
Foto: Vinicius Loures/Câmara dos Deputados via wikimedia
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(Brasilia, 2. November 2026, El Salto).- Erika Hilton ist Stadträtin, Aktivistin für die Rechte Schwarzer Menschen und der LGBTQ+-Gemeinschaft. Aus den Abgeordnetenwahlen am 25. Oktober ging sie als meistgewählte Kandidatin in der Geschichte Brasiliens hervor und wurde als erste Trans*-Person in der brasilianischen Politik zur Stadträtin ernannt. Hilton kam 1992 in einem Vorort von São Paulo zur Welt. Im Alter von 14 Jahren wurde sie von ihrer Mutter auf die Straße gesetzt. In ihrer Jugend erlebte sie sexuelle Ausbeutung und hat ihr Leben lang mit den verschiedenen Facetten von Rassismus gelebt. Sie hat Pädagogik und Gerontologie studiert und ist Mitglied der Partei Sozialismus und Freiheit (PSOL). Im Jahr 2022 wurde sie vom Time-Magazin zu einer der 20 bedeutendsten aufstrebenden Führungskräfte gezählt. Mehrere ihrer Parteikolleg*innen ziehen sie als mögliche Nachfolgerin von Lula in Betracht.
Was denkst du über Flávio Bolsonaros Flucht in die USA?
Flávio Bolsonaro flieht vor der brasilianischen Justiz, weil er sich nicht für die von ihm begangenen Straftaten verantworten will. Er wollte nicht Präsident werden, um ein Land zu regieren, sondern um sich selbst zu schützen. Er ist geflohen, weil er nicht in der Lage ist, sich einem Gerichtsverfahren in einer Demokratie zu stellen. Nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie, in der er selbst als Kandidat antrat, Millionen von Stimmen erhielt und in der ein Großteil seiner Familie Ämter als Abgeordnete bekleidet.
Den Grund für den Stimmzuwachs bei den Linken sehen einige im Aktivismus in den sozialen Netzwerken und in der Mobilisierung des Volkes, andere denken an die Stimmen derjenigen, die im ersten Wahlgang nicht zur Wahl gegangen waren oder ungültig gewählt hatten. Was glaubst du?
Ich würde noch etwas dazuaddieren, und zwar die Angst der Menschen vor der Rückkehr des Faschismus. Nach der schrecklichen Regierung von Jair Bolsonaro hat die Aussicht, dass einer seiner Söhne an die Macht kommen könnte viele Menschen mobilisiert. Lulas Sieg ist ein Sieg der Demokratie und einer Nation gegen Barbarei und Hass. Noch nie zuvor hatten wir im Brasilien der jüngeren Vergangenheit so viele Menschen auf den Straßen gesehen, vor allem Student*innen und Jugendliche. Viele Menschen mobilisierten sich über die sozialen Netzwerke in Aktionsgruppen wie „o ejército do Lula” und viele andere. Sie haben dem Vormarsch des Faschismus in unserem Land wichtigen Widerstand geleistet. Die kollektive Organisation hat sich durchgesetzt und verhindert, dass die Familie Bolsonaro wieder an die Macht kommt.
In seiner Siegesrede erklärte Lula, dass Brasilien über eine eigene künstliche Intelligenz verfügen werde, und betonte, dass das Land niemandes „Hinterhof“ sei – eine klare Anspielung auf die Einmischung der USA in der Region.
Das ist etwas ganz Entscheidendes: Wir müssen stärker an unserer Unabhängigkeit und unserer technologischen Entwicklung arbeiten, damit weder China noch die USA noch sonst eine Nation uns in Geiselhaft nimmt. Wir brauchen eine Regierung, die unsere Souveränität verteidigt. Geschäfte mit anderen Ländern kommen nur in Betracht, solange unser Land uns gehört und keine ausländische Nation sich einmischt, weder in den Wahlprozess noch in die Entscheidungen unseres Volkes. Der Bolsonarismus wollte Brasilien der US-Regierung ausliefern und ihr unsere Seltenen Erden in den Rachen werfen– einen gigantischen Schatz, der für die Entwicklung unserer Nation von großer Bedeutung ist.
