Shuar kämpfen gegen den Bergbau

Von Darius Ossami

Shuar Familien
Diese Frauen wurden aus Nankints vertrieben, ihr Dorf zerstört. Einige ihrer Männer hielten sich monatelang in den Bergen versteckt. Foto: Wambra Radio

(Berlin, 15. November 2017, npl).- Die Regierung Ecuadors hat in den vergangenen Jahren große Flächen der Gebirgskette Cordillera del Cóndor im Südwesten des Landes an Bergbau-Unternehmen verkauft, die dort Kupfer und Gold abbauen wollen. Nach Ansicht von Umweltorganisationen drohen irreparable Schäden in dem sensiblen Ökosystem. Und die dort lebenden indigenen Shuar befürchten den Verlust ihrer Lebensgrundlage. Nachdem im August 2016 das erste Dorf geräumt wurde, ist der Konflikt eskaliert. Die Regierung rief den Ausnahmezustand aus und schickte das Militär. Die Dorfgemeinschaften der Shuar sind aufgewühlt und entschlossen, sich gegen den Bergbau zu wehren.

In der südwestlichen Provinz Morona Santiago hatte die ecuadorianische Regierung 41.000 Hektar, eine Fläche fast halb so groß wie Berlin, an eine Bergbaufirma verkauft, die das Gebiet 2013 dann an das staatliche chinesische Konsortium EXSA weiter verkaufte. Doch es ist umstritten, ob das Land überhaupt hätte verkauft werden dürfen; denn die indigenen Shuar sehen den größten Teil des Gebietes als ihr angestammtes Land an.

Mit der Räumung von Nankints fing alles an

Am Río Zamora hatten einige Shuar-Familien 2006 das Dorf Nankints errichtet. Ein Gericht erklärte die Siedlung für illegal, aber die Shuar blieben. Im August 2016 eskalierte der Konflikt, als Nankints von bis zu 1.500 Polizisten und Soldaten geräumt und zerstört wurde. Den Indigenen wurde nur eine Stunde Zeit gegeben, um ihre Häuser zu verlassen. „Sie fingen an, die Häuser zu zerstören; alles wurde dem Erdboden gleich gemacht“, erinnert sich der ehemalige Dorfvorsteher José Sanchim. Er und die anderen Familien aus Nankints haben nun Wohnort und Lebensgrundlage verloren.

So sieht in Ecuador „Hoffnung“ aus: Das ehemalige Nankints heißt jetzt „La Esperanza“ und ist ein Erkundungs-Camp für das chinesische Bergbau-Konsortium EXSA. Foto: Darius Ossami

Das ehemalige Nankints wurde zu einem Bergbau-Camp und heißt jetzt: La Esperanza, die Hoffnung. Mit den Stacheldrahtzäunen, Sandsäcken, Soldaten und Wachtürmen sieht es eher wie ein Gefangenenlager aus. Doch die Shuar haben nicht aufgegeben. Sie sagen, sie kämpfen um ihr rechtmäßiges Land; die Regierung sagt, es sei kein Land der Shuar und der Verkauf an die chinesische Bergbaufirma sei legal. Mehrfach protestierten die Shuar vor dem Camp, mal friedlich, mal gewaltsam. Im November 2016 gelang ihnen sogar die kurzzeitige Wiederbesetzung.

Am 14. Dezember 2016 wurden bei Auseinandersetzungen mehrere Soldaten verletzt; ein Polizist starb durch den Schuss aus einer großkalibrigen Waffe. Die Shuar bestreiten, solche Waffen zu besitzen. Doch der damalige Präsident Correa, kein Freund versöhnlicher Worte, war außer sich: „Es gibt ein paar gewalttätige Gruppen, die ein Shuar-Reich gründen wollen und nicht an einen modernen Staat glauben. Sie können sich für noch so alteingesessen halten, aber dieses Land hat nie den Shuar gehört!“

Regierung verhängte den Ausnahmezustand über die gesamte Provinz

Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand über die gesamte Provinz Morona Santiago und schickte die Armee. Die Soldaten räumten vorübergehend mehrere Dörfer auf der Suche nach mutmaßlichen Verantwortlichen. Eines davon ist das Dörfchen Tsuntsuim. Auch hier leben indigene Shuar. Der Weg dorthin ist steil und beschwerlich. Regenwolken hängen in den malerischen Bergen der Kondor-Kordillere, unten rauschen die grauen Fluten des Río Zamora. Nach fünf Stunden Aufstiegs durch den knietiefen Schlamm gelangt man endlich an eine Lichtung, auf der ein paar schlichte Holzhäuser mit Wellblechdächern stehen. Das Dörfchen Tsuntsuim hat nur ein paar Dutzend Einwohner. Kinder rennen herum, Hühner gackern, ein Hund kläfft; ansonsten ist es ruhig.

