Lateinamerika

Adolfo Pérez Esquivel: „Ich bin ein ständiger Rebell gegen jedes Unrecht“


von Paolo Moiola

(Lima, 06. Mai 2010, noticias aliadas).- Ein Interview mit Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel.

Krieg und Frieden, Wirtschaft und Liberalismus, Ressourcen und multinationale Konzerne, Regierungen und Menschenrechte. Zu all diesen Themen vertritt Adolfo Pérez Esquivel, Friedensnobelpreisträger von 1980, eindeutige Positionen. Er vertraut in die Kraft des Glaubens und der Spiritualität. Der 1931 in Buenos Aires geborene Argentinier war vom norwegischen Auswahlkomitee für seinen Kampf gegen die Militärdiktatur (1976 – 1983) ausgezeichnet worden. Er lehrte als Professor für Architektur, Malerei und Bildhauerei und hat nie aufgehört, für die Menschenrechte auf der ganzen Welt zu kämpfen. Paolo Moiola, Mitarbeiter von Noticias Aliadas, sprach mit dem 78-jährigen Pérez Esquivel sowohl über seinen Einsatz für die Menschenrechte als auch über seinen unerschütterlichen Glauben.

Sie haben während der argentinischen Diktatur für die Menschenrechte gekämpft. Wie stellt sich die Situation heute dar?

Bei den Menschenrechten handelt es sich nicht nur um jene Rechte, um die wir während der Diktatur gekämpft haben. Auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte gehören dazu. Es geht um das Recht auf Bildung und Arbeit, das Recht, sich zu informieren und informiert zu sein. Bei den Menschenrechten der sogenannten „dritten“ Generation wiederum reden wir vom Recht auf eine gesunde Umwelt. Die Menschenrechte stellen insgesamt eine Einheit dar und sind unteilbar. So wie die Demokratie unauflöslich mit den Menschenrechten verbunden ist.

Alle reden von den Menschenrechten, aber die Realität sieht oft anders aus. Manche Regierungen haben Abkommen unterzeichnet, aber nicht ratifiziert. Zum Beispiel haben die USA die UN-Kinderrechtskonvention bis heute nicht ratifiziert. Wie kann es sein, dass eine Großmacht, die den Anspruch erhebt, Verteidigerin der Demokratie zu sein, sich dem widersetzt?

Dies geht weit über den persönlichen Einsatz von US-Präsident Barack Obama hinaus. Es ist Politik der USA, dem Rest der Welt den eigenen Willen aufzuzwingen. Aber all dies kann aufhören, da keine Gesellschaft statisch ist. So wie die Menschenrechte, die eine stetige Energie des Lebens darstellen. Eine Deklaration ist kein toter Text. Sie ist eine Kraft in der Gesellschaft und im Bewusstsein. Ich glaube, dass wir in den kommenden Jahren grundlegende Veränderungen erleben werden. Gegenwärtig gibt es zwar eine Entleerung von Werten und Inhalten, aber darüber dürfen wir nicht verzweifeln.

Sie sind Friedensnobelpreisträger, wie auch Barack Obama. Was haben Sie empfunden, als Sie erfuhren, dass er diese Auszeichnung erhält?

Ich war schon überrascht, aber ich habe ihm einen Glückwunschbrief geschickt (vgl. poonal 867). Ich habe Obama geschrieben, dass mich seine Auszeichnung erstaunt habe, aber dass er jetzt, als Friedensnobelpreisträger, auch für den Frieden arbeiten und kämpfen solle. Bedauerlicherweise hat sich aber bei Obama eine Metamorphose vollzogen. Jeden Tag wird er seinem Amtsvorgänger George W. Bush ähnlicher. Es kann doch nicht sein, dass er sieben Militär-Basen in Kolumbien errichtet, dass er seine Zustimmung zur Reaktivierung der 4. Flotte der US-Seestreitkräfte gibt, die im Südatlantik operiert, dass er 30.000 weitere Soldaten nach Afghanistan in einen verlorenen Krieg schickt und dem Leben der Menschen dort Tod und Schmerz hinzufügt. Dazu die US- und NATO-Soldaten, die entweder tot oder für den Rest ihres Lebens versehrt nach Hause zurückkehren.

Das sind die Kriege der reichen Länder gegen die verarmten Länder. Das sind Wirtschaftskriege, in denen es um die Aneignung von natürlichen Ressourcen geht. Wenn dies die Politik der USA und von Obama ist, hat sie mit Frieden nichts zu tun. Frieden ist meiner Meinung nach etwas anderes. Der Frieden ist ein Projekt des Lebens; Obama betreibt ein Projekt des Todes.

Aber warum hat die norwegische Akademie den Friedensnobelpreis dann an Obama verliehen?

