Sambaschule provoziert Agrobusiness beim Karneval in Rio

Von Andreas Behn

Karneval in Rio
Desfile na Sapucaí der Sambaschule Imperatriz Leopoldinense am 27. Februar in Rio de Janeiro. Foto: Fotospublicas.com/Grabriel Monteiro – Riotur (CC BY-NC 2.0)

(Rio de Janeiro, 27. Februar 2017, taz).- Dieses Jahr bringt der Karneval in Rio Großgrundbesitzer*innen und die Agrarier-Fraktion auf die Palme. Unter dem Motto „Xingu, der Schrei aus dem Urwald“ wird die Sambaschule Imperatriz Leopoldinense am Karnevalswochenende bei ihrem Auftritt im berühmtem Sambadrom Abholzung und Umweltzerstörung anprangern. Es geht um Pestizide, Brandrodung, die Gewinninteressen des Agrobusiness und um die Folgen des umstrittenen Riesenstauwerks Belo Monte.

Seit Wochen laufen Agrarverbände Sturm gegen die Aufführung des Kunstwerks. Die Darstellung sei völlig überholt und zeige „Ignoranz gegenüber der ökonomischen und sozialen Realität Brasiliens“, schrieb der Viehzüchterverband ABCZ (Associação Brasileira dos Criadores de Zebu). Cahê Rodrigues, künstlerischer Direktor von Imperatriz Leopoldinense, verteidigt das politische Thema seiner Sambaschule: „Wenn der Natur oder den Indigenen Gefahr droht, darf dies auch im Sambadrom thematisiert werden.“

Natur und Indigene im Amazonas-Gebiet bedroht

Gut 3.000 Kilometer nördlich vom Sambadrom fließt der Xingu-Fluss, der von Belo Monte aufgestaut wird und inzwischen riesige Ländereien überflutet. Flussaufwärts liegt das Indígena-Schutzgebiet Xingu, das erste und immer noch wichtigste Reservat, in dem 14 Ethnien leben und das als Heimat aller brasilianischen Indigenen-Sprachen gilt. Nicht nur der umstrittene Staudamm, sondern vor allem die Abholzung für neues Weideland und Monokultur-Pflanzungen gefährden das ökologische Gleichgewicht im Xingu-Park, warnte die Umweltbehörde Ibama Anfang Februar in einer von der Internet-Plattform UOL in Auftrag gegebenen Studie.

Die stetige Zunahme der Entwaldung in den Bundesstaaten Pará und Mato Grosso, auf deren Grenze der Xingu-Park liegt, hat laut der Studie den Wasserhaushalt der Region durcheinander gebracht und die Niederschlagsfrequenz vermindert. Unmittelbare Folge sei die Zunahme von Waldbränden, deren Zahl in den vergangenen acht Jahren um 58 Prozent angestiegen ist. 2016 wurden allein im Xingu-Park 147 Brände registriert. Der schlimmste dieser Brände zerstörte fast 15 Prozent des 26.000 Quadratkilometer großen Parks. „Die Zunahme an Waldbränden im Xingu-Park ist proportional zur Ausweitung des Abholzung in der Umgebung“, schreibt die Behörde.

Starke Zunahme von Abholzung und Waldbränden

Generell steht es nicht gut um den Amazonas-Urwald. Zwischen August 2015 und Juli 2016 wurden fast 8.000 Quadratkilometer abgeholzt, soviel wie seit 2008 nicht mehr. Es ist eine Steigerung um 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, stellte das Institut für Weltraumforschung Inpe fest.

Seit Mitte vergangenen Jahres eine konservativ-liberale Regierung das Ruder in Brasilien übernahm, mehren sich die Versuche, die halbwegs restriktive Schutzpolitik in den Amazonasregion wieder zu lockern. Eine Gesetzesinitiative aus Reihen der Agrarierfraktion im Kongress sieht vor, fünf große Naturschutzgebiete um rund 40 Prozent zu verkleinern. Der WWF-Brasilien befürchtet, dass dies zu neuer Entwaldung, mehr Treibhausgasen und weiterem Verlust von biologischer Vielfalt führt. Weniger Schutz für Natur und Indigene „laufen den weltweiten Bemühungen um Nachhaltigkeit und CO2-Verringerung entgegen“, warnt Ricardo Mello vom WWF-Brasilien.

Dramatischer noch ist ein umstrittenes Dekret von Präsident Michel Temer, mit dem Ende Januar die Richtlinien für die Einrichtung von indigenen Schutzgebieten revidiert wurden. Während bisher fachlich ausgerichtete Institutionen wie die nationale Indígena-Stiftung Funai das Sagen hatten, wird nun eine dem Justizminister unterstellte technische Arbeitsgruppe über die Demarkierung indigener Territorien entscheiden. Die Änderung betrifft die Entscheidung über mehr als 150 beantragte Schutzgebiete und kann sogar bereits abgeschlossene Prozesse wieder in Frage stellen. Indígena-Organisationen und Umweltgruppen laufen Sturm gegen das Dekret. Es sei ein unverantwortliches Entgegenkommen gegenüber dem Agrobusiness und den Agrarier*innen im Kongress, mit dem das Recht indigener Gruppen auf Land in Frage gestellt wird, kritisieren die Aktivist*innen in einem Protestschreiben.

CC BY-SA 4.0 Sambaschule provoziert Agrobusiness beim Karneval in Rio von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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