Honduras

Tochter von Berta Cáceres: Verantwortlich sind DESA, Regierung, Armee und Polizei


Von Gloria Muñoz Ramírez

Berta Isabel Zúñiga Cáceres, zweitälteste Tochter der ermordeten Berta Cáceres, im Interview. Foto: Desinformémonos

Berta Isabel Zúñiga Cáceres, zweitälteste Tochter der ermordeten Berta Cáceres, im Interview. Foto: Desinformémonos

(Mexiko-Stadt, 3. März 2016, desinformémonos).- Berta Isabel Zúñiga Cáceres, das zweitälteste Kind der Umweltaktivistin Berta Cáceres, die am 3. März in ihrem Haus in La Esperanza, Intibucá, Honduras ermordet wurde, ist überzeugt, dass die Baufirma DESA hinter der Ermordung ihrer Mutter steckt. DESA ist für den Bau des Staudamms Agua Zarca in der Gemeinde Río Blanco verantwortlich. „Immer wieder wurde sie direkt oder indirekt bedroht, und mehr als einmal haben sie Auftragskiller engagiert und bezahlt, damit sie meine Mutter töten. Schuld ist auch die honduranische Regierung: Erst 2010 hat sie zahlreiche Konzessionen für Wasserkraft- und Bergbauprojekte vergeben, die die Indígena-Gemeinden beeinträchtigen.“

In einem Interview mit Desinformémonos zeigte sich die 25-jährige Studentin überzeugt: „Der Mord an meiner Mutter ist ein weiterer tödlicher Anschlag auf die Gegner*innen des Staudamms Agua Zarca. Dieses ganze patriarchale, rassistische System mit seiner lebensverachtenden Ausrichtung auf Wasserkraft- und Bergbauprojekte und seiner Ignoranz gegenüber den Rechten der Indígena-Gemeinden in der gesamten Region trägt dafür Verantwortung.“

“Es ist schwierig, die Auftraggeber zu finden”

Am Morgen des 3. März drangen zwei Unbekannte in das Haus von Berta Cáceres Flores in der Gemeinde La Esperanza ein, erschossen die Umweltschützerin und verwundeten den mexikanischen Umweltaktivisten Gustavo Castro, der gerade Gemeindearbeit in der Region leistete. Für Castro wird nun ein sicherer Ort gesucht.

“Bisher wissen wir, dass es zwei Fremde waren und dass es einen Zeugen gibt. Meine Mutter wurde mit vier Schüssen getötet und noch am Morgen ins Leichenschauhaus von Tegucigalpa gebracht. Die Autopsie soll weitere Informationen über den Tathergang und die Identität der Mörder bringen. In Honduras ist es sehr einfach, jemanden zu finden, der für Geld bereit ist, einen Menschen zu töten, das wissen wir alle. Schwierig ist es herauszufinden, wer dahinter steht, wer die Leute sind, die das Geld und die Macht haben, so einen Auftragsmord zu veranlassen.“

Auch Polizei und Militär beschuldigt

Nach Ansicht der Tochter der Umweltschützerin ist die Liste der Verantwortlichen noch länger: „Die Polizei und das Militär hängen auch mit drin, sie verteidigen den Privatbesitz und setzen die Interessen des Unternehmens durch. Das Gleiche gilt für alle, die diese todbringenden Projekte mitfinanzieren, die niederländische Bank, die finnische Bank und die Zentralamerikanische Bank für Wirtschaftsintegration.“ (Update: Die beiden beteiligten niederländischen und finnischen Banken haben inzwischen ihre Finanzierung von Agua Zarca und weiterer Projekte in Honduras gestoppt, Anm. d. Red.)

Wenige Stunden nachdem die Nachricht von Berta Cáceres Ermordung bekanntgegeben worden war, erklärte ihre Tochter: „Meine Mutter war eine starke Kämpferin, die immer daran geglaubt hat, dass eine andere Welt möglich ist, eine gerechte, harmonische Welt, in der die Menschen mit der Natur im Einklang leben.“ Diese Überzeugung hatte sie als Sprecherin des von ihr mitbegründeten Komitees der indigenen Völker Honduras (COPINH) stets nach außen getragen.

“Das Komitee wurde zur Verteidigung der Rechte der indigenen Völker gegen ein System gegründet, das Indígena-Rechte genauso missachtet wie die Rechte der Bäuer*innen, der Frauen im Allgemeinen, die Rechte des gesamten honduranischen Volks und der Erde“ erklärt Berta.

“Ihre Aufgabe war es, alle Aktivitäten der Organisation zu koordinieren, insbesondere alles, was mit der Verteidigung der Indígena-Gebiete und dem Recht auf Umweltschutz für Boden, Wälder und Gewässer zu tun hat. Sie war die Sprecherin der sozialen Bewegungen: Der Kampf der indigenen Völker läuft nämlich nicht getrennt von den übrigen sozialen Bewegungen in unserem Land. Berta Cáceres glaubte fest an das Fortbestehen der Spiritualität, der Autonomie und der Kultur der Lenca.“

Schock für Freund*innen und Familie

Die Nachricht von ihrem Tod hat die gesamte Familie erschüttert. „Ich habe zwei Schwestern, einen Bruder, meine Oma, die Mutter meiner Mutter, sehr sehr viele Onkels und Tanten, Kusinen und andere Menschen, die meiner Mutter sehr nah standen und dadurch auch irgendwie zur Familie gehören.“

Noch am selben Morgen fanden Kundgebungen vor den honduranischen Botschaften in Guatemala, El Salvador und Nicaragua statt, die Gerechtigkeit und Aufklärung des Verbrechens forderten. Für den darauffolgenden Tag wurden Demonstrationen in Argentinien und Mexiko angemeldet. „Am besten wäre es, wenn es von den unterschiedlichen Seiten eine koordinierte Anklage gegen die staatliche Repression in Honduras gäbe, damit die Regierung gezwungen ist zu reagieren. Im Moment ist unser vorrangiges Ziel, dieses todbringende Wasserkraft-Projekt zum Stillstand zu bringen, es sind schon genug Leute gestorben, wir wollen nicht noch mehr Tote. Wir wollen, dass alle Menschen, die sich mit unserem Kampf solidarisieren, auf die Straße gehen und Aktionen machen, so wie die sozialen Bewegungen es immer getan haben, um ihr Leben zu würdigen.“

 

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