Offen gestanden, weiß ich es nicht. Um ehrlich zu sein, ich weiß auch nicht, warum sie ihn damals mir gegeben haben. Ich glaube, auch in meinem Fall haben sie sich getäuscht. Weil ich ein ständiger Rebell gegen alle Ungerechtigkeiten bin. Ein Rebell ja, aber einer mit Zuversicht. Dennoch hat die Wahl von Obama zum US-Präsidenten viele Hoffnungen geweckt, vor allem außerhalb der USA. Ich glaube, Obama ist an die Regierung gekommen, aber nicht an die Macht. Es ist eine Sache, was Obama persönlich möchte und eine andere Sache ist, was er als Führungsperson einer Großmacht tun kann, die ihm Bedingungen auferlegt. Er ist Sklave mehrerer Machtzentren: des militärischen Zentrums der Vereinigten Staaten, des Pentagons, der CIA, der großen multinationalen Konzerne.

Sie betonen stets die Rolle, welche die multinationalen Konzerne für die Lage auf der Welt spielen.

Die Multis haben keine Grenzen und bewegen sich auf der Welt mit dem Ziel, die Ressourcen der Völker zu plündern. Die Vereinten Nationen haben bezüglich der Ernährungssouveränität Alarm geschlagen. Laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO verhungern auf der Welt täglich 35.000 Kinder. Wie soll man das nennen? Das ist die Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Die großen Multis arbeiten mit Monokulturen. Aber die Natur hat niemals Monokulturen geschaffen, sondern Vielfalt, um ein Gleichgewicht zu erzeugen. Die Multis sind dabei, die Schöpfung Gottes zu zerstören. Nur indem man den Samen der Solidarität und der Arbeit streut, lassen sich Frieden und Leben schaffen.

Sie sind ein Rebell auf christlichem Fundament…

Ja, ich habe eine christliche Grundlage, die für mich ganz wesentlich ist. Meine Quelle ist das Evangelium. Ich bin mit den Franziskanern aufgewachsen. Und ich folge sehr stark dieser Spiritualität, wie sie etwa der Franzose Charles de Foucauld gelebt hat.

Oft heißt es, die Kirche stehe immer auf der Seite der Mächtigen. Würden Sie dieser Behauptung zustimmen?

Nein, nicht die Kirche, sondern die Hierarchie, und auch diese nicht vollständig. Schauen Sie sich die Wände dieses Büros an… Dort Evaristo Arns, Bischof von São Paulo. Und hier das Foto von Monsignore Enrique Angelelli, eines Märtyrers, der von der argentinischen Militärdiktatur ermordet wurde. Oder denken wir an eine Figur wie Monsignore Óscar Romero… Ich bin ein Mann der Meditation und des Gebets. Für mich muss die Tat einen transzendentalen Hintergrund haben. Es gibt Werte und Prinzipien. Alle Menschen sind Brüder und Schwestern, mögen sie auch meine Feinde sein.

Wenn es heißt „Liebe auch deinen Feind“, was bedeutet das? Nicht, ihm Schaden zuzufügen, sondern versuchen, sein Herz zu verwandeln. Ich bin ein Überlebender, und das Einzige, was mich in diesen Momenten stützte, war der Glaube. Als sie nach 32 Tagen in einem schmutzigen Verlies (in das kein Licht und gar nichts drang) die Tür öffneten, sah ich an der Wand, was ein ehemaliger Gefangener mit seinem eigenen Blut geschrieben hatte: „Gott tötet nicht.“ Das ist ein Zeugnis tiefen Glaubens.

Wie war ihr Gefängnisaufenthalt während der Diktatur?

Ich war 14 Monate im Gefängnis und wurde nach meiner Freilassung überwacht. Am 5. Mai 1977 nahmen sie mich in Buenos Aires fest, in Ketten wurde ich in ein Todesflugzeug gesetzt, das einige Stunden über dem Río de la Plata und dem Meer flog. Schließlich entschieden sie, mich nicht aus dem Flugzeug zu werfen, da der internationale Druck sehr stark war. Ich muss Gott danken, dass ich noch hier bin, um arbeiten und Zeugnis geben zu können. Wie kann man keinen Glauben haben? Für mich ist der Glaube Leben.

Trotz allem sprechen Sie immer von Hoffnung.

Weil wir, trotz allem, die Fähigkeit haben, die Wirklichkeit zu verwandeln. Und das ist die Hoffnung.

Sie sind Präsident der Internationalen Akademie für Umweltwissenschaften IAES (International Academy of Environmental Sciences) in Venedig in Venedig. Wie beurteilen Sie als deren Präsident die jüngste UN-Klimakonferenz in Kopenhagen?

Ich glaube, das einzige, was Kopenhagen gebracht hat, war, dass nichts beschlossen wurde. Es wurde klar, dass es sich um einen Krieg zwischen den armen oder verarmten Ländern und den reichen Ländern handelt. Letztere wollen sich die Ressourcen ersterer aneignen und das tun sie mit Hilfe des von Armeen, multinationalen Kräften, der Welthandelsorganisation WTO, dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank… Es ist tragisch.

