
(São Leopoldo, 14. Juli 2026, ihu.unisinos).- Brasilien könnte zwischen 2026 und 2027 ein vermehrtes Auftreten von Extremwetterereignissen erleben, die mit dem Phänomen El Niño in Zusammenhang stehen. Extremwetterereignisse können jedoch auch unabhängig von El Niño auftreten. Obwohl derzeit noch nicht eindeutig abzusehen ist, wie stark das Phänomen ausfallen wird und welche Regionen am stärksten betroffen sein werden, weisen Fachleute und Forschungsinstitute bereits jetzt darauf hin, dass Brasilien vorausschauend handeln muss. Wird erst auf Katastrophen infolge extremer Niederschläge reagiert, sind die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Schäden deutlich größer.
Frühere Studien zeigen, dass El Niño tendenziell die Niederschlagsmengen im Norden und Nordosten Brasiliens verringert, während sie in der Südregion zunehmen. Gleichzeitig führt das Phänomen in weiten Teilen des tropischen Brasiliens, insbesondere im Sommer und Herbst, zu höheren Temperaturen. Daraus ergeben sich je nach Region unterschiedliche Herausforderungen, die jeweils eine spezifische Planung erfordern.
In den Biomen Amazonas, Cerrado und Pantanal kann die Kombination aus höheren Temperaturen und geringeren Niederschlagsmengen zu lang anhaltenden Dürren, sinkenden Flusspegeln und einer Zunahme von Bränden führen. Diese Entwicklungen beeinträchtigen nicht nur die Biodiversität, sondern auch die Wasserversorgung, die landwirtschaftliche Produktion, die Binnenschifffahrt, die Energieerzeugung und die Gesundheit der Bevölkerung – vor allem aufgrund der verschlechterten Luftqualität infolge des Rauchs.
Die Südregion hingegen könnte Niederschlagsmengen über dem langjährigen Durchschnitt verzeichnen, wodurch das Risiko von Überschwemmungen und Erdrutschen steigt. Die schweren Überschwemmungen im Mai 2024 haben gezeigt, dass die Folgen solcher Ereignisse über Jahre hinweg spürbar bleiben und Wohnraum, Infrastruktur, öffentliche Dienstleistungen und die Wirtschaft erheblich beeinträchtigen können.
Die Auswirkungen von El Niño treffen jedoch nicht alle Menschen auf die gleiche Weise. Die Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen sind am stärksten vulnerabel, weil sie oft in Gebieten wohnen, die von Hochwasser, Erdrutschen oder fehlender Infrastruktur betroffen sind. Darüber hinaus verfügen sie über geringere Mittel, um ihr Leben neu aufzubauen, ihre Familien zu schützen oder in Notfallsituationen die Gegend zu verlassen. Aus diesem Grund muss eine Verringerung der sozialen Vulnerabilität Teil der Strategie der Anpassung an den Klimawandeln sein.
Ein weiterer besonders betroffener Bereich ist die Landwirtschaft. Lang anhaltende Dürren, Starkniederschläge und Hitzewellen gefährden die Produktion, erhöhen die Kosten, beeinträchtigen den Transport, verringern das Lebensmittelangebot und wirken sich sowohl auf den Binnenmarkt als auch auf den Export und damit auf die brasilianische Wirtschaft insgesamt aus.
Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören die Ausarbeitung spezifischer Notfallpläne für jede Region, die kontinuierliche Beobachtung der Wetterbedingungen und die Erstellung präziser Wettervorhersagen, die Stärkung der Frühwarnsysteme sowie Investitionen in eine Infrastruktur, die die Folgen von Überschwemmungen, Dürren und Waldbränden verringern kann.
Die Wissenschaft liefert heute immer präzisere Informationen zur Vorhersage von Risiken und als Grundlage für die Gestaltung öffentlicher Politik. Dieses Wissen in konkrete Maßnahmen umzusetzen, hängt von der Fähigkeit der Verantwortlichen in Verwaltung und Politik sowie ihrer Berater*innen ab, wissenschaftliche Erkenntnisse angemessen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
Diese Herausforderung gewinnt im Vorfeld der Wahlen zusätzlich an Bedeutung. Unabhängig von Parteizugehörigkeit, Ideologie oder persönlichen Vorlieben müssen die Kandidat*innen und ihre Teams verstehen, dass die Anpassung an den Klimawandel längst nicht mehr nur eine Umweltfrage ist. Sie betrifft gleichermaßen die Sicherheit der Bevölkerung, die wirtschaftliche Entwicklung, die öffentliche Gesundheit und den Schutz der nationalen Infrastruktur.
Einige Prioritäten verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit:
Vorausschauende Planung: Bundesstaaten und Gemeinden müssen ihre Präventions- und Reaktionspläne für Dürren, Hochwasser und Brände überprüfen und aktualisieren.
Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen: Maßnahmen müssen ausgeweitet werden, um den klimatischen Risiken besonders ausgesetzten Gemeinschaften den Zugang zu Informationen, Notunterkünften und grundlegenden Dienstleistungen zu gewährleisten.
Wissenschaftsbasierte Entscheidungen: Öffentliche Politik sollte auf Daten beruhen, die von Forschungsinstituten und offiziellen Überwachungssystemen erhoben werden.
Zusammenarbeit zwischen den staatlichen Ebenen: Die Koordinierung zwischen Bundesregierung, Bundesstaaten und Gemeinden muss gestärkt werden, um die Reaktionsfähigkeit auf Extremereignisse zu verbessern.
Investitionen in Resilienz: Präventionsmaßnahmen, Frühwarnsysteme, die städtische Infrastruktur sowie Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel müssen weiter ausgebaut werden.
Förderung einer Kultur des Risikobewusstseins: In Brasilien sind Naturkatastrophen überwiegend meteorologischen Ursprungs. Deshalb sollte der Zivilschutz bei entsprechenden Warnungen die Evakuierung besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen aus Risikogebieten organisieren. Dazu müssen Fluchtrouten ausgewiesen und sichere Sammelorte festgelegt werden, die vor dem Eintreten einer Katastrophe erreicht werden können.
Auch wenn Extremwetterereignisse unabhängig von El Niño regelmäßig auftreten, deutet vieles darauf hin, dass sie künftig häufiger und intensiver werden. Tritt El Niño gleichzeitig auf, können sich ihre Auswirkungen zusätzlich verstärