Mexiko USA

Der amerikanische Traum ist aus.


Von Lydia Cacho, Plan B*

"Die Nordamerikaner*innen müssen sich nun mit den Ruinen dessen, was einst ihr Land war, auseinandersetzen" /Foto: Cesar Martinez López, Cimacfoto

„Die Nordamerikaner*innen müssen sich nun mit den Ruinen dessen, was einst ihr Land war, auseinandersetzen“ / Foto: Cesar Martinez López, Cimacfoto

(Mexiko-Stadt, 14. November 2016, cimac).- Der Wahlsieg Trumps, so brüchig sein Triumph aufgrund seiner trägen Unwissenheit auch sein mag, so sehr er auch für das Weltbild eines frauenfeindlichen, rassistischen Unternehmers im Kapitalismus eintritt, der sich allen Grundideen des Menschenrechts, der Gleichheit und der Demokratie entgegenstellt – dieser Wahlsieg hat nach meinem Dafürhalten auch sein Gutes: Er hat die Gesellschaft aus ihrem Schlaf der Gerechten gerissen. Oder, wie einige US-amerikanische Sozialanthropologen bemerkten:  “The American dream is over, we have awaken” – Der amerikanische Traum ist aus. Wir sind aufgewacht.

Blinder Optimismus der selbsternannten Weltpolizei

Seit einigen Tagen bin ich es leid, mich mit Vorahnungen, Spekulationen und Projektionen bezüglich der Zukunft Mexikos nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu befassen. Vermutlich geht es Ihnen nicht anders.

Mehr als zehn Jahre habe ich die Vereinigten Staaten von Nord nach Süd bereist, meine Reisen gingen von Kalifornien nach Utah, von Wisconsin nach Florida, von North Carolina nach Washington und standen stets im Zeichen der Zusammenarbeit mit Bildungs- und Menschenrechtsinitiativen, mit Akademiker*innen, Politiker*innen, Feminist*innen, Umweltschützer*innen, mit Menschen also, die sich täglich mit den schwerwiegendsten Problemen in ihrem Land befassen, in diesem „Amerika“, das sich im Laufe der Jahrzehnte zur selbsternannten Weltpolizei entwickelt und im Zuge dessen aufgehört hat, sich selbst wahrzunehmen – mit einem blinden Optimismus, der von den führenden Politiker*innen des Landes systematisch befeuert wurde.

Der Wahlsieg Trumps, so brüchig sein Triumph aufgrund seiner trägen Unwissenheit auch sein mag, so sehr er auch für das Weltbild eines frauenfeindlichen, rassistischen Unternehmers im Kapitalismus eintritt, der sich allen Grundideen des Menschenrechts, der Gleichheit und der Demokratie entgegenstellt – dieser Wahlsieg hat nach meinem Dafürhalten auch sein Gutes: Er hat die Gesellschaft aus ihrem Schlaf der Gerechten gerissen. Oder, wie einige US-amerikanische Sozialanthropologen bemerkten:  “The American dream is over, we have awaken” – Der amerikanische Traum ist aus. Wir sind aufgewacht.

Traumbild eines freien Landes

Für mich war schon immer klar, dass der amerikanische Traum nicht für alle Menschen in Erfüllung geht, die sich nach wirtschaftlichem Erfolg und akademischer Bildung sehnen. Durch meine Reportagen über das erschreckende Ausmaß des Menschenhandels und die hohe Zahl an Frauenmorden bin ich immer klarer zu dem Schluss gekommen, dass zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung der amerikanische Traum eigentlich der amerikanische Tiefschlaf ist.

Das Traumbild hingegen ist das eines freien Landes, das sich nach innen konsolidieren und gegen die gefährlichen Feinde von außen schützen muss, und zwar in einem solchen Maße, dass die Probleme im Inneren überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden. Terrorist*innen, Russ*innen, mexikanische Drogendealer*innen – die Liste der Feinde, derer die „Weltpolizei“ sich erwehren muss, ist so lang, wie der Kriegsetat des Landes es nur eben zulässt. Mit diesem Etat greift das Pentagon weit entfernte Länder an und macht sie sich zu eigen, obwohl etwa 60 Prozent der US-Amerikaner*innen nicht einmal in der Lage wären, diese Regionen auf einer Landkarte zu finden.

