„Kein Gewässer, nur fließendes Abwasser“

von Andreas Behn

BaiaGuanabara6. Foto: Agencia Brasil(Berlin, 31. Mai 2015, npl).- Klagen der Segler*innen und Ruderer über die Wasserqualität in Rio de Janeiro machen im Vorfeld der Olympischen Spiele Schlagzeilen. Für die Bewohner*innen der Stadt ist verschmutztes Wasser schon lange Alltag. Je ärmer desto weniger Abwasserversorgung lautet die Regel, die auch nach WM und Olympia gelten wird.

Rio de Janeiro gilt als Stadt inmitten der Natur, umgeben von Urwald und Wasser. Über 30 Kilometer Sandstrand säumen die edlen Viertel in Süden und Westen. Das Zentrum und zahlreiche Armenviertel liegen direkt an einer riesigen Bucht, der Baia de Guanabara. Als die Portugiesen vor 500 Jahren dort landeten, hielten sie die Bucht für einen Fluss – daher der Name der Stadt, Rio de Janeiro.

Austragungsort der Olympia verschmutzt

In einem Jahr, wenn in August die Olympischen Spiele in Rio stattfinden werden, ist die Baia de Guanabara einer der Austragungsorte. Doch die Segler*innen, die dort um Medaillen wetteifern werden, sind alles andere als begeistert. Das Wasser der Bucht ist verschmutzt, jede Menge Plastikflaschen, sonstiger Müll und tote Fische schwimmen auf der Oberfläche. Wer vom Flughafen in das Zentrum fährt, riecht den unangenehmen Gestank, der vor allem nahe der Armenvierteln von der Bucht herüber weht.

„Die Olympischen Spiele 2016 haben große Erwartungen geweckt, da sie die Chance bergen, die jahrzehntealten ökologischen Schäden zu beheben. Aber leider ist die Situation bis heute unverändert.“ Der Biologe Mario Moscatelli ist enttäuscht, dass die Milliardeninvestitionen für das Sportspektakel nicht dafür genutzt wurden, die öffentlichen Gewässer der Stadt zu säubern. Die Regierung hatte versprochen, die Einleitung von Abwässern bis 2016 zu beenden. Dennoch sehen die Lagunen, die mitten im Stadtgebiet liegen, immer noch wie Kloaken aus, kritisiert Moscatelli: „Die Situation in der Lagoa da Tijuca ist wie in allen anderen Lagunen der Stadt dramatisch. Ebenso in der Lagoa de Jacarepaguá, an deren Ufer der Olympische Park und das Olympische Dorf gebaut werden.“ Das Wasser sei schlicht schwarz und vollkommen verschmutzt, sagt Moscatelli angewidert. „Es ist kein Gewässer mehr, sondern nur noch fließendes Abwasser.“

40 Tonnen tote Fische

BaiaGuanabara1. Foto: Agencia BrasilAuch die Lagoa de Freitas, die zwischen dem Touristenviertel Ipanema und dem Berg der berühmten Christusstatue liegt, ist ein hoffnungsloser Fall. Im April dieses Jahres setzte ein großes Fischsterben ein. 40 Tonnen tote Fische schwammen auf der Wasseroberfläche, der Gestank war hartnäckig. In der Lagune sollen die olympischen Ruderwettbewerbe stattfinden. Mehrmals fragten Sportler*innen und Verbände öffentlich, ob das Rudern in dem dunklen Wasser keine Gesundheitsrisiken berge.

Im Gegensatz zu den Sportler*innen und olympischen Funktionär*innen sind die Cariocas, die Bewohner*innen von Rio de Janeiro, nicht nur wenige Wochen mit der Wasserverschmutzung konfrontiert. Obwohl Brasilien die siebtgrößte Wirtschaftsnation ist und stolz auf die technologischen und sozialen Fortschritte der letzten 20 Jahre zurückblickt, sind Millionen Menschen den Risiken ungeklärter Abwasser ausgesetzt. Für die Stadtplanerin Suyá Quintsler grenzt der Umgang der Behörden mit dem Abwasser an Menschenrechtsverletzung: „Rund 61 Prozent der Haushalte in Rio de Janeiro sind an die Abwasserentsorgung angeschlossen. Aber nur 35 Prozent der gesamten Abwässer werden gereinigt.“ Der Rest des Abwassers werde ungeklärt in Gewässer eingeleitet – in die Baia de Guanabara, durch lange, unterirdische Rohre ins Meer oder in die Flüsse – wo es die bekannten Probleme verursache, erklärt Quintsler.

Zwei Drittel der Abwässer bleiben also ungeklärt und bereiten den Cariocas und auch den badefreudigen Tourist*innen Probleme. Diese ökologisch wie gesundheitlich untragbare Lage beeinträchtigt die Lebensqualität nicht nur in der Olympiastadt, erklärt Quintsler, Wissenschaftlerin an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro: „Die Situation ist in ganz Brasilien ähnlich. Vor allem in den großen Städten werden die Gewässer durch Abwasser verschmutzt,“ so Quintsler.

Vor allem in den Favelas, den Armenvierteln, in denen andere Dienstleistungen der öffentlichen Hand wie Stromversorgung, Transport oder Bildung ebenfalls meist prekär sind, leiden die Menschen unter der unzureichenden Abwasserentsorgung. Schon im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 haben Hunderttausende auf Demonstrationen gefordert, die Lebensbedingungen in den Städten zu verbessern. Doch bis heute hat sich wenig getan.

Verunreinigtes Wasser macht krank

BaiaGuanabara3. Foto: Agencia BrasilEs fehlt weniger an Geld sondern vor allem am politischen Willen, meint Quintsler. Die Urbanistin erklärt, dass die Versäumnisse bei der Abwasserentsorgung eine ganze Kette neuer Probleme auslösen: „Neben der Verschmutzung der öffentlichen Gewässer muss das Trinkwasser von immer weiter weg herangeschafft werden oder mit noch mehr Chemikalien gereinigt werden.“ Dort, wo das Abwasser ohne Kanalisation abfließe, seien Krankheiten wie Durchfall und Hautprobleme an der Tagesordnung. Auch die Kindersterblichkeit sei deutlich höher, erklärt Quintsler, die die Wasserverschmutzung als Herausforderung für das öffentliche Gesundheitssystem bezeichnet: „In einigen Favelas von Rio de Janeiro ist es bis heute so, dass die Menschen buchstäblich auf ihren eigenen Abwässern leben.“

Wenn die Olympischen Spiele vorbei und Segler*innen wie Ruderer wieder nach Hause gefahren sind, wird die chronische Wasserverschmutzung in Rio de Janeiro keine Schlagzeilen mehr machen. Die oft korrupten Stadtregierungen werden kaum mehr Geld und Energie aufbringen, um in Zukunft saubere Gewässer zu garantieren. Für Suyá Quintsler gibt es nur eine Hoffnung: Mehr Druck von sozialen Bewegungen und gut organisierten Stadtteilinitiativen.

ondainfo logoDen Audiobeitrag zum Bericht gibt es im onda-info.

CC BY-SA 4.0 „Kein Gewässer, nur fließendes Abwasser“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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