Sinn.

APU: Will das Buch Lösungen anbieten oder Debatten abschließen?

SE: Nein. Die Zersetzung eines Staates will weder eine Debatte schließen noch endgültige Antworten liefern. Es will eine historische Erfahrung dokumentieren und zu ihrem Verständnis beitragen.

APU: Was, glauben Sie, stört am meisten an diesem Buch?

SE: Ich glaube, es stört weniger durch das, was es anklagt, als durch das, was es benennt. Das Buch fasst Prozesse in Worte, die sich, wenn man sie nicht rechtzeitig bedenkt, zu normalisieren drohen. Es stört, weil es zwingt, einer tiefgreifenden Verschlechterung des Staates und des demokratischen Lebens ins Auge zu sehen, bevor sie als normal akzeptiert wird.

APU: Welches Risiko sehen Sie, wenn diese Prozesse nicht rechtzeitig reflektiert werden?

SE: Das Risiko besteht darin, dass sie sich verfestigen. Und wenn das geschieht, hört die Verschlechterung auf, eine historische Anomalie zu sein, sondern wird zum Ausgangspunkt. Und dann bleibt nicht mehr viel Staat und nicht mehr viel Land, das es zu verteidigen gilt. Dieses Buch wurde nicht als akademische Arbeit oder zitierende Forschung geschrieben. Es folgt weder universitären Protokollen noch der Logik gelehrter Beweisführung. Es ist ein situierter politischer Essay, in Echtzeit geschrieben, aus einer konkreten Erfahrung und einer historischen Sorge heraus, die keine Neutralität zulässt.

Das Buch „Die Zersetzung eines Staates. Argentinien 2023–2025. Zwischen der zynischen Verherrlichung der Freiheit, der Verwaltung des Schmerzes und der Simulation guter Regierungsführung“ von Sebastián Enricci ist auf Spanisch sowohl digital als auch in Print online erhältlich.

CC BY-SA 4.0 Die stille Erosion von Staat und Demokratie von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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