Und so träumt die amerikanische Bevölkerung, insbesondere die Weißen und Privilegierten, ihr Land sei ein von Immigrant*innen gegründetes, das es dank seiner Vielfalt geschafft habe, gegen den britischen Kolonialismus zu rebellieren, ein Land, dessen Nationalsymbol, die Freiheitsstatue, die Ankommenden willkommen heißt – besonders willkommen allerdings die Menschen mit weißer Hautfarbe und den Taschen voller Geld, das in die kapitalistische Wirtschaft investiert werden soll. Das ist “The Great America”, von dem Donald Trump im Zuge seines Wahlkampfs immer gesprochen hat.

Umdeutung von Schikane und sexuellen Übergriffe

Das Vaterland, auf das Trump sich voller Stolz bezieht und das er unterstützt, ist eines, in dem die Nachkommen der Privilegierten Zugang zu Macht und Ruhm, zu Geldwäsche, Glanz und Gloria haben sollen. Dieses Vaterland hat im Jahrzehnt der Schwestern Kardashian, als den berühmtesten Vertreter*innen des amerikanischen Traums, hirnlose, ungebildete, künstlich erzeugte Marionetten hervorgebracht, die ihre intimsten Geheimnisse an den Meistbietenden verraten würden und an denen die Schönheitschirurgie, die People of Colour in Weiße verwandelt, bereits Millionen verdient hat.

Die ausgesprochen amerikanische Mutter dieser Schwestern, Kris Jenner, fürchtet das Altwerden und ist imstande, ihre Töchter zu verschachern, um angesichts ihrer Defizite Beachtung zu erlangen und um ihrem Land noch etwas anderes zu geben als die Phantasie, Miss Universum zu sein. Trump gab von jeher den kapitalistisch orientierten, frauenfeindlichen Vater und König der Schönheitswettbewerbe. Das ist ein Terrain, das Schikane und sexuelle Übergriffe zu Strategien, die Frauen an die Macht bringen können, umdeutet. Er ist der “all american man”, der typische perfekte weiße Amerikaner, dessen von ihm gekaufte Ehefrauen aus Ländern stammen, die ein Überangebot an heiratsfähigen Frauen zum Verkauf anbietet, ein Mann, dem es gelungen ist, in seinem Wahlkampf dem Kauf und Verkauf von Frauen ein positives Gesicht zu verleihen.

Sozialgefüge muss erst wieder hergestellt werden

Nun sprechen alle nur noch über die Mauer. Dabei sind zwei Drittel unserer nördlichen Landesgrenze bereits durch eine Mauer und todbringende gesetzlich legitimierte Grenzschutz-Maßnahmen verstärkt. Entstanden ist dieser Wall unter einer demokratischen US-Regierung, die die Ausweisung hunderttausender Mexikaner*innen, Latinos und Latinas veranlasst hat. Aber nun haben wir es mit einem Unternehmer zu tun, der den Gesetzen der Marktwirtschaft Folge leistet, und mit einem Land, dessen Landwirtschaft zu 90 Prozent von der Arbeit versklavter Latin@s, die meisten von ihnen Mexikaner*innen, abhängt.

Ein Unternehmer aus einer „Bibelgürtel“ genannten US-Region erklärte, er habe Trump gewählt und trete für den Erhalt der Lohnsklaverei ein, um nicht den Millionen von entrüsteten, weil irregeleiteten arbeitslosen Weißen die Jobs zu überlassen. Nein, die Trump-Anhänger*innen wollen keine Nordamerikaner*innen mit Arbeitsrechten und Gewerkschaften einstellen, sie wollen Arbeitssklav*innen ohne Papiere, ausgebeutete, verschreckte Menschen, die den Mund halten.

Vielleicht ist das der Hintergrund, der vom mexikanischen Innenminister Osorio Chong inszenierten Pantomime mit den mexikanischen Unternehmern: Sie wissen, dass die Landwirtschaft dank der Lohnsklaverei sichtbare Fortschritte gemacht hat, sie wissen, dass das zumindest in Mexiko so bleiben wird. Die Nordamerikaner*innen müssen sich nun mit den Ruinen dessen, was einst ihr Land war, auseinandersetzen. Endlich ist ihnen klargeworden, dass sie viel Kraft aufwenden müssen, um das Sozialgefüge wiederherzustellen. Wurde auch Zeit.

Der Name „Plan B“ steht für die Überzeugung, dass immer auch eine andere Sichtweise der Dinge existiert, dass immer auch Faktoren Einfluss nehmen, die im traditionellen Diskurs, dem „Plan A“, nicht berücksichtigt werden.

 


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