Kolumbien

FARC: „Wir müssen der tendenziösen Medienberichterstattung ein Ende setzen“


Von Yina Tatiana Piragauta, Red de Comunicadores Populares del Sur

Foto: Youtube/Simon Bolívar (Attribution 3.0 Unported)

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(Kolumbien, 1. Februar 2016, prensa rural).- Die Guerillera Alexandra Nariño, Mitglied der Friedensdelegation der FARC, erklärte sich zu einem Exklusivinterview mit dem Netzwerk Red de Comunicadores Populares del Sur (Berichterstatter*innen des Volkes im Süden) bereit. Das Gespräch fand im Urwald von Putumayo im Rahmen des Projekts Friedenspädagogik statt, an dem einige Delegierte der Verhandlungsrunde in Havanna teilnahmen. Es ist eins der längsten Interviews, das die gebürtige Holländerin mit der kolumbianischen Presse geführt hat.

Alexandra, danke, dass Du Dich zu diesem Gespräch bereit erklärst, und herzlich Willkommen beim Netzwerk Red de Comunicadores Populares del Sur.

A.N.: Gern.

Es gibt viele spannende Themen, die wir gern mit Dir besprechen würden, zum Beispiel, wie aus der Holländerin, die mit gebürtigem Namen Tanja heißt, Alexandra wurde. Wir wüssten gern mehr über beide, Tanja und Alexandra. Wie bist Du zur Bewegung gekommen, und was war für Dich das Schwierigste an Deiner Wandlung zur Guerillera? Und stimmt das Gerücht, dass Du ursprünglich Nonne werden wolltest?

A.N.: Das war so: Ich habe mal ein Interview mit einer Journalistin gemacht, in dem es ausschließlich um politische Themen ging. Aber nach dem Interview fragte sie mich: „Sag mal, was wolltest Du eigentlich später mal werden, als Du noch ein Kind warst?“ Darauf erzählte ich ihr, dass ich als Kind immer Nonne gespielt habe, mit einem Handtuch auf dem Kopf, und dass ich damals auch dachte, wenn ich groß bin, werde ich Nonne. Das fand sie dann so spektakulär, dass sie es gleich in die Titelzeile des Interviews aufgenommen hat. Ich finde das ganz typisch dafür, wie die Medien mit Guerilleros und Guerilleras umgehen, und insbesondere mit mir.

Wie fühlt man sich als Europäerin im kolumbianischen Urwald?

A.N.: Die Umgebung ist anders, die Kultur ist anders. Aber ich wusste ja, was mich erwartete. Ich wusste, wer ich sein und was ich lernen wollte und dass ich Teil der kolumbianischen Volksbewegung werden wollte. Ich war also in gewisser Weise schon vorbereitet, wobei die Realität natürlich immer noch ein bißchen härter ist. Ehrlich gesagt, als die Umsetzung des Plan Patriota begann, fand ich unsere Lebensrealität sogar erheblich härter als gedacht. Als ich zur Bewegung kam, gab es ja noch die Zona de despeje, das entmilitarisierte und von der FARC autonom verwaltete Gebiet. Dann setzte dieser kriminelle Plan Patriota ein, es wurden viele Menschen ermordet, und die Weltöffentlichkeit reagierte überhaupt nicht. Jetzt, wo wir in Verhandlungen sind und kurz vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags stehen, heißt es auf einmal, diese Leute, die damals gestorben sind, fehlen uns heute als Potenzial für das neue Kolumbien. Dass diese Menschen bei den kriminellen Bombardierungen umgekommen sind, davon redet niemand.

Was war für Dich am schwierigsten?

