Honduras

Umkämpftes Tropenparadies: Garífuna in Honduras


Von Steffi Wassermann

Garífuna Indigene

Die Aktivistin Medelín David Hernández hat mit anderen ein Projekt zur Wiederaneignung des Landes begonnen – für sich und ihre Kinder. Alle Fotos: Honduras Delegation

(Berlin, 15. März 2017, npl/fdcl).- Die Situation für Menschenrechtsaktivist*innen in Honduras ist beängstigend. 2016 wurde das zentralamerikanische Land von der NGO „Global Witness“ zum weltweit gefährlichsten Land für Umweltaktivist*innen erklärt. Besonders für indigene Gemeinden ist der Einsatz für ihre Rechte lebensgefährlich. Ende 2016 war eine Delegation europäischer und honduranischer Aktivist*innen in Honduras unterwegs, um sich die Situation vor Ort anzusehen. Die Gruppe besuchte unter anderem die afro-indigenen Garífuna, die an der Karibikküste ihr Land verteidigen.

Kein sicheres Land für die Garífuna

„Dieses Land ist voller Gesetze, aber keines schützt uns als Garífuna“, erklärt Medelín David Hernández, Aktivistin der Garífuna in Honduras. Die junge Frau ist mit ihrer Gemeinde bei der OFRANEH (Organización Fraternal Negra Hondureña) organisiert, die Garífuna-Gemeinden im Kampf um ihr traditionelles Land unterstützt. Die Garífuna leben zwischen Belize und Nicaragua an der Karibikküste Zentralamerikas. Sie sind Nachfahren afrikanischer Versklavter und Arawak-Indigener, Ende des 18. Jahrhunderts wurden sie an die Küste deportiert. Ein Großteil der Garífuna lebt noch heute in kleinen Gemeinden in Honduras.

Die Gegend in der Bucht von Trujillo gleicht einer Ansichtskarte: Palmen gesäumte Strände, türkisblaues Meer, tropische Vegetation. Vor dieser paradiesisch anmutenden Kulisse finden die Garífuna ein bescheidenes Auskommen: Vor allem durch Fischfang und Subsistenzlandwirtschaft ernähren sie sich, kleine „ethnotouristische“ Projekte werden von Gemeinden betrieben. Doch trotz des harten Lebens wollen viele bleiben. Ihre Kultur ist tief verwurzelt mit dem Land, auf dem sie seit Generationen leben. Ihre Sprache, Tänze und Musik wurden im Jahr 2001 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Lukrative Geschäfte an der karibischen Küste

Doch es ziehen dunkle Wolken auf im Tropenparadies. In der Gegend sind immer häufiger Investor*innen unterwegs, die dort lukrative Geschäfte wittern, tatkräftig unterstützt durch korrupte lokale Behörden. Zwar können die Garífuna durch Landtitel von 1901 belegen, dass sie die legitimen Besitzer*innen des Landes sind. Das ist in einem Land wie Honduras aber nicht viel wert, dessen Funktionär*innen sich systematisch über Menschenrechte hinwegsetzen und existierende indigene Rechte in der Realität das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen.

Vor allem Nordamerikaner*innen machen sich an der Küste breit. Dort, wo früher die Garífuna lebten, stehen nun Luxusferienressorts, ein Hafen und weiter im Hinterland Palmölplantagen. Für die Garífuna wird der Platz immer enger und die Lebensperspektiven immer bedrückender. Der lebenswichtige Fischfang wird erschwert, weil der Zugang zum Meer durch kilometerlange Privatstrände versperrt ist. Durch Landraub ist auch an Landwirtschaft kaum noch zu denken.

Wiederaneignung des traditionellen Landes

Immer mehr Garífuna werden sich der skandalösen Ungerechtigkeit bewusst. Unterstützt von OFRANEH haben deshalb viele Gemeinden beschlossen, den Landraub nicht mehr unwidersprochen hinzunehmen und sich ihr traditionelles Land wieder zurück zu nehmen. Recuperaciones, Projekte zur Wiederaneignung des Landes, sind in den letzten Jahren an der Küste entstanden. Auch viele junge Leute sind dabei, die damit eine Alternative schaffen wollen zum beschwerlichen Weg in Richtung USA – und eine Perspektive für ihre eigenen Kinder. „Wir Jungen sind hier die, die bestimmen. Und wir sind unseren Kindern ein Vorbild. Würden wir jetzt nichts tun, würden sie uns eines Tages fragen, warum wir einfach Zuhause geblieben sind“, sagt Medelín David Hernández. Sie hat gemeinsam mit anderen vor einem Jahr in Guadelupe ein Projekt zur Wiederaneignung des Landes begonnen. Wiederaneignung bedeutet vor allem die Urbarmachung des Landes. Felder werden angelegt, Bananenstauden gezogen und Hütten errichtet, um eines Tages mit der ganzen Familie dort leben zu können. Auch in Guadelupe kam es schon, wie in allen anderen Projekten, zu polizeilichen Übergriffen und Räumungsversuchen, obwohl die rechtliche Grundlage fehlt.

Dem neoliberalen Ausverkauf die Stirn bieten

Aber ans Aufgeben denken die Aktivistin*innen nicht. Obwohl sich ein Sturm zusammenbraut. Seit mehreren Jahren plant die honduranische Regierung eine ZEDE (Zona de Empleo y Desarollo Económico), eine sogenannte Modellstadt auf dem Territorium der Garífuna. ZEDEs sind Sonderwirtschaftszonen, innerhalb derer die staatlichen Institutionen keinen Einfluss haben. Hier liegt alles in den Händen der Unternehmen: für Gesetze und Sicherheit zu sorgen, Bildung und soziale Sicherheit zu gewährleisten. Die Diktatur des Freien Marktes. „Wir haben nur zufällig erfahren, dass wir weg von hier sollen. Denn hier soll eine Modellstadt entstehen. Mit uns haben sie aber nie einen Vertrag gemacht, niemand von denen ist gekommen, um sich mit uns zusammenzusetzen und uns zu erklären, was sie planen“, erklärt Malvin Morales, Aktivist von OFRANEH.

Doch trotz der permanenten Bedrohung kämpfen die Garífuna beharrlich für ihr Recht, auf ihrem traditionellen Territorium zu leben. Und sie haben sich entschlossen, ihren mächtigen Gegner*innen die Stirn zu bieten.

Den Audio-beitrag zu diesem Artikel findet ihr hier.

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