Mitsprache statt Urbanisierung von oben – Das Viertel Villa Las Américas kämpft für ein Recht auf Stadt

Von Juan Ortega, Eco

Graffiti in Talca, bunt auf Beton / Foto: Mig Rod, cc-by-nd-2-0
Graffiti in Talca, bunt auf Beton / Foto: Mig Rod, cc-by-nd-2-0

(Talca, 13. Oktober 2017, eco-poonal).- Talca, das heißt auf Mapudungun, der Sprache der Mapuche-Indigenas, „Donner.“ Der Name stand auch Pate für eine 1692 gegründete chilenische Provinzhauptstadt. Umringt von Weinbergen und endlosen Obstplantagen, 240 Kilometer südlich von Santiago gelegen, war Talca lange Zeit stolz auf seine koloniale Architektur. Doch im Jahr 2010 traf die Stadt ein Erdbeben wie ein Donnerschlag. Weite Teile des historischen Zentrums wurden zerstört. Dort wo früher Stuck und Schnörkel das Bild prägten, entstanden betonlastige Apartmenthäuser. Denkmalschützer*innen und Anwohner*innen waren empört.

Dabei wurde mit Beton in Talca noch nie gespart, vor allem am Stadtrand. Nördlich des Zentrums entstand in den 1990er Jahren die Neubau-Siedlung Villa Las Américas. Eine wenig nachhaltige Urbanisierung von oben war das, denn schnell überließ die Stadtregierung die Menschen sich selbst. Die meisten die rund 7.000 Bewohner*innen leben bis heute in kleinen Sozialwohnungen hinter grauen Fassaden. Es fehlt an Platz, dafür nicht an Baumängeln.

Gemeinsam gegen Armut und Vorurteile

Oft ziemlich grau: Die chilenische Stadt Talca / Foto: Mig Rod, cc-by-nd-2-0
Oft ziemlich grau: Die chilenische Stadt Talca / Foto: Mig Rod, cc-by-nd-2-0

Die anliegenden Viertel begegnen den Menschen hier bis heute mit Ablehnung und Vorurteilen. Das Viertel zählt seit seiner Gründung zu den ärmsten der Stadt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Das Problem sei strukturell, sagt die Anwohnerin Mónica Garrido: „Es ist nur ein paar Jahre her, da kam meine Tochter wutentbrannt nach Hause. Sie war bei einer Bewerbung abgelehnt worden, allein deshalb weil sie als Wohnort Las Américas angegeben hatte. Sie war ganz außer sich, wollte wegziehen, schrie, dass es hier nichts gäbe, keine Farben, kein Leben.“

Nicht zuletzt um die Abwanderung der jungen Generationen zu stoppen, schlossen sich Garrido und andere ältere Bewohner*innen von Las Américas zusammen. Es gelang ihnen solidarische Allianzen zu schmieden – mit Stiftungen und NGOs, unter anderem dem deutschen Entwicklungsdienst Brot für die Welt und der chilenischen Organisation SurMaule.

So entstand das Programm “Territorio y acción colectiva“ – kurz TAC – was übersetzt in etwa heißt „Gemeinsames Handeln in unserem Wohngebiet.“ Es zielt vor allem darauf ab, die nachbarschaftliche Teilhabe stärken, zu beraten, weiterzubilden und die sozialen Netze der Gemeinde zu fördern. „Unser erstes großes Projekt war ein Bildungszentrum, das vor 15 Jahren entstand und heute von 1.600 Schülerinnen und Schülern besucht wird“, erinnert sich Luis Fernández, ein urbaner Aktivist der ersten Stunde. „Zudem haben wir erreicht, dass in Las Américas eine Polizeiwache und ein Gesundheitszentrum eröffneten, beides Punkte, die auf unserer Liste ganz oben standen.“

TAC – ein Modell für die ganze Stadt

Foto: Surmaule
Auch um die junge Generation geht es den Nachbarschaftsinitiativen / Foto: Surmaule

Mittlerweile ist das TAC über die Grenzen des Neubauviertels Las Américas hinausgewachsen und seit einigen Jahren auch in anderen Teilen von Talca aktiv. Der Ansatz blieb der gleiche: Frauen und Männer werden zu mehr Teilhabe in ihren Wohnvierteln animiert. Sie sollen die Protagonist*innen sein, wenn es darum geht, gemeinsam das aktuelle Zusammenleben zu verändern und neue Formen städtischen Lebens zu entwickeln. Nur so gelinge es den Nachbar*innen, das individualistische Handeln und die Atomisierung der Gesellschaft zu durchbrechen.