A.N.: Der kulturelle Unterschied war für mich sehr schwer. Bei der Guerilla zu sein heißt sehr oft, über deine körperlichen Grenzen hinauszugehen. Das gilt für jeden Guerillero, für jede Guerillera. Aber du weißt, worauf man sich einlässt, du weißt, dass es häufig notwendig ist, diese Grenzen zu ignorieren. Das Militär ist in der Nähe, wir befinden uns im Kampf, da muss man sich einfach den Bedingungen anpassen. Was mir allerdings trotzdem schwer gefallen ist, obwohl mir der politische Teil völlig klar war, das war der kulturelle Unterschied. Erstmal die Sprache, klar. Aber auch das Verhalten allgemein. Kolumbianer*innen sind meistens ziemlich zugewandt, sehr gesellig. Wir arbeiten im Kollektiv und machen quasi alles mit Anderen zusammen, und bei mir war es so: Wenn alles getan war, fand ich es zum Beispiel super, mich zurückzuziehen, ein Buch zu lesen, allein zu sein… Und mir schien, als hätten Kolumbianer*innen dieses Bedürfnis nie. Inzwischen weiß ich, dass sie auch ab und zu mal ganz gern allein sind, aber tendenziell hängen sie lieber zusammen rum und quatschen, sie sind viel geselliger als wir, und das macht es schon mal schwierig.

Von allen Entbehrungen, die das Leben als Guerillera so mit sich bringt, was war für Dich die schmerzhafteste, die traumatischste Erfahrung?

A.N.:Ich würde sagen, das Schlimmste ist, wenn ein Genosse oder eine Genossin stirbt, besonders dann, wenn es jemand ist, mit dem oder der du im Alltag viel geteilt hast, wenn sich eine Freundschaft entwickelt hat. Das kommt recht oft vor in den Bergen, bei den Bombardierungen. Besonders schlimm war die Bombardierung, bei der Genosse Jorge, “El Mono Jojoy” starb. Das war die schlimmste Bombardierung, die ich als Guerillera je erlebt habe. Es war schlimm, ihn zu verlieren, aber was mich wirklich umgehauen hat, war die Reaktion der Genossinnen und Genossen in den Tagen nach Monos Tod. Statt zu weinen und den Kopf hängen zu lassen, wurde die Stimmung immer kämpferischer. Die Leute sagten: „Gerade jetzt müssen wir weitermachen, Mono hätte es so gewollt.“ Das war wirklich beeindruckend.

Was war denn nun mit diesem Tagebuch? Ich habe gelesen, dass ein Tagebuch gefunden wurde, in dem Du Dich über die Zustände bei der Guerilla beschwerst?

A.N.: Ich habe Tagebuch geschrieben, wie es viele Leute tun. Du schreibst auf, was dich traurig macht, Sachen, mit denen du nicht einverstanden bist, aber das war nichts Gravierendes. Alltagssachen so etwa in dem Stil: Ich habe mich über diesen Genossen oder jene Genossin geärgert, mir ist kalt, ich würde gern rauchen, habe aber keine Zigaretten…. Ich habe auch viele positive Sachen geschrieben, die kamen allerdings nie zur Sprache. Politische Analysen habe ich auch verfasst, von denen war später auch nie die Rede. Das Tagebuch wurde bei einem Überfall gefunden, ich war dabei, die Gegend abzusuchen, das heißt, ich war zu dem Zeitpunkt nicht in unserem Camp. Sie haben es gefunden und ins Spanische übersetzt, ich hatte auf Holländisch geschrieben. Und natürlich haben sie genau die Teile herausgegriffen, die ihnen für ihre Propaganda nützlich waren, um die Bewegung zu diffamieren. Manches haben sie auch einfach verfälscht. Zum Beispiel, bei einer Sache weiß ich noch ganz genau was war, als ich das geschrieben hatte. Ich war in einem unserer Camps, mir war ziemlich langweilig, ich hatte Anordnung, da zu bleiben und ich wollte nicht. Ich konnte nicht verstehen, was diese Anordnung soll, ich wollte raus und was machen. Das habe ich aufgeschrieben, und sie haben es so aussehen lassen, als wolle ich die FARC verlassen. Und daraus haben sie dann eine Titelzeile gemacht. Solche Sachen meine ich.