Doch am Abend des 18. Dezember 2016 war es mit der Ruhe vorbei. Die etwa 40 Einwohner*innen wurden von Hubschraubern und Schüssen aufgeschreckt: Hunderte ecuadorianische Soldaten drangen von der anderen Seite des Flusses nach Tsuntsuim vor. María, eine schüchterne Frau, sitzt bei Kerzenlicht in ihrer Hütte, umgeben von ihren drei Kindern. „Das ganze Dorf hatte Angst“, erzählt sie stockend: „die Soldaten kamen und schossen um sich, also habe ich um ein Uhr nachts meine drei Kinder geschnappt und bin in die Berge. Der Weg war sehr schwer, ich musste die Kinder hinter mir herziehen. Wir haben alles zurückgelassen.“

Häuser geplündert und verwüstet

Erst nachdem die Regierung den Ausnahmezustand Ende Februar aufgehoben hatte, kehrten die meisten geflohenen Dorfbewohner*innen langsam wieder zurück. Sie fanden ihre Häuser geplündert oder verwüstet vor. Das Vieh und Kochgeschirr waren weg, die Computer aus der Schule verschwunden. Die Bewohner*innen sind arm, und sie sind wütend; so wie Señora Clementina, eine ältere, umfangreiche Frau mit dicken, schwarzen Zöpfen. „Die Regierung hat das Land der Shuar verkauft“, wettert sie. „Aber wir werden unser Gebiet verteidigen! Denn wenn das chinesische Unternehmen kommt, geht hier alles zu Ende! So wie es in Tundayme passiert.“

Bereits Tote in Tundayme

illegaler Bergbau
Bereits jetzt gibt es in Morona Santiago sowohl legalen als auch illegalen Bergbau, wie hier bei Tsuntsuim. Foto: Darius Ossami

Im nur 90 Kilometer südlich gelegenen Tundayme hat die Mine El Mirador ihre Arbeit aufgenommen – betrieben vom selben chinesischen Konsortium. Auch dort leben die Shuar und haben seitdem einen Haufen Probleme. Bei Protesten sind bereits zwei Menschen erschossen worden. Ein dritter, José Tendetza, war zunächst selbst Mitarbeiter der Bergbaufirma, bis er zu schließlich einem ihrer einflussreichsten Gegner wurde. Am 2. Dezember 2014 fand man ihn ermordet im Zamora-Fluss. Zwei Mitarbeiter der Firma wurden angeklagt, doch der Fall ist bis heute nicht gelöst.

Jetzt steht sein jüngerer Bruder Carlos Tendetza ratlos an der Straße, über die Kipplaster rasen. Nach dem Mord an seinem Bruder ist es nun seine Aufgabe, für den Schutz der Umwelt in seiner Gemeinde zu kämpfen. Aufgebracht macht er seinem Ärger Luft: Vorher habe es diese sozialen Konflikte und Umweltprobleme nicht gegeben, erklärt Tendetza aufgebracht. Die Regierung nehme sie nicht ernst: „Es gibt Gesetze für uns Indigene, aber die Regierung gesteht uns unsere Rechte nicht zu. Sie haben gesagt, wir seien Terroristen, wir seien Eindringlinge – aber wir sind keine Eindringlinge, wir sind die Hüter dieser Mutter Erde, der Pflanzen und des Wassers. Wir haben alles Recht, um unsere Stimme zu erheben.“

Unterstützung von Umweltschutzgruppen

Carlos Tendetza bekommt Unterstützung von Umweltschutzgruppen und Menschenrechtsorganisationen. Denn die Verfassung von 2009 enthält mehrere festgeschriebene Rechte für die Umwelt und für die Indigenen. Gloria von der NGO Acción Ecológica zählt auf: das Recht auf Wasser, das Recht auf Widerstand, das Recht auf Ernährungssicherheit. Deshalb würden die Leute nicht aufhören zu kämpfen, erklärt sie: „Das Kapital kämpft dafür, ein Stück Land zu besitzen, um weiter Kapital zu produzieren – und die Leute kämpfen auch für ihr Stück Land, wo weiter Leben produziert wird. Es ist aber ein ungleicher Kampf, weil die Leute gar keine andere Wahl haben, als weiter um ihr Land zu kämpfen.“

Vorsichtige Schritte der neuen Regierung

Die neue Regierung unter Lenín Moreno vertritt ebenfalls die Ansicht, das umstrittene Gebiet habe nicht den Shuar gehört und sei deshalb legal verkauft worden. Außerdem seien die Leute vorher konsultiert worden. Doch scheint die Regierung Moreno, die erst seit Ende Mai im Amt ist, etwas vom zuletzt konfrontativen Kurs Rafael Correas abzurücken. Moreno hatte betont, dass er für alle regieren werde und seine Regierung offen für den Dialog sei, heißt es in einer Erklärung. Zudem arbeite das Bergbauministerium an einer Reform des Bergbaugesetzes in Bezug auf eine vorhergehende Konsultation.

Und das ist wahrscheinlich der einzige Aspekt, den die Regierung Ecuadors und die Shuar gemeinsam haben: Die Hoffnung, dass es in Zukunft besser wird. Moreno plant eine Bürger*innenbefragung und scheint tatsächlich dialogbereiter zu sein. Das muss er auch, denn sein Wahlsieg war denkbar knapp, seine Partei gespalten. Es ist jedoch mehr als fraglich ob das reicht, um eine Alternative zum Extraktivismus zu suchen und, mehr noch, bestehende Verträge wieder zu kündigen. Die Indigenen Ecuadors werden jedenfalls weiter Druck machen.

Zu diesem Artikel gibt es hier auch einen Audiobeitrag von Radio onda.

Und bei Youtube findet ihr ein schickes Erklärvideo.

CC BY-SA 4.0 Shuar kämpfen gegen den Bergbau von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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