Wie vierzehn Frauen den Mangrovenwald von Chelem retteten

Mangrovenwald in Celestun, Yucatán. Foto: Autharite via flickr, CC BY-SA 2.0.

(Mexiko-Stadt, 30. Juli 2025, cimacnoticias).- An der Küste von Yucatán, wo der Tourismus deutliche Spuren an Land und im Wasser hinterlassen hat, entschloss sich eine Gruppe von vierzehn Frauen dazu, etwas wiederherzustellen, das als irreparabel galt: den Mangrovenwald von Chelem. Ihnen gelang es, auf natürliche Weise über 60 Prozent der ursprünglichen Topographie und 90 Prozent des fließenden Wassers in einem zuvor wüstenähnlichen Gebiet zurückzubringen. Das Schutzgebiet, in dem sie arbeiten und neue Lebensräume für die örtliche Flora und Fauna schaffen, erstreckt sich über mehr als 100 Hektar – etwa 140 Fußballfelder.

Der Mangrovenwald ist nicht nur eine natürliche Barriere gegen Orkane und Kinderstube vieler Meerestiere, sondern auch ein Ort der Erinnerung, der Nahrung, des Schutzes und des kulturellen Erbes. Durch ihr gemeinschaftliches Wissen und ihre tiefe Verbundenheit mit dem Land verkörpern diese Frauen eine Form der Widerstandskraft, die Fürsorge, Autonomie und Umweltgerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt. Die Wiederaufforstung der Mangroven ist für sie auch ein Weg, ihre Handlungsfähigkeit in einem Umfeld zurückzugewinnen, in dem Frauen traditionell von Führungsrollen ausgeschlossen waren.

Noch immer produzieren Frauen in den ärmsten Ländern der Welt bis zu 80 Prozent der Nahrungsmittel [Anm. d. Übers.: Diese Angabe stammt aus dem Jahr 2007]. Sie gelten zudem als wichtigste „Hüterinnen der Biodiversität und des Saatguts“. Dennoch sind sie am stärksten von politischen Maßnahmen betroffen – wie die Publikation Ecofeminismos Rurales. Mujeres por la Soberanía Alimentaria („Ländlicher Ökofeminismus – Frauen für Ernährungssouveränität“) der Forscherin Estefanía García Forés eindrücklich zeigt.

Die Chelemeras und ihr Weg zur ökologischen Expertise

Chelem ist ein Fischereihafen im mexikanischen Bundesstaat Yucatán. Er liegt an der Nordküste der Halbinsel Yucatán, westlich des Hafens Progreso, der sich dank seiner Strände, seines Flusses und der Nähe zu Yucalpetén – einem geschützten Hafen für Fischerboote – zunehmend zu einem touristischen Zentrum entwickelt hat.

Die Chelemeras stellten nicht nur ihre Zeit und Arbeitskraft zur Verfügung – sie spezialisierten sich auch und erweckten damit empfindliche Ökosysteme wie die Mangroven zu neuem Leben. Sie begannen, die Ursachen für das Austrocknen der Mangroven zu erforschen. Dazu eigneten sich die vierzehn Frauen Kenntnisse in forensischer Ökologie an, mit deren Hilfe sie die Gründe für den Verlust der Artenvielfalt identifizieren konnten.

Heute sind diese Frauen, bekannt als die Chelemeras, Expertinnen darin, die ursprünglichen Mangrovenarten zu bestimmen. Mit diesem Wissen können sie die jeweiligen Standortansprüche der Pflanzenarten ermitteln und so deren Überleben sichern.

Die Wiederherstellung der natürlichen Wasserflüsse als Schlüssel zur Regeneration

Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Kanäle zu graben, um den natürlichen Wasserdurchfluss wiederherzustellen – selbst dann, wenn dieser durch Großprojekte wie die „sechsspurige, recht breite Autobahn von Mérida nach Progreso“ unterbrochen wurde. „Diese Straße beeinträchtigte den Wasserfluss, den es früher im Mangrovenwald gab“, erklärt Calina Zepeda, Expertin für Klimarisiken, Widerstandsfähigkeit und Aufforstung bei The Nature Conservancyy (TNC), einer Organisation, die das Projekt begleitet und finanziell unterstützt.