Was hat das für Dich bedeutet?

A.N.: Naja, nicht so viel. Ich habe mich sehr geärgert, dass ich den Fehler gemacht habe, dieses Tagebuch im Camp liegen zu lassen, wo jederzeit der Feind aufkreuzen und es für seine Zwecke nutzen kann. Das war das Schlimmste, dass es meine eigene Dummheit war. Ich habe daraufhin bei einer unserer Versammlungen öffentlich Selbstkritik geübt, nicht weil es mir befohlen wurde, sondern weil ich es wollte. El Mono hat einmal bei einer Versammlung darauf Bezug genommen und gesagt: „Seid vorsichtig mit solchen Dingen, sowas kann großen Schaden anrichten, der Feind nutzt sowas für seine Zwecke. Aber wir kennen Alexandra seit vielen Jahren, und wir arbeiten genauso weiter mit ihr wie bisher.“ Das war alles.

Ich würde gern noch mit dir über die Rolle der Frauen in der FARC sprechen. Über dieses Thema wird immer alles Mögliche gesagt, und ich wüßte gern, welche Rolle deiner Ansicht nach Frauen in der FARC spielen.

A.N.: Die Rolle der Frauen in der FARC, also die Rolle der Guerillera, ist identisch mit der Rolle der Männer. Wir tun exakt das Gleiche: Wir kümmern uns um organisatorische Fragen, wir schleppen Brennholz, wir kämpfen, wir laufen die Marschrouten, wir kochen… insofern existiert kein Unterschied zwischen Frauen und Männern, und so steht es auch in unseren Statuten. Natürlich gibt es oft Leute, die zu unserer Bewegung stoßen und ihre Vorurteile mitbringen, ihre festen Vorstellungen von sogenannten weiblichen und männlichen Aufgaben und Tätigkeiten, und daran halten sie die ersten ein, zwei oder auch drei Jahre fest. Es ist nicht leicht, diese Stereotypen zu verändern, das ist eher ein langsamer Prozess. Es gibt Dinge, die sitzen einfach sehr tief, bei Männern und bei Frauen. Frauen haben zum Beispiel oft die Tendenz zu denken, sie taugen nicht zur Anführerin; an der Spitze zu stehen und andere zu lenken sei nichts für sie. Und das gehört für mich zu den wunderschönen Aspekten unserer Bewegung: zu sehen, wie die Genossinnen im Laufe der Jahre ihre Haltung ändern, wie sich ihnen eine ganz neue Welt eröffnet und wie sie schließlich erkennen, dass sie sehr wohl exponierte Aufgaben innerhalb der Bewegung übernehmen können, sei es im Bildungsbereich oder in der Organisation, dass sie alles machen können. Sie können genauso wie die Männer Verantwortung übernehmen, und sie machen ihre Sache sehr gut, oft auch besser als Männer, weil Frauen tendenziell vernünftiger sind.

Lass uns jetzt mal über eine andere Facette Deiner Persönlichkeit sprechen, die den Kolumbianer*innen eher fremd ist, nämlich Deine Musik. Hast Du als Kind schon Musik gemacht, oder hat sich das erst hier entwickelt? Du komponierst, du rappst… erzähl mir ein bißchen darüber.

A.N.: Also. Als Kind habe ich Orgel gespielt, mit 15 habe ich dann mit Gitarre angefangen, Flöte spielte ich auch. Musik war immer extrem wichtig für mich. In meiner Heimatstadt war ich zwölf Jahre in der Musikschule; in der Schule habe ich Musikunterricht belegt, also ich kannte mich auch mit Musikgeschichte und so aus. Als ich in Pereira lebte, hatte ich sogar eine Band, wir haben englische Rockmusik gemacht und sind durch die Bars getingelt. Als ich zur Guerilla kam, hat das ein bißchen aufgehört. Wenn man so in den Bergen lebt, ist es nicht so einfach, Musik zu machen. Einmal haben die Genoss*innen mir mit großem Aufwand eine Gitarre besorgt, aber es ist einfach echt kompliziert. Musik machen bedeutet auch ziemlich viel Lärm, und das kann man im Krieg nicht ohne weiteres machen. Von daher war damit schnell Schluss, und es gibt einfach nie richtig Gelegenheit, weder zum Musikmachen noch zur gedanklichen Beschäftigung mit Musik, also zum Komponieren oder zum Texten. Das ist mir wichtig, falls es zur Unterzeichnung des Friedensvertrags kommen sollte, dass dann wieder mehr Raum für Kreativität da ist, ich bin ja nicht die Einzige, viele Genossinnen und Genossen haben eine Verbindung zur Kultur…

Noch ein wichtiges Thema: Kommunikation. Wie steht es um die Zusammenarbeit mit der Presse, mit Deiner Rolle als Sprecherin? Was für Erfahrungen hast du mit den alternativen Medien gemacht bzw. jetzt mit eurem Internetportal?

A.N.: “Der tendenziösen Berichterstattung der Medien ein Ende setzen”, das ist eines unserer Ziele oder: es war bisher eins. Wir haben die Situation analysiert, als wir in Havanna waren und auch in der Caguán-Zeit. Davon ist nicht soviel dokumentiert. Aber ich würde gern ein Beispiel nennen, und zwar das mit dem „Bombenhalsband“. Die FARC hat damals öffentlich erklärt, dass sie nicht dahinter stand und dass unsere Organisation nicht zu solchen Mitteln greift. Ich glaube, das war damals durch den Genossen Raúl Reyes. Wir haben jedenfalls eine Stellungnahme veröffentlicht, die heute mit keiner Silbe mehr erwähnt wird. Daher ist heute in den Köpfen der kolumbianischen Bevölkerung die Ansicht fest verankert, dass es die FARC war, die der Person dieses Bombenhalsband angelegt hat. Das ist nur ein Beispiel, aber es gibt viele solcher Fälle. Deshalb haben wir uns gesagt: Das passiert, wenn wir selber kein Archiv anlegen und unsere Sachen dokumentieren, wenn wir kein eigenes Medium haben… Damals gab es sehr wenige alternative Medien. Wenn wir so etwas nicht aufbauen, wer soll das dann für uns machen? Nimm zum Beispiel Caracol oder RCN. Ihren Berichterstattungen ist deutlich anzumerken, dass sie sich immer auf eine Seite schlagen, und deshalb ist es wichtig, ein eigenes Medium zu haben. So haben wir angefangen, den Blog einzurichten, das heißt, erst war es ein Blog, dann war es eine Website der Friedensdelegation, wo wir unsere Erklärungen veröffentlichen konnten. Als nächstes haben wir dann die sozialen Netzwerke, Twitter, Facebook, google+ und so weiter für uns entdeckt, und so kam dann die Idee auf, unser eigenes Internetportal zu machen und an dieser Idee arbeiten gerade immer mehr Leute, erweitern ihre Fähigkeiten und so weiter.

Was bedeutet der Friedensprozess für die Organisation im Hinblick auf internationalen Beziehungen?

