Wirtschaftsforum in Brasilien läutet „Lateinamerikanisches Jahrzehnt“ ein

von Andreas Behn

(Berlin, 27. April 2011, npl).- An Optimismus mangelt es in Lateinamerika nicht, insbesondere in Wirtschaftsfragen. „Die globale, strategische Bedeutung unserer Region nimmt zu, die Chancen und Herausforderungen sind vielfältig,“ sagt Marisol Argueta de Barillas, Vorsitzende des Lateinamerikanischen Weltwirtschaftsforums. Die Rede ist von der „Lateinamerikanischen Dekade“, Rating-Agenturen und Investoren sagen dem Subkontinent eine rosige Zukunft voraus.

Im Vorfeld des diesjährigen Weltwirtschaftsforums Lateinamerikas, das von 27. bis 29. April in Rio de Janeiro stattfindet, wird gute Stimmung verbreitet. Nicht ganz zu Unrecht: Die Region mit 600 Millionen Menschen verzeichnet seit Jahren ein konstantes Wirtschaftswachstum, in 2010 durchschnittlich sechs Prozent. Sogar das Krisenjahr 2009 wurde im Vergleich zu den Industriestaaten gut überwunden. In vielen Ländern wird erfolgreich die Armut bekämpft, und die steigende Kaufkraft einer neuen Mittelschicht kurbelt die Inlandsnachfrage an. Die großen Rohstoffvorkommen, 15 Prozent der weltweiten Erdöl- und 30 Prozent der Wasserreserven sowie das große landwirtschaftliche Potential versprechen den lateinamerikanischen Wirtschaften bessere Zeiten.

Eliten debattieren globale Wirtschaftsordnung

Zu dem 6. Lateinamerikanischen Weltwirtschaftsforum werden 500 Vertreter und Vertreterinnen von Unternehmen, Regierungen und der Zivilgesellschaft erwartet. Im Mittelpunkt der Diskussionen wird die Analyse der neuen Rolle der Region in der globalen Wirtschaftsordnung stehen. Weitere Schwerpunkte sind Informationstechnologie, Tourismus und Infrastrukturmaßnahmen. Gastgeberin ist die neue brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff.

Die regionalen Foren sind eine Initiative des traditionellen Wirtschaftsforums der Unternehmenselite im Schweizer Davos. Im Mai findet in Kapstadt das afrikanische Forum statt, Wirtschaftsvertreter*innen aus Zentralasien und Europa kommen im Juni in Wien zusammen und wenig später treffen sich die Vertreter*innen Ostasiens in Jakarta. Bereits 2009 fand das lateinamerikanische Forum in Rio de Janeiro statt, vergangenes Jahr war Kolumbien Gastgeber.

Festhalten am Marktliberalismus

Bei den regionalen Foren geht es wie in Davos darum, die Leitlinien der weltweiten Wirtschaftspolitik zu debattieren. Im Gegensatz zu den Konferenzen der Welthandelsorganisation WTO oder der Uno werden keine Entscheidungen getroffen. Doch die Zielrichtung ist stets vorgegeben: Es geht um liberale Visionen, Markt und Kapital werden als wichtigste Faktoren des Wirtschaftens und zur Lösung von Problemen betrachtet.

Aus Protest gegen diese eindimensionale Wahrnehmung entstand vor elf Jahren in Brasilien das Weltsozialforum (WSF), um einen Ort zu schaffen, an dem alle Sektoren der Gesellschaft ihre Sichtweisen darlegen können. Parallel dazu wurden die Weltwirtschaftsforen zu einem Stelldichein der Globalisierungskritiker, für die die liberale Wirtschaftsorientierung die Ursache für soziale Ungleichheit und Naturzerstörung ist. Auch Brasiliens Ex-Präsident Lula, der als ehemaliger Gewerkschafter gern gesehener Gast in Davos war, obwohl seine Arbeiterpartei PT bei der Gründung des WSF Pate stand, gelang es nicht, die unterschiedlichen Themen und Diskussionskulturen auf einen Nenner zu bringen.

So ist auch diesmal in Rio de Janeiro nicht zu erwarten, dass die prominenten Unternehmensvertreter*innen und Wirtschaftswissenschaftler*innen hinterfragen werden, warum das rasante Wachstum nicht zu einer gerechteren Einkommensverteilung führt. Auch Kritik an ökologisch fraglichen Megaprojekten wie Staudämmen oder an Milliardeninvestitionen für Olympia und Fußball-WM in Brasilien, die die Wünsche und Nöte der urbanen Bevölkerung übergehen, wird kaum zu hören sein. Statt dessen sollen – so die offizielle Ankündigung – die „Grundlagen für die Lateinamerikanische Dekade“ gelegt werden: Mit dem Ausbau von Infrasturktur, um die regionale Wettbewerbsfägigkeit zu steigern, mit Verbrechensbekämpfung unter Berücksichtigung demokratischer Werte und durch Beantwortung der Frage, wie die Businesswelt zu Wachstum und Fortschritt des Subkontinents beitragen kann.

CC BY-SA 4.0 Wirtschaftsforum in Brasilien läutet „Lateinamerikanisches Jahrzehnt“ ein von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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