„In den vierzehn Jahren unserer Arbeit haben wir rund zehn Jahre damit verbracht, die hydrologischen Bedingungen an den jeweiligen Orten wiederherzustellen – durch das Graben von Kanälen“, erklärt Kenia Vázquez, Koordinatorin der Chelemeras. „Wenn das Wasser wieder fließt, kehren auch die Samen der Schwarzen Mangrove zurück. Diese setzen sich von selbst dort fest, wo sie gedeihen können – das ist natürliche Regeneration. Wir pflanzen nichts. Aber in den letzten zwei Jahren haben wir zusätzlich bei der Wiederaufforstung der Roten Mangrove mitgeholfen.“

Die Frauen entwickelten auch eigene Werkzeuge – etwa den Jamo, einen Stab mit Netz, durch den das Wasser aus dem Boden ablaufen kann. Der Jamo ist eine langlebige, rostfreie Alternative zur Schaufel.

Vázquez räumt ein: „Obwohl wir Küstenbewohnerinnen sind, wussten wir früher nicht, wozu die Mangroven gut sind.“ Heute wissen sie: „Sie dienen als Barrieren gegen Wirbelstürme und bieten Schutz für Garnelenlarven, was wiederum deren Bestände stärkt. Jetzt verstehen wir ihren ganzen Nutzen für uns“, betont sie.

Eine Chance, die Männer nicht wollten

Ursprünglich war das Projekt im Jahr 2010 den Männern der Gemeinde angeboten worden. Sie lehnten jedoch ab – mit der Begründung, die Arbeit sei körperlich zu anstrengend bei geringer Bezahlung, und sie könnten ihre Tätigkeit als Fischer nicht aufgeben.

Damals waren die Auswirkungen der Stadtentwicklung auf das Gebiet von Chelem noch kaum sichtbar. Das wahre Ausmaß der Umweltbelastung zeigte sich erst später, als die Mangroven vertrockneten – so, wie es die Chelemeras bei ihrem ersten Einsatz im Jahr 2010 vorfanden.

Im Gegensatz dazu erkannten die Frauen der Gemeinde – im Alter von 30 bis 85 Jahren – in der Initiative eine Möglichkeit, das Haushaltseinkommen zu verbessern. Mit wachsendem Wissen stieg auch ihr Engagement.

Die Bedeutung dieser Mangroven-Restauratorinnen liegt auch in ihrem Beitrag zur Überwindung der Geschlechterungleichheit. Im Jahr 2014 erfasste Ducks Unlimited de México (DUMAC), eine führende Umweltschutzorganisation für Feuchtgebiete, die Verteilung des Landbesitzes in Yucatán. Ergebnis: Nur 6,3 Prozent des Bodens befand sich in weiblicher Hand – 93,7 Prozent gehörten Männern.

Mit Fürsorge führen: Frauen schaffen Alternativen zum bestehenden System

Die Frauen setzen auf eine lebendige, ländliche Welt. Mit neuen Führungsformen entwickeln sie Alternativen zum vorherrschenden sozioökonomischen Modell. Sie verstehen Landwirtschaft nicht nur als Theorie, sondern als gelebte Praxis – auch unter schwierigen Bedingungen.

So zeigt der 2023 veröffentlichte Bericht Die Situation der Frauen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dass im Jahr 2019 weltweit 36 Prozent der Beschäftigten in diesem Sektor Frauen und 38 Prozent Männer waren.

Trotzdem nehmen Frauen dort oft untergeordnete Rollen ein und arbeiten unter schlechteren Bedingungen. Laut Bericht sind ihre Arbeitsverhältnisse häufig unregelmäßig, informell oder nur in Teilzeit. Hinzu kommen körperlich belastende Tätigkeiten und Werkzeuge, die für Männer entwickelt wurden.

Die Forscherin Estefanía García Forés betont daher die Bedeutung von Ernährungssouveränität und Ökofeminismus als Basis für Gleichstellung – mit klarer Kritik an bestehenden Strukturen:

„Es ist entscheidend, eine feministische Perspektive in den Vorschlag zur Ernährungssouveränität zu integrieren – über bloße Rhetorik hinaus. Wir müssen uns selbst mit dem Herzen betrachten und erkennen, dass ein gesellschaftliches Modell, das auf Ungleichheiten und auf der unsichtbaren, unbezahlten Arbeit der Hälfte der Bevölkerung basiert, nicht zukunftsfähig ist. Ernährungssouveränität muss eine Ethik der Fürsorge beinhalten – im Sinne eines Modells, das nicht nur die Natur achtet, sondern auch das Zusammenleben und die gegenseitige Fürsorge unter Menschen stärkt. Fürsorge zu geben und zu empfangen ist ein Recht und eine Verantwortung aller – von Männern und Frauen gleichermaßen – und zugleich eine Verpflichtung des Staates.“

Übersetzung: Christa Röpstorff

 

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