A.N.: Ich würde sagen, dass sich das Bild, das in anderen Ländern von der FARC bestand, in den drei Jahren, die wir jetzt in Havanna sind, enorm gewandelt hat. Vielleicht nicht gerade um 180°, aber wir sind auf einem guten Weg, glaube ich. Wir haben gerade sehr sehr viele Kontakte, einmal natürliche die Offiziellen: Durch die Friedensgespräche haben wir Verbindungen nach Norwegen, Kuba, Venezuela, Chile, zur UNO, also zu allen Ländern, die offiziell an den Friedensgesprächen beteiligt sind, da ist ein Sondervertreter aus den USA, einer aus Deutschland, einer aus der EU. Das ist natürlich sehr wichtig. Was aber, glaube ich, noch wichtiger ist, das ist die Zusammenarbeit mit den Basisorganisationen, mit den kommunistischen Parteien überall in der Welt. Es kamen Leute aus Südafrika und haben von ihrem Friedensprozess erzählt, wir bekamen Informationen aus Nordirland, da kamen Menschen von dort mit Geschichten von ihrem Friedensprozess, es kamen Genoss*innen aus El Salvador, Vertreter*innen sozialer Verbände in den Vereinigten Staaten, Genoss*innen aus Australien, sie alle kamen, um mit den Genoss*innen des FARC-Sekretariats zu sprechen. Viele kommen in die Unterkommission Gender, wo ich arbeite. Es kommen auch sehr viele Journalist*innen nach Havanna, und ich muss sagen, das Verhältnis hat sich verbessert.

Was meinst Du, wie könnte man eine Brücke schlagen zu den Kolumbianer*innen, die in den Städten leben? Wie können wir uns gegenseitig kennenlernen und uns miteinander verbinden?

A.N.: Ich glaube, die Leute in der Stadt wissen einfach nichts von dem Konflikt, sie wissen nichts von der Guerilla, sie wissen nicht einmal, was gerade in Havanna passiert, und ich würde sagen: Dass so wenig darüber bekannt ist, liegt zu einem großen Teil in der Verantwortung der Medien, und dass unser Aufstand als etwas so Unmenschliches wahrgenommen wird, ebenfalls, insbesondere während der Uribe-Ära. Aber man sieht es auch in den Anfängen der Guerilla-Bewegung, erst wurden sie dargestellt als kleine Gauner, dann als Banditen, dann als Terroristen und schließlich als Drogenmafia, da ist alles dabei. Kürzlich habe ich jemanden sagen hören, ich glaube, es war Darío Arizmendi: „Was kann die Regierung tun, um diesen Versöhnungsprozess und die Friedenspädagogik anzuschieben?“, und ich dachte nur: „Ihr seid doch die ersten, die sich mal mit Friedenspädagogik beschäftigen müssen, um eine Versöhnung innerhalb des kolumbianischen Volks zu erreichen“. Die Presse hat einen Großteil der Verantwortung darin. Ich denke, wir müssen Brücken bauen. Wenn wir zum Beispiel in den sozialen Netzwerken kommunizieren, dann merkt man an dem, was da zurückkommt, dass die Leute aus den Städten gegen den Friedensprozess und gegen die FARC sind, obwohl sie eigentlich gar keine Ahnung haben. Das sind überwiegend Leute aus der Mittelschicht, die erkennt man immer ganz gut an ihrer Art zu reden. Damit will ich nicht sagen, dass wir irgendwie die Besseren sind, die Heiligen, die keine Fehler machen. Natürlich haben auch wir Fehler gemacht und wir haben das anerkannt. Trotzdem herrscht ein ziemliches Unwissen darüber, wer wir sind, wofür wir stehen und was wir für dieses Land erreichen wollen.

Ich wüßte gern, wie viele Menschen eigentlich unsere Minimalforderungen kennen, die wir Tag für Tag von Havanna aus gesendet haben und wie viele Menschen eigentlich mit diesen Forderungen einverstanden wären, wenn sie sie denn kennen würden. Ich denke, das wären jede Menge. Denn die derzeitigen Minimalforderungen der FARC sind sehr einfach: die Demokratisierung des Landes, eine breitere Beteiligung an der Politik, mehr Schulen und eine bessere technische Versorgung in ländlichen Gebieten – wer sollte etwas dagegen haben? Die Auflösung der Großgrundbesitz-Struktur – wer sollte da etwas gegen haben, außer natürlich die Großgrundbesitzer und einige wenige Leute. Wir möchten das ausländische Eigentum an kolumbianischem Boden begrenzen. Wir haben nichts gegen multinationale Konzerne, aber sie sollen auch Verantwortung für soziale Fragen und Umweltkonflikte tragen.

Wenn der Friedensvertrag unterzeichnet wird, bleibst Du dann trotzdem in Kolumbien oder gehst Du nach Europa zurück, was meinst Du?

A.N.: Ich denke, hier gibt es viel Aufbauarbeit zu leisten, und wenn sie mich hier haben wollen, würde ich gern in Kolumbien bleiben und meinen Beitrag leisten wie alle anderen Guerilleros und Guerilleras.

Verstehst Du Dich gut mit Deiner Familie?

A.N.: Oh ja. Nur im Zusammenhang mit dieser Tagebuch-Geschichte gab es ein Problem, wenn man das überhaupt so nennen kann. Meine Mutter hatte mich in Bergen besucht, und wir hatten eine schöne Zeit, meine Mutter sah, dass es mir hier gut geht, und ich sagte ihr, dass ich hier bleiben werde, dass ich sie zwar sehr liebe, aber dass mein Leben nun mal hier in den Bergen sei. Sie sagte: „Na gut, ich kann nicht sagen, dass ich begeistert bin, aber wenn du hier deine Erfüllung siehst und in den Bergen bleiben willst, dann akzeptiere ich das.“ Und dann kam das Tagebuch und die mediale Ausschlachtung dessen, was ich geschrieben hatte, dass mir langweilig ist, dass ich unglücklich bin und die Guerilla verlassen will, und meine Mutter wusste nicht mehr, was sie glauben soll. Und sie haben sie tatsächlich dazu gebracht, vor laufender Kamera in einen Hubschrauber zu steigen und auf Holländisch durch ein Megaphon zu rufen, dass ich doch nach Hause kommen soll, und das irgendwo in den Bergen, ohne dass sie sicher wussten, dass ich mich zu dem Zeitpunkt überhaupt in dieser Gegend aufhielt. Darüber gibt es eine Fernseh-Doku!

Inzwischen hatten wir Gelegenheit, miteinander zu sprechen, und sie meinte: „Die Gefühle einer Mutter sind mit nichts anderem gleichzusetzen“, was natürlich stimmt, und nun weiß sie ja, dass es mir wirklich gut geht, weil wir miteinander im Kontakt stehen.

Gibt es etwas, das Du den Kolumbianer*innen gern ans Herz legen würdest?

A.N.: Ja, Ich hätte gern, dass sie uns kennenlernen. Dass sie wissen, wer wir sind, und uns danach beurteilen. Dass sie wissen, wie unsere Idee von einem neuen Kolumbien aussieht, dass sie die Guerilleros und Guerilleras kennenlernen. Damit sie sehen dass … (ich wollte schon sagen: dass wir Kolumbianer*innen sind genau wie sie), also dass es Kolumbianer*innen sind wie sie, es sind Leute, die viel Produktives zu diesem Land beisteuern können. Ich habe letztens mal eine Umfrage gelesen, da stand: „Würden Sie Ihrem Sohn erlauben, mit einem Guerillero oder einem Ex-Guerillero befreundet zu sein?“ Als würde die Guerilla nicht zum Volk gehören. Aber es ist ein Volk. Ein Volk, das dringend an seiner Versöhnung arbeiten muss. Es kamen zum Beispiel auch Leute nach Havanna, die Opfer der Guerillakämpfe geworden sind, zum Beispiel Leute aus Bojayá. In Bojayá gab es eine Gedenkveranstaltung. Ich glaube, innerhalb des kolumbianischen Volkes ist einfach der Wunsch nach Versöhnung sehr präsent, der Wunsch, etwas Neues aufzubauen und endlich in Frieden zu leben.

Dies war ein Bericht aus dem Urwald in Putumayo von Yina Tatiana Piragauta für Red de Comunicadores Populares del Sur.

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