Denn an die hätten sich die Menschen im neoliberalen Chile seit mehr als 35 Jahren gewöhnt, sagt Jennifer Gualteros von der chilenischen NGO SurMaule. „Unser Ziel muss es deshalb sein die Bewohnerinnen und Bewohner zum Handel zu bringen.“ Der Ausgangspunkt dafür sei ein runder Tisch, erzählt Gualteros weiter: „An dem sitzen dann die Vertreter von zehn Nachbarschaftskomitees zusammen. Hier werden Ideen für das gesamte Stadtgebiet und keine fragmentarischen Teilprojekte entwickelt. Die Menschen in Talca haben gelernt, gemeinsam zu planen und öffentliche Mittel für sich einzufordern.“ Das funktioniere schon ganz gut. Moment arbeite man daran, auch die Umsetzung der gemeinsam geplanten Projekte noch stärker in die Hände der Anwohner*innen zu legen.

Workshop der NGO Surmaule in Talca / Foto: Surmaule
Workshop der NGO Surmaule in Talca / Foto: Surmaule

Für die Nachbar*innen in Las Américas wirke die Unterstützung von SurMaule und anderen NGOs wie ein Motor, findet Aktivist Luis Fernández. Die Kraft der Organisationen und natürlich auch ihre finanziellen Fördermittel verhelfen den Menschen dazu, ihre Gemeinden neu zu organisieren und auf Augenhöhe mit den Institutionen zu verhandeln. „So hat sich auch kulturell viel bewegt“, sagt Fernández weiter. „Zum Beispiel der heute berühmte Frühjahrskarneval oder verschiedene Kulturzentren, das alles entstand gemeinsam mit den Nachbarschaftskomitees und Frauenorganisationen. Unsere Arbeit zeigt Früchte.“ Auch bei einem Schuldenschnitt bezüglich der Behörden ausstehenden Zahlungen und dem Baustopp einer Müllhalde hätten die Anwohnerinitiativen erfolgreich vermittelt.

Mehr Ungleichheit und wenig staatliche Unterstützung

Eine solch aktive Beteiligung ist in Chile selten. Die Jahrzehnte der Diktatur zerstörten gewaltsam das gewachsene soziale Gefüge in der Gesellschaft. Und die Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen ging einher mit einer weiteren Vertiefung der neoliberalen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Für die Stadtentwicklung bedeutet das eine fortschreitende Segmentierung des Raumes. Ärmere Menschen werden an die Peripherie gedrängt, reiche Schichten bewohnen aufgewertete Viertel in der Innenstadt und im Conurbano. Die Lebensqualität der einkommensschwachen Chilen*innen nimmt immer mehr ab. Gesellschaftliche Grundrechte werden ihnen vorenthalten.

Doch wie diesen allgemeinen Trend stoppen und ein Recht auf Stadt für alle verwirklichen? Allein werden es Nachbarschaftsinitiativen und die mit ihnen verbündete NGOs nicht schaffen. Das befindet zumindest eine Studie der chilenischen Stiftung Sol. In dieser Untersuchung heißt es: „Auch wenn in den Gruppendiskussionen selbstverwaltete Projekte mit eigenen Mitteln vorgeschlagen werden, wird vom Staat gleichzeitig verlangt, sich seiner Verantwortung zu stellen.“ Den für eine alternative Entwicklungsvision brauche es sowohl die Teilhabe sozialer Organisationen als auch die von Institutionen wie Universitäten, Forschenden, Studierenden und anderen. Es sei eine gemeinsame Aufgabe, nachhaltige Entwicklungsprinzipien zu erarbeiten.

Talca - Einfahrt in die Stadt über den Fluss Río Claro / Foto: Tomas J. Sepulveda, cc-by-2-0
Talca – Einfahrt in die Stadt über den Fluss Río Claro / Foto: Tomas J. Sepulveda, cc-by-2-0

Doch der chilenische Staat ist bis heute nicht Willens, eine solche partizipative Stadtentwicklung zu fördern. So bleibt auch das Viertel Las Américas auf die alleinige Hilfe nicht-staatlicher Organisationen angewiesen. Diese Unterstützung nimmt jedoch immer mehr ab. Schließlich ist Chile ein OECD-Mitglied mit glänzenden makro-ökonomischen Bilanzen – was braucht das Land da noch Entwicklungshilfe? Der deutsche Geber Brot für die Welt stellte Anfang dieses Jahres die finanzielle Förderung ein.

Was das für die Nachbarschaftsarbeit in Talca heißt, bleibt noch abzuwarten. Sicher ist: sie wird nicht einfacher. Doch die Bewohner*innen von Las Américas werden sich nicht einfach wieder hinter die Türen ihrer kleinen Sozialwohnungen zurückziehen. „Früher waren wir ein vergessener Ort, heute besuchen uns Minister“, sagt Monica Garrido, die empörte Mutter von damals, aus der inzwischen eine anerkannte Repräsentantin des Viertels geworden ist. „Schüchtern, das war gestern. Heute fühle ich mich als Frau stark und sicher. Und dieses Selbstvertrauen ist wichtig, um voranzukommen.“

Einen Audiobeitrag von Radio onda zu diesem Artikel findet ihr hier.

CC BY-SA 4.0 Mitsprache statt Urbanisierung von oben – Das Viertel Villa Las Américas kämpft für ein Recht auf Stadt von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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