
Die Lachszucht spült jedes Jahr Hunderte Tonnen Antibiotika ins Meer. Guten Appetit.
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(Punta Arenas, 12. März 2026, open democracy).- Seit über 100 Jahren ist eine Höhle auf der Insel Capitán Aracena im südlichsten Teil Chiles Gegenstand einer uralten Fischerlegende: Wer in der Nähe der Höhle und der dort begrabenen Mumie segelt, wird von einem Fluch heimgesucht.
Selfie mit Mumie
Anfang der 2000er Jahre wurde dank Hinweisen von Einheimischen die mumifizierte Leiche einer Frau in einer Höhle auf der Insel gefunden. Eine genetische Untersuchung im Jahr 2008 ergab, dass sie vor 100 bis 150 Jahren gelebt hatte. Ihre DNA stimmte mit der der Kawésqar überein, eines nomadischen Kanuvolkes aus der Region, das auch heute noch dort lebt. Die chilenischen Behörden beschlossen, die mumifizierte Leiche aus Kostengründen in der Höhle zu belassen, da die künstliche Nachbildung der für die Konservierung erforderlichen Umweltbedingungen kompliziert geworden wäre. Doch der Respekt und die Ehrfurcht gegenüber der Legende schwinden, weiß Leticia Caro, 50 Jahre alt und Anführerin einer der Kawésqar-Gemeinschaften. „In den letzten Jahren haben einige Besucher*innen sogar Selfies mit der Mumie gepostet“, empört sie sich. „Ich dachte, ich seh‘ nicht recht.“
Der Lachs stammt nicht aus Chile
Es waren auch keine Touristen, sondern Arbeiter des norwegischen Unternehmens Nova Austral, das direkt gegenüber der Höhle intensive Lachszucht betreibt. Die Lachszuchtanlage in Capitán Aracena ist eine von Hunderten, die in den Gewässern des Pazifiks und im Binnenmeer im chilenischen Patagonien errichtet wurden. Chile ist nach Norwegen der zweitgrößte Lachsproduzent der Welt, und Lachs ist nach Kupfer das zweitwichtigste Exportprodukt Chiles. Das südamerikanische Land ist der Hauptlieferant von Lachs in die USA (Umsatzwert 2,2 Milliarden Dollar im Jahr 2024); weitere wichtige Märkte sind Japan, Brasilien, Lateinamerika und China. Europa liegt derzeit an sechster Stelle, doch die chilenischen Verkäufe auf dem europäischen Markt sind rasant gestiegen: von 56 Millionen Dollar im Jahr 2003 auf 204 Millionen im Jahr 2024. Lachs ist in den chilenischen Gewässern nicht heimisch. Die ersten Exemplare wurden in den 1980er Jahren aus Norwegen importiert. Zwischen 1990 und 2017 stieg die industrielle Produktion um fast 3000 Prozent; der extreme Zuwachs verursacht seit Jahren schwerwiegende ökologische und soziale Probleme: Aktivist*innen erhalten Morddrohungen, das Land indigener Völker wird verseucht, und Dutzende Menschen sind bei der Arbeit in den „Salmoneras“, wie die Zuchtfarmen für Lachs in Gefangenschaft genannt werden, bereits ums Leben gekommen.
Lachszucht, eine der schlimmsten Umweltbedrohungen in Patagonien
Im April 2024 kam ein Bericht eines Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen zu dem Schluss, dass „die Lachszucht eine der größten Umweltbedrohungen für Patagonien darstellt“. Tonnenweise Antibiotika, Chemikalien und Pestizide, die in der Zucht eingesetzt werden, schädigen das Meeresökosystem und führen zur Entstehung riesiger „toter Zonen“ im Meer vor Patagonien. Caro und ihre Gemeinschaft, die „Grupos Familiares Nómadas del Mar“, leben im Nationalpark Kawésqar, dem mit 2,8 Millionen Hektar zweitgrößten Schutzgebiet Chiles. Doch der Status schützt weder den Park noch die Kawésqar vor der Lachsindustrie, die in Nationalparks erlaubt ist, trotz wissenschaftlicher Belege für die von ihr verursachten Umweltschäden. „Viele Menschen leben hier vom Fischen, auch mein Vater. Und mitten in dem Anerkennungsprozess taucht plötzlich die Industrie auf, und alles wiederholt sich.“ Küstengemeinden wie die Ihre beklagen, dass die Verschmutzung durch die Lachszuchtbetriebe das Fischen immer schwieriger macht. Die große Anzahl an Lachszuchtanlagen behindert in vielen Gebieten die freie Schifffahrt. Das betrifft nicht nur die indigenen Gemeinschaften. Alle traditionellen Fischer im Süden Chiles leiden seit Jahren unter der durch den Lachs verursachten Verschmutzung, die die Ökosysteme im Meer zerstört und andere Arten tötet. Das Meer enthält nur noch sehr wenig Sauerstoff und zu viele Chemikalien. Während die norwegische Industrie im Jahr 2024 709 Kilogramm Antibiotika einsetzte, verbrauchte die chilenische Industrie (zu der auch große norwegische Unternehmen gehören) mehr als 351 Tonnen, im Jahr 2014 waren es sogar 563 Tonnen. Zwischen 70 und 80 Prozent der verabreichten Antibiotika können in die Umwelt gelangen. „Der Schaden ist nicht auf die Orte begrenzt, an denen die Industrie angesiedelt ist, sondern auch in anderen Gebieten und in den Kanälen, denn das Meer lebt, es ist in Bewegung“, sagt Caro. Das Leben der indigenen Völker im Süden Chiles war schon immer mit dem Meer verbunden. Seit Jahrtausenden lebten sie vom Fischfang, befuhren die Fjorde Patagoniens und feierten althergebrachte Zeremonien auf dem Meer, nutzten Meeresprodukte wie Algen zu medizinischen Zwecken und betrachteten verschiedene Gebiete der Küste oder des Ozeans als heilig. Dazu zählte auch die Höhle der Kawésqar-Gemeinschaft.
ECMPOs schützen traditionelle Praktiken, die Fischerei und heilige Stätten
Im Jahr 2008 gab ein Gesetz den indigenen Gemeinschaften ein wirkungsvolles Instrument an die Hand, um das Meer vor Ausbeutung zu schützen, einschließlich derjenigen durch die Lachsindustrie. Das Gesetz 20.249, auch bekannt als Lafkenche-Gesetz, ist benannt nach den Mapuche-Gemeinschaften an den Küstengebieten zwischen der Region Biobío und der Insel Chiloé. Es erkennt die gewohnheitsmäßige Landnutzung der Gemeinschaften an und ermöglicht den Schutz der Küstengebiete durch die Einrichtung von „Espacios Costeros Marinos de los Pueblos Originarios“ (Indigene Küstenzonen -ECMPO). Das Gesetz betrifft traditionelle Praktiken, die Fischerei und die heiligen Stätten der Gemeinschaften. In den letzten 10 Jahren wurden 42 ECMPO genehmigt. Dort können Gemeinschaften die Verwaltung eines bestimmten Meeres- und Küstengebiets beantragen, was ihnen das Recht einräumt, gemeinsam mit den staatlichen Meeresbehörden den Verwaltungsplan selbst aufzustellen. Sobald die Regierung den Antrag auf ein ECMPO genehmigt hat, dürfen in diesem Gebiet keine neuen maritimen Konzessionen an Unternehmen vergeben werden, bereits bestehende Konzessionen und Nutzungen bleiben jedoch unberührt. Derzeit beantragt Caros Gemeinschaft zusammen mit zwei weiteren eine ECMPO für 300.000 Hektar innerhalb des Nationalparks, was neue Lachszuchtanlagen auf dieser Fläche effektiv verbieten würde. Die nomadischen Kawésqar leben seit Jahrtausenden und navigieren durch die Fjorde der Region. Die Ankunft der europäischen Siedler im 19. Jahrhundert hätte sie fast ausgerottet. Laut Caro gibt es heute weniger als 1.000 Menschen. „Wir haben vor nicht allzu langer Zeit einen Völkermord erlebt, und es wurde den Kawésqar gewissermaßen unmöglich gemacht, weiter zu segeln“, erzählt sie. Aber nun beginnt sich die Bevölkerung der Kawésqar stückweise zu erholen.
Harsche Kritik seitens der Industrie
Außerhalb Chiles wird das Lafkenche-Gesetz als wegweisende Gesetzgebung im Bereich der indigenen Rechte gefeiert; im Inland ist es Angriffen seitens der Lachsindustrie ausgesetzt, und auch Politiker verschiedener Parteien argumentieren, dass das Gesetz die Wirtschaft lahmlege und von den indigenen Völkern missbraucht werde. Das Gesetz behindere verschiedene Wirtschaftszweige und habe zu erheblichen Konflikten geführt, so der Präsident des Verbandes der Lachszuchtunternehmen 2024 bei einer Anhörung im Senat. „Wir müssen das Lafkenche-Gesetz abschaffen, weil es die Lachsindustrie zerstört“, tönte es auch letztes Jahr aus der Industrie. Präsident José Antonio Kast bezeichnete das Gesetz gar als „Instrument politischer Erpressung“ und sprach sich für eine Änderung aus. „In den letzten Jahren gab es mehrere rassistische Hasskampagnen gegen das Lafkenche-Gesetz; die jüngste davon hat zweifellos den größten Einfluss auf die öffentliche Meinung gehabt“, so der Geograf Álvaro Montaña vom gemeinnützigen Zentrum für Studien und Schutz des Naturerbes (CECPAN) gegenüber democraciaAbierta. „Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass die Fristen für das Verfahren nicht eingehalten werden.“ Obwohl zwischen der Beantragung eines ECMPO und der Entscheidung nicht mehr als zweieinhalb Jahre liegen sollten, sind es in der Praxis siebeneinhalb Jahre, was auf die hohe Anzahl an Anträgen und den Mangel an öffentlichen Mitteln zurückzuführen ist. „Aber das ist ein administratives Problem, das man lösen könnte“, fügt Montaña hinzu, „denn an sich funktioniert das Gesetz: Seit 2015 wurden 42 ECMPO genehmigt“. Insgesamt seien 125 Anträge gestellt worden, die meisten davon in den Regionen Los Lagos und Biobío. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass der ECMPO-Status so viele Bereiche abdeckt. Mit ihm wird die produktive Nutzung des Gebiets unter eigene Verwaltung gestellt, dazu schützt es die traditionelle Schifffahrt und Fischerei und gegebenenfalls die als heilig geltenden Orte. „Nehmen wir den Fall der Höhle – das ist eine wichtige archäologische Stätte. Es geht nicht nur um die Verschmutzung, sondern um kulturelle Einmischung, um den Bruch mit der Erinnerung“, erklärt Caro.
Kritikpunkte basieren teils auf Fehlinformationen
Christian Paredes Letelier, Umweltanwalt bei der Menschenrechts-NGO Observatorio Ciudadano, erläutert: „Das Lafkenche-Gesetz gewährt den Gemeinschaften nicht das Eigentum am Meer, es überträgt ihnen dessen Verwaltung. Das ist etwas ganz anderes.“ Dazu betonte er: „Die Gemeinschaften, die die Schaffung des Gesetzes vorangetrieben haben, betonen immer wieder: Dieses Instrument will nicht die Lachsindustrie vernichten, sondern die überlieferten Traditionen der indigenen Völker bewahren, woraus sich auch der Schutz des Meeres ableitet, wobei das nicht das direkte Ziel des Gesetzes ist.“ Der Vorwurf der missbräuchlichen Anwendung des Gesetzes beruft sich auf Informationen der staatlichen Fischereiagentur Sernapesca. Auf Nachhaken des Observatorio Ciudadano erklärte ein Sernapesca-Sprecher, seit Inkrafttreten des Lafkenche-Gesetzes seien keine Beschwerden oder Anzeigen wegen mutmaßlicher Verstöße oder missbräuchlicher Anwendung des Gesetzes eingegangen. „Ich glaube, dass viele dieser Kritikpunkte auf Fehlinformationen zurückzuführen sind“, sagt Paredes. „Aber auch auf Diskriminierung und Rassismus gegenüber indigenen Gemeinschaften.“ Dennoch hat ein Senatsausschuss im vergangenen Monat eine Gesetzesänderung verabschiedet, die nun im Plenum zur Abstimmung ansteht. Die Änderungen begrenzen die Fläche, die ein ECMPO umfassen darf, und verpflichten dazu, den Bewirtschaftungsplan bereits im Erstantrag beizufügen, außerdem sollen die Rechte der Gemeinschaften zugunsten von Unternehmen und anderen wirtschaftlichen Aktivitäten eingeschränkt werden. Eine Versammlung der Lafkenche-Gemeinschaften lehnte die Reformen ab und forderte die Regierung auf, ihre Rechte zu schützen.
Eine Fabrik reicht, um ein jahrtausendealtes Paradies zu zerstören
Der 62-jährige Aktivist Francisco Vera Millaquén hat das Gesetz wesentlich miterkämpft. Als Werkén der Mapuche-Huilliche-Gemeinschaft Pepiukelén berät er verschiedene Gemeinschaften bei der Anwendung des Gesetzes. „Der Name unserer Gemeinschaft bedeutet ‚Der mit dem Herzen verteidigt, was ihm gehört‘“, erklärt er. „Am Tag der Abstimmung in Valparaíso, dem Sitz des Parlaments, waren wir mit einer ziemlich großen Delegation vor Ort. Nachdem das Gesetz verabschiedet worden war, haben eine Zeremonie am Meer abgehalten. Wir waren alle sehr glücklich.“ Millaquén lebt mit seiner Familie in der Gegend von Pargua Alto gegenüber der Insel Chiloé in der Region Los Lagos. Früher war der Ort eine Art Paradies. Die Familie wohnt in einem kleinen Holzhaus, umgeben von Bäumen, und widmet sich der Landwirtschaft, der Viehzucht und dem Fischfang. Das Meer ist nur wenige Gehminuten entfernt. Man muss einen Hügel hinuntergehen, mehrere Holzbrücken überqueren, um die herum einige Schafe grasen und gelangt an einen sehr breiten Strand. „All dies ist indigenes Land, es hat unseren Vorfahren gehört“, betont Millaquén. „Dank des Lafkenche-Gesetzes konnten wir den Bau von drei Industrieanlegestellen verhindern. Wäre das Gesetz nicht gewesen, könnten wir heute nicht mehr zum Strand hinuntergehen: Dieser Ort wäre zu einem Areal für Industrieanlegestellen geworden.“ Doch das Gesetz kam für Millaquén und seine Familie in gewisser Weise zu spät. Der Frieden endete für sie im Jahr 2006, als AquaChile, eines der größten Lachszuchtunternehmen Chiles, nur wenige Meter von der Hütte entfernt eine große Lachsfutterfabrik errichtete. Es ist erschütternd zu sehen, wie das kleine Haus, die weidenden Schafe und der Strand von der imposanten Fabrik überschattet werden. Aus den Schornsteinen steigen große Wolken übelriechenden Rauchs auf. Die Stille wird durch metallische Geräusche aus der Fabrik unterbrochen, die Lastwagen, die das Futter transportieren, fahren nur wenige Meter von Millaquéns Tür entfernt vorbei; ihre Motoren dröhnen unentwegt. „Dies war ein Paradies, das wir jahrtausendelang bewahrt hatten“, erzählt der Werkén. „Viele Menschen begreifen nicht, wie viel Schaden eine Industrie anrichten kann, aber sie sollten hierherkommen, wo der Schaden so offensichtlich ist, dass man ihn unmöglich übersehen kann. Der Bau einer Fabrik hat gereicht, um alles zu ruinieren.“
Lachsindustrie bekommt Gegenwind von indigenen Gemeinschaften von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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