Guatemala

Rigoberta Menchú for president


von Louisa Reynolds

alt(Lima, 16. Juni 2011, noticias aliadas).- Rigoberta Menchú, die Friedensnobelpreisträgerin von 1992, umarmte ihre Anhänger*innen mit einem strahlenden Lächeln, als sie am 13. April den Obersten Wahlgerichtshof Guatemalas verließ. Es war ihr gerade gelungen, ihre Partei „Winaq“ zur Teilnahme an den im September anstehenden Wahlen registrieren zu lassen. In traditioneller Maya-Kleidung – Menchú trug einen weißen Huipil, eine handgewebte Bluse, die mit dem Namen ihrer Partei bestickt war – wandte sich Menchú an etwa 100 Anhänger*innen, die eigens angereist waren, um ihre Unterstützung zu zeigen.

Verweis auf Obama

Rigoberta Menchú wies gegenüber ihren Anhänger*innen auf den politischen Wandel hin, der sich in den vergangenen Jahren auf dem amerikanischen Kontinent vollzogen habe. „Es gibt Veränderungen, die aus Bolivien kommen, aus Ecuador, aber auch aus dem Norden, wo ein schwarzer Bruder sein Land regiert“, sagte sie in Anspielung auf US-Präsident Barack Obama. „Winaq wird damit beginnen, die Institutionen zu entkolonialisieren. Heute sind wir keine Opfer mehr, sondern die handelnden Personen.“

Am 7. Mai schließlich, auf der ersten Vollversammlung von Winaq, erklärte Menchú ihre erneute Präsidentschaftskandidatur. Sie hatte zu dem Treffen in ihr Privathaus in einem bei der Mittelschicht beliebten Vorort von Guatemala-Stadt eingeladen. Als Vizepräsidentschaftskandidat wird der linke Kongress-Abgeordnete Aníbal García gemeinsam mit ihr ins Rennen gehen. Außerdem fasste die Versammlung den Beschluss, dass Winaq sich dem Parteienbündnis Breite Front (Frente Amplio) anschließt. Diesem gehören eine Reihe sozialistischer Parteien an, die ihre Wurzeln teilweise im Guerillakampf haben und sich nach dem Friedensabkommen für Guatemala im Jahr 1996 in Parteien umwandelten. Dazu gehören die Nationale Revolutionäre Einheit Guatemalas URNG (Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca) und die ANN (Alternativa Nueva Nación). Bei Wahlen hatten sie in der Vergangenheit auf sich allein gestellt nur magere Ergebnisse erzielt. Menchú strebt darüber hinaus weitere Bündnisse an, etwa mit der Bewegung Neue Republik (Movimiento Nueva República) und mit einigen Gewerkschaften und gesellschaftlichen Organisationen.

Zweite Kandidatur Menchús

Rigoberta Menchú hatte bereits 2007 für die Präsidentschaft Guatemalas kandidiert, aber lediglich drei Prozent der Stimmen erhalten. Seinerzeit bestand Winaq schon als politische Gruppierung, in der intellektuelle Maya-Angehörige die Mehrheit bildeten, hatte sich aber noch nicht formal als Partei konstituiert. Aus diesem Grund musste Winaq eine Bündnis mit der Mitte-Links-Partei “Encuentro por Guatemala” eingehen.

Modesto Baquiax, Mitglied des Nationalen Exekutivkomitees von Winaq, erklärte, der Name der Partei bezeichne in der Maya-Sprache der K’iche den “Menschen als gesamtheitliches Wesen”. Ziel der neuen Partei sei es, in Guatemala “Staat und Gesellschaft aus einer ethischen Perspektive umzuwandeln”, die Menschen mitzunehmen und für mehr Partizipation und Multikulturalität zu sorgen. Derzeit zählt die Partei etwa 20.000 Mitglieder, über 44 Prozent von ihnen sind Frauen.

Pressekonferenz in der Küche

Das Treffen in Rigoberta Menchús Haus stand im deutlichen Gegensatz zum Wahlkampf der Partei von Guatemalas Präsident Álvaro Colom, Nationale Einheit der Hoffnung UNE (Unidad Nacional de la Esperanza). Diese gibt ebenso wie ihre Hauptrivale, die rechtsextreme Patriotische Partei PP (Partido Patriota), einen Haufen Geld für Veranstaltungen auf großen Geländen aus, auf denen knapp bekleidete Tänzerinnen und Models potenzielle Wähler*innen betören. Winaq dagegen kommt mit einem schmalen Budget aus – so fand zum Beispiel die abschließende Pressekonferenz nach der Vollversammlung in Rigoberta Menchús Küche statt. Ein Tongefäß war zuvor herumgegangen, in welches die Anhänger*innen eine freiwillige Spende geben konnten, um die Kosten der Veranstaltung zu decken. Menchú betonte, dass Winaq, anders als die großen Parteien Guatemalas, keine potenten Spender*innen im Rücken habe. Dies stelle auf der anderen Seite sicher, dass die Finanzierung nicht aus trüben Quellen komme und keine unternehmerischen oder gar kriminelle Interessen im Spiel seien.

Rigoberta Menchú vertraut darauf, dass ihre Präsidentschaftskandidatur mit der Unterstützung einer breiten Koalition diesmal mehr Erfolg haben wird als 2007. „Encuentro por Guatemala“ belegte damals von den Parteien lediglich den sechsten Platz, mit einem Stimmenanteil von kaum mehr als drei Prozent. Selbst in ihrem Heimatort Uspantán erhielt die Friedensnobelpreisträgerin von 11.730 Stimmen lediglich 268. Sie erklärte dies auch damit, dass man als Organisation der Zivilgesellschaft keine Bürgermeister-Kandidat*innen habe benennen können.

Realistischere Perspektive Wahlen 2015

Rigoberto Quemé, K’iche-Intellektueller und ehemaliger Bürgermeister von Quetzaltenango, der zweitgrößten Stadt Guatemalas, glaubt, dass Winaq sich zu einem wichtigen politischen Akteur entwickeln kann – allerdings eher bei den übernächsten Wahlen 2015. Die beiden großen Parteien seien bis auf weiteres im Vorteil, und sollte eine dritte Partei Erfolg haben, so dürfte diese ihre soziale Basis bei den Eliten und nicht im breiten Volk finden. In diesem Jahr kämen Winaq und Frente Amplio einfach zu spät, auch weil die anderen Parteien ihren Wahlkampf vielfach schon vor dem offiziellen Beginn geführt und Guatemala mit Propaganda überzogen hätten. Wolle man sich zu einer starken indigenen Bewegung wie in Bolivien oder Ecuador entwickeln, müsse Winaq von der traditionellen Parteienlogik abkehren, betont Quemé.

Kritiker*innen bemängeln, dass nicht klar sei, wofür Winaq eigentlich politisch stehe. Auf der Pressekonferenz wichen Rigoberta Menchú und ihr Vizepräsidenschaftskandidat Aníbal García Fragen etwa nach dem Umgang mit umstrittenen Bergbau- und Infrastrukturprojekten aus, die auf heftigen Widerstand indigener Gemeinden stoßen. Lapidar hieß es, die Politik, die man sich vorstelle, werde dann öffentlich gemacht, wenn der Zeitpunkt gekommen sei. Der Start fiel auf jeden Fall holprig aus, denn bereits wenige Tage, nachdem Rigoberta Menchú ihre Kandidatur bekanntgegeben hatte, zogen sich zwei Gruppierungen aus der Frente Amplio zurück.

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