Die IAES in Venedig, deren Präsident ich bin, hat den Vorschlag gemacht, einen Internationalen Strafgerichtshof für die Umwelt einzurichten. Außerdem soll ein internationales Gremium das Umweltverhalten der multinationalen Konzerne überwachen, die ja die Hauptverantwortlichen für die Umweltzerstörung sind. Man denke nur an die Bergbauunternehmen und die Soja-Produzenten. Man denke an die Umwelt verschmutzenden Unternehmen aus dem Norden, die nach Lateinamerika, Afrika und Asien geschickt werden. Es sind die multinationalen Konzerne, die sich die Samen aneignen und den Bauern, der sie nutzt, des Diebstahls bezichtigen.

Und wo sehen Sie dann Hoffnung?

Zum Beispiel in der Landlosenbewegung in Lateinamerika, die sich auch in Afrika und Asien ausbreitet und auf diese Art und Weise versucht, Süd-Süd-Verbindungen herzustellen. Diese Bauern wollen das Land, um es zu bearbeiten, nicht, um es auszubeuten; um Leben zu geben, nicht um Tod zu bringen. Im Gegensatz zu den Multis, die zerstören, um in kurzer Zeit mehr zu verdienen. Außerdem muss man der Indigenen-Bewegung sehr viel Aufmerksamkeit schenken, denn sie stellt das kollektive Gedächtnis und die Sprache wieder her. Ein weiteres wichtiges Element sind die Frauenbewegungen, die auf allen Gebieten Fortschritte erzielen, mit ihrer Sensibilität und ihrer besonderen Art zu denken.

CC BY-SA 4.0 Adolfo Pérez Esquivel: „Ich bin ein ständiger Rebell gegen jedes Unrecht“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Das könnte dich auch interessieren

„Der guatemaltekische Staat braucht eine wahrhaftige Revolution“ – Interview mit der indigenen Journalistin und Buchautorin Irma Alicia Velásque... autor: Carol Rivas, FGERIrma Alicia Velasquez am 26. Januar 2015. Foto: Flickr/US Embassy Guatemala (CC BY-NC-ND 2.0)(San José, 28. Januar 2016, voces nuestras).- Seit Mitte Januar ist Jimmy Morales neuer Präsident Guatemalas. Seine Wahl im Herbst galt als Protestwahl – nachdem Ex-Präsident Otto Pérez Molina und verschiedene Führungspersönlichkeiten seiner Regierung über das letzte Jahr hinweg über Korruptionsskandale gestürzt waren. Doch Morales Kandidatur wurde von...
Zentralamerika/ USA: Mehr Wohlstand für den Süden? Auch die USA haben Erfahrungen mit dramatisch hohen Flüchtlingszahlen: Mitte letzten Jahres griffen die US-Behörden 60.000 unbegleitete Minderjährige an der Grenze auf. Das Problem an der Wurzel packen, in den Hauptherkunftsländern Jobs schaffen, Institutionen stärken, Sicherheit verbessern. Das ist die milliardenschwere ,,Allianz für Wohlstand", die die USA vor fast einem Jahr mit Guatemala, Honduras und El Salvador geschlossen haben. Und tatsächlich: Die Anzahl von Migrante...
Guatemaltekisches Präsidentenkarussell In Guatemala tritt Otto Pérez Molina zurück und landet im Untersuchungsgefängnis. Ein Erfolg für die guatemaltekische Zivilgesellschaft. Doch bei ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am vergangenen Sonntag liegen Kandidat_innen vorne, die nicht dafür stehen, dass das pseudo-demokratische System Guatemala vor einschneidenden Veränderungen steht.
Kein Witz: Komiker gewinnt die erste Runde der Präsidentschaftswahlen von Markus Plate, San José (Berlin, 08. September 2015, voces nuestras-npl).- Wer soll angesichts der politischen Skandale in Guatemala neuer Präsident werden? Ein Ökonom? Ein Theologe? Oder besser gleich ein Komödiant? Vielleicht hat Jimmy Morales die erste Runde der Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Sonntag, dem 6. September, gewonnen, weil der 46-Jährige alles zugleich ist. Weil er im unüberschaubaren Kandidat*innenfeld einer der wenigen ist, der vordergründig wenig m...
Das Ende des Saubermanns von Markus Plate (Berlin, 03. September 2015, npl).- Vier Tage vor den Wahlen in Guatemala tritt Otto Pérez Molina zurück. Zuvor hatte der Kongress die Immunität des Präsidenten aufgehoben und war nach langem Hin und Her einem Antrag der guatemaltekischen Staatsanwaltschaft gefolgt. Pérez Molina droht nun die strafrechtliche Verfolgung. Und möglicherweise steht auch ein politisches, pseudo-demokratisches System vor einschneidenden Veränderungen. Denn der „Fall“ des Otto Pére...

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.