Peru

Familien der Colina-Opfer protestieren gegen Begnadigung des Ex-Präsidenten Fujimori


Von Alberto Ñiquen

Familien der Opfer

Die Familien der Ermordeten fordern noch immer Gerechtigkeit. Foto: Anred/la mula/Antonio Escalante

(Lima, 14. Januar 2018, anred/la mula).- Sie werden stigmatisiert von denen, die die Vergangenheit einfach vergessen wollen. Sie werden als Rachsüchtige bezeichnet, weil sie den Kampf für Gerechtigkeit in Peru nicht aufgeben. Die Rede ist von jenen Peruaner*innen, deren Leben sich zwischen 1991 und 1992 schlagartig verändert hat, als die Todesschwadron Grupo Colina 25 ihrer Familienmitglieder während der Massaker von Barrios Altos und La Cantuta tötete. Diese und weitere schwere Menschenrechtsverbrechen waren der Grund für die Verurteilung des Ex-Präsidenten Alberto Fujimori im Jahr 2007 zu einer 25-jährigen Haftstrafe. Nun hat Präsident Pedro Pablo Kuczynski am vergangenen 24. Dezember Fujimori aus „gesundheitlichen“ Gründen begnadigt. Es gibt Gerüchte, dass es eine Absprache gegeben haben könnte zwischen Kuczynski und den Fujimoris, die im Gegenzug durch eine Enthaltung von zehn Stimmen im Amtsenthebungsverfahren eine Absetzung Kuczynskis verhindert haben.

„Alberto Fujimori ist in Freiheit und zufrieden, während mein Sohn weiterhin verschwunden ist“. „Die Freilassung dieses Kriminellen ist eine Beleidigung für das ganze Land“. „Fujimori hat meinen Sohn getötet und nun hat ihn Kuczynski noch einmal getötet, genauso wie uns auch“. Diese Aussagen und andere hört man von den Familienangehörigen der Opfer, die der Filmregisseur Javier Corcuera von La Mula in diesem Video begleitet hat.

„Während die Fujimoris fröhlich am Feiern waren, haben wir gelitten“

Die Familien der Opfer von Barrios Altos und La Cantuta haben den vergangenen Weihnachtsabend mit einem Gefühl von Empörung, Wut und Hilflosigkeit verbracht. „Während die Fujimoris fröhlich am Feiern waren, haben wir gelitten“, gesteht Javier Roca Obregón, Vater von Javier Roca Casas (getötet in den Kellern des Geheimdienstes SIN).

Sie lehnen die Begnadigung ab und verlangen eine Aufhebung des Beschlusses. Für die Forderungen nach Versöhnung von Seiten der Regierung und der Fujimoris hat Gisela Ortiz Perea, die Schwester von Luis Enrique Ortiz (La Cantuta), kein Verständnis. „Eine Versöhnung ja, aber wenn nur mit den Angehörigen der Ermordeten durch Fujimori. Sie wollen uns eine Versöhnung aufdrängen und sagen, man müsse das Kapitel endlich beenden. Aber es ist PPK (Präsident Pedro Pablo Kuczynski, Anm. d. Red.), der sich mit den Fujimoristen versöhnt hat, indem sie einen Mörder freigelassen haben.“

„Armando hatte Träume wie alle jungen Menschen. Er war mein ältester Sohn und hat studiert, um uns unterstützen zu können. Er wurde entführt, ermordet und einfach verschwinden gelassen. Ich habe nur noch einige Schlüssel von ihm. Seinen Körper habe ich nicht. Und als ich dachte, es würde nun endlich Gerechtigkeit geschehen, verrät uns PPK, indem er diesen Kriminellen Fujimori freilässt“, sagt Raida Cóndor, die Mutter von Armando Amaro Cóndor (La Cantuta).

Wie bereits oben erwähnt, werden die Angehörigen der Opfer von den Fujimorist*innen als rachsüchtig bezeichnet, doch sie kämpfen nur für Gerechtigkeit und verteidigen die Erinnerung an ihre verlorenen Familienmitglieder. Seine Rechte einzufordern und für Gerechtigkeit einzustehen habe laut den Angehörigen weder mit Hass noch mit Rache zu tun. Auch wenn Kuczynski ihnen den Rücken zugekehrt hat, fühlen sie sich nicht alleine. Genau wie vor 28 Jahren fühlen sie sich von einem Teil der Gesellschaft unterstützt, aber sie fordern mehr Peruaner*innen auf, Solidarität zu zeigen und keine Straflosigkeit zu dulden.

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