Du warst Teil einer beispiellosen Front, die sich bei den Wahlen 2022 aus sehr unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen gebildet hat, um Jair Bolsonaro zu besiegen. Was hältst du heute von solchen Frentes?
Angesichts der aktuellen Lage sind sie alle wichtig. Die Flutwelle der extremen Rechten gefährdet die Demokratie und die Menschenrechte. In den Parlamenten gewinnen Rechtsextreme immer mehr an Raum und an Stärke, mit Parolen, von denen wir nie gedacht hätten, dass sie Erfolg haben würden. Diese Widerstandsfronten machen vielen Menschen überhaupt erstmal klar, dass die Verfassung, die Demokratie und die grundlegendsten Rechte in Gefahr sind. Die Frentes sind Teil des Widerstands gegen den brutalen Vormarsch der extremen Rechten.
Nirgendwo auf der Welt werden so viele Trans*personen ermordet wie in Brasilien. Du setzt dich für einige der am stärksten marginalisierten Bevölkerungsgruppen wie die LGBTQ+-Gemeinschaft und Schwarze ein und hast in deinem Lebens selbst viele Schwierigkeiten bewältigt. Was hat Lula in diesem Bereich erreicht?
Der Kongress hat sich den Maßnahmen zur Würde der LGBTQ+-Bevölkerung massiv entgegengestellt. Was wir erreicht haben, geschah auf der Ebene des Obersten Bundesgerichts; unter der Regierung Lula wurde das Sekretariat des Ministeriums für Menschenrechte umstrukturiert und ein LGBT+-Sekretariat eingerichtet. So konnten wir einige wichtige politische Maßnahmen festigen. Bei der Gesetzgebung haben wir keine Fortschritte erzielt, und zwar wegen der Zusammensetzung des Kongresses, der die GBTQ+-Bevölkerung zutiefst hasst. Deshalb war die Wiederwahl von Lula für uns so wichtig, denn er gewährleistet dieses Gleichgewicht. Wäre Bolsonaro an der Macht, würden wir sogar das verlieren, was wir bereits erreicht haben.
Derzeit kommen auf insgesamt 513 Sitze im Abgeordnetenhaus und 81 Senator*innen zwei transsexuelle Abgeordnete, insgesamt neun Schwarze Bundesabgeordnete und eine einzige Schwarze Senatorin. Wie ist es, fast ohne Vertretung der Trans-Community und der Schwarzen Bevölkerung in einem Land zu arbeiten, in dem fast 55 Prozent der Bevölkerung Schwarz sind?
Das ist extrem schwierig. Man arbeitet in einem Umfeld, das die Gesellschaft nicht repräsentiert und nicht die Themen einbezieht, die für das Volk von wesentlicher Bedeutung sind. Außerdem wird man mit großer Feindseligkeit behandelt und ständig angegriffen, andauernd wird einem gespiegelt, dass man dort nichts zu suchen hat, dass der eigene Körper nicht in diesen Raum gehört. Das ist extrem unschön. Ich bekomme sogar Morddrohungen und werde mittlerweile rund um die Uhr bewacht – alles wegen diesem fürchterlichen Kongress , der mit seinem Hasstiraden die Gewalt gegen soziale Minderheiten, Frauen, Schwarze und die LGBT+-Bevölkerung und andere Gruppen anfacht. Aber trotz des feindseligen Umfelds bleiben wir mit Mut und Würde dran und machen unsere Fortschritte bei wichtigen Themen; es gibt vieles, das wir vorantreiben können, trotz aller Schwierigkeiten, die man so hat in einem überwiegend weißen, männlichen Parlament, das keine Vielfalt toleriert.
Du bist bei der sogenannten „Quilombo nos Parlamentos“-Initiative, die Kandidat*innen aus Schwarzen Bewegungen fördert. Wie erfolgreich war die Beteiligung der Schwarzen Bewegungen bei dieser Wahl?
In dieser Legislaturperiode wurden mehr weibliche Schwarze Abgeordnete gewählt, aber auch bei der Wiederwahl von Präsident Lula waren sowohl die Schwarze Bewegung als auch die LGBT+-Bewegung sehr stark vertreten. Das sind die Leute, die die Straßenproteste organisiert und unzählige Kampagnen durchgeführt haben, um vor einem Wahlsieg von Flávio Bolsonaro zu warnen.
Die feministischen Bewegungen haben weltweit und insbesondere in Lateinamerika in den letzten Jahren sehr wichtige Fortschritte erzielt. Profitieren die Schwarzen Bewegungen von den Errungenschaften und Fortschritten der feministischen und Diversitätsbewegungen oder führen sie einen spezifischen Kampf?
Ich würde sagen, die Kämpfe der Schwarzen Bewegung sind auf jeden Fall spezifisch, aber alle Fortschritte sind kollektiv. Wenn sich Strukturen verändern, profitieren letztendlich alle in irgendeiner Weise davon. Wenn wir über die Errungenschaften der feministischen Bewegungen sprechen, müssen wir prüfen, ob auch die Würde und die Rechte Schwarzer Frauen berücksichtigt wurden. Diese arbeiten zum Großteil als Hausangestellte und bleiben von den grundlegenden Debatten ausgeschlossen. Doch trotz der spezifischen Aspekte der Schwarzen Bewegung gilt, dass jeder Fortschritt für eine soziale Minderheit ein Fortschritt für alle ist.
Du hast eine von Lula angeschobene Initiative für die Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden bei einer Fünf-Tage-Woche geleitet. Eure Forderung hatte schließlich Erfolg. Was sind nun die größten Herausforderungen?
Ich würde sagen, die Verkürzung der Arbeitszeit ist die bedeutendste Errungenschaft der letzten 40 Jahre – den Vorschlag zur Verfassungsänderung, habe ich selbst verfasst. Hier liegt auch eine große symbolische Bedeutung: Eine schwarze Transfrau ist die Urheberin der wichtigsten Errungenschaft der Arbeitnehmer*innen. Was wir gewonnen haben, ist ein zusätzlicher bezahlter Ruhetag, Würde und Zeit mit der Familie. Unsere Herausforderung besteht nun darin, andere wichtige Themen zu erkennen, um weiter voranzukommen.
Lulas Partei hat keine Mehrheit im Kongress. Wie stellst du dir diese kommende Legislaturperiode vor?
Wir werden es mit einem ziemlich erpresserischen und reaktionären Kongress zu tun haben, aber ich glaube, wir können die notwendigen Bündnisse schließen, vor allem wenn wir weiter auf der Straße präsent sind und die Unterstützung der sozialen Netzwerke haben. Zu sagen, der Kongress ist konservativ dominiert, ist untertrieben und wäre vielleicht gar kein Problem; das Schlimme ist, dass er faschistisch und rückständig ist und die Rechte sozialer Minderheiten verachtet.
Manche sehen dich als mögliche Nachfolgerin von Lula. Ist Brasilien bereit für eine schwarze Trans*frau als Präsidentin?
Ich glaube, nein. Brasilien ist immer noch rassistisch und transphob, aber ich glaube, wir gewinnen nach und nach die Köpfe und Herzen der Menschen. In Brasilien hört man oft, dass ich die Nachfolgerin von Lula sein könnte. Logischerweise fühle mich geehrt, das macht Hoffnung und gibt mir den Mut zu träumen, dass jemand von uns auf diesem Posten sitzen könnte, obwohl wir so viel Hass und Feindseligkeit erlebt haben. Aber das ist ein Prozess. Ich halte es nicht für unmöglich, dass dieser Traum eines Tages wahr wird, aber ich glaube, dafür braucht es noch viele kulturelle Reformen.
„Dieses Land ist noch nicht bereit für eine transsexuelle Schwarze Präsidentin“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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