Ja zu Agrarreform und Agrarökologie, nein zu Abholzung

Teil der MST-Strategie: Förderung von Biomärkten, hier in Curitiba (Bundesstaat Paraná)
Foto: Gustavo Soares und Ednubia Ghisi via Fotos Públicas
CC BY-NC 2.0

(São Paulo, 29. November 2022, Brasil de Fato).- Die brasilianische Landlosenbewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) setzt auf die Einbeziehung der Land- und Stadtbevölkerung in die Entscheidungsfindung. Ende November wurde ein Brief an die Brasilianer*innen veröffentlicht, der Vorschläge zur Agrarreform und zur Vermeidung von Abholzung enthält. Diese sollen der Regierung des gewählten Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva (PT) vorgelegt werden. „Wir werden auf jede erdenkliche Weise dazu beitragen, sie durchzusetzen“, heißt es in dem Schreiben der MST. Zu den Vorschlägen gehören die Stärkung der bäuerlichen Familienbetriebe und die Verteilung des Bodens, insbesondere in Stadtnähe. „Wir brauchen keine weiteren Bäume zu fällen. Was wir dringend brauchen, ist ein nationaler Aufforstungsplan, mit dem Millionen von Bäumen im ganzen Land, in allen Ökoregionen, auf dem Land und in den Städten gepflanzt werden“, heißt es in dem Schreiben. Die MST setzt sich auch für die Umsetzung öffentlicher Maßnahmen zur Ernährungssouveränität ein, die auf der Erzeugung gesunder Lebensmittel im ganzen Land beruhen. Daher schlägt sie vor, die Agrarökologie mit modernen Mitteln zu fördern, „ohne die Natur zu schädigen, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen und die Produktivität zu verbessern“.

Hier der Brief des MST an die brasilianische Bevölkerung: 

„Brasilien durchlebt die schlimmste wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise seiner Geschichte. Steigende soziale Ungleichheit, Umweltkriminalität, Hunger, Verzweiflung und Perspektivlosigkeit beeinträchtigen das Leben von über 70 Millionen Arbeitnehmern. All dies hat sich in den letzten sechs Jahren nach dem Putsch gegen die Regierung Dilma und den darauf folgenden vier Jahren einer neoliberalen Regierung mit faschistischen und autoritären Praktiken verschärft. Der politische Sieg Lulas bei den letzten Wahlen hat den Willen der Mehrheit der Brasilianer gezeigt, die Richtung zu ändern, den demokratischen Weg wieder aufzunehmen und die dringenden Probleme der brasilianischen Bevölkerung zu lösen. Dieser Sieg war das Ergebnis eines breiten sozialen Bündnisses aller progressiven Kräfte, sicher wird dies auch die Regierung der Frente Ampla („Breite Front“), in der die unterschiedlichsten Sektoren vertreten sind, entscheidend prägen. Die Regierung Lula wird sich der fundamentalen Herausforderung stellen müssen, die Grundbedürfnisse der Menschen zu sichern, z. B. der Bekämpfung von Hunger und Arbeitslosigkeit. In den Sektoren Bildung und Gesundheit sind umfangreiche Investitionen vonnöten. Mittelfristig bedarf es einer Diskussion über eine landesweite Neugestaltung, die auf Reindustrialisierung und der Produktion gesunder Nahrungsmittel basiert, denn nur so können wir zu Wirtschaftswachstum und sozialer Gerechtigkeit zurückkehren. Diese Diskussion muss von der gesamten Gesellschaft geführt werden.

In der Landwirtschaft gibt es seit Jahrzehnten drei Modelle der Produktionsorganisation: die skrupellosen Großgrundbesitzer, die sich durch Immobilienspekulationen und die Aneignung natürlicher Ressourcen bereichern; das Agrobusiness, das ausschließlich landwirtschaftliche Erzeugnisse für den Export produziert und sich auf nur fünf Produkte konzentriert (Soja, Mais, Zuckerrohr, Baumwolle und Viehzucht). Die Landwirte werden reich, zahlen aber dank der Exportbefreiungen keine Steuern an die Gesellschaft und greifen durch Abholzung der Wälder, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Monokulturen die Natur an. Das dritte Modell ist das der bäuerlichen Familienbetriebe, die die Natur schützen und sich der Erzeugung von Nahrungsmitteln für ihre Familien und den Binnenmarkt widmen.

  • Unsere Bundesverfassung verlangt, dass der Boden seine soziale Funktion erfüllt, rationell produziert, das Arbeitsrecht respektiert und die Umwelt schützt. Diesem verfassungsrechtlichen Grundsatz folgend treten wir stets dafür ein, dass Großgrundbesitz nicht sozial vertretbar ist und verboten werden muss und dass die Agrarindustrie ihre soziale und ökologische Verantwortung wahrnehmen, sich an die Bedürfnisse der Gesellschaft anpassen, Steuern zahlen und ihre Arbeiter würdig behandeln muss und keine Agrargifte mehr verwenden darf. Wir verteidigen die bäuerliche Familienwirtschaft und in ihrem Rahmen die Verteilung von Land aus dem Großgrundbesitz, vor allem in der Nähe der Städte, damit mehr Familien von der Landwirtschaft leben können.
  • Wir sind gegen Abholzung. Wir brauchen keine weiteren Bäume zu fällen. Was wir dringend brauchen, ist ein nationaler Aufforstungsplan, mit dem Millionen von Bäumen im ganzen Land, in allen Ökoregionen, auf dem Land und in den Städten gepflanzt werden. Dies ist eine notwendige Voraussetzung für die Bekämpfung des Klimawandels, der die Bevölkerung auf dem gesamten Planeten bedroht.
  • Wir fordern, dass die neue Regierung dringend verschiedene politische Maßnahmen, wie z. B. das Lebensmittelkauf- und das Schulspeisungsprogramm, die auf Ernährungssouveränität abzielen, sofort umsetzt und die Produktion von gesunden Lebensmitteln im ganzen Land ausweitet. Und dass die Mechanismen zur Erhöhung des Einkommens über das Sozialhilfeprogramm Bolsa Família und zur Erhöhung des Mindestlohns und der Beschäftigung genutzt werden, damit die Menschen sich würdig ernähren können.
  • Wir verteidigen die Förderung der Agrarökologie als ein technologisches Modell zu Produktion gesunder Lebensmittel, ohne die Natur zu schädigen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und die Produktivität zu verbessern. So wird die Gesundheit des Volkes gewährleistet.
  • Wir empfehlen dringend ein Programm zur Einführung von landwirtschaftlichen Maschinen für die Familienbetriebe, um die Arbeitsproduktivität zu erhöhen und den menschlichen Einsatz zu verringern.
  • Wir setzen uns für die Umsetzung eines breit angelegten Programms genossenschaftlicher Agrarindustrien in allen Gemeinden ein, um gesunde Ernährung zu fördern und Arbeitsplätze und Einkommen für Frauen und Jugendliche auf dem Land zu schaffen. Wir müssen die Ausbeutung auf dem Land bekämpfen, wie z. B. die Sklavenarbeit und die entsetzlichen Bedingungen für Lohnempfänger ohne Arbeitsrechte. Wir müssen gegen den Bergbau und das perverse Vorgehen von Bergbauunternehmen kämpfen, die unsere Umwelt und unseren natürlichen Reichtum nur um des privaten Profits willen ausbeuten. Die natürlichen Rohstoffe sind dazu da, um die Bedürfnisse aller Menschen erfüllen.
  • Wir setzen uns für ein umfassendes Bildungs- und Kulturprogramm in den ländlichen Gebieten ein, das allen Menschen, insbesondere der Jugend, Chancen bietet, den Analphabetismus beseitigt, alle Formen der Schulbildung im Landesinneren anbietet und die kulturellen Ausdrucksformen der Menschen bewahrt und fördert.
  • Wir werden alle Formen von Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, LGBT-Phobie und religiöser Intoleranz, die vom faschistischen Bolsonarismus geschürt werden, bekämpfen und zur Anzeige bringen.
  • Wir werden diese Vorschläge und Ideen an die nächste Lula-Regierung herantragen und auf jede erdenkliche Weise zu ihrer Umsetzung beitragen.
  • Unsere größte Aufgabe ist es, das Volk weiterhin zu organisieren, um für seine Rechte zu kämpfen, die in der Verfassung von 1988 festgelegt wurden, denn wir wissen, dass es ohne die Mobilisierung des Volks keinen wirklichen Wandel im Land geben wird.

Das Land befindet sich in einer Krise, die den Wandels der gesamten brasilianische Gesellschaft notwendig macht. Dies sind unsere Verpflichtungen, die wir in Zeiten bekräftigen möchten.“

 

CC BY-SA 4.0 Ja zu Agrarreform und Agrarökologie, nein zu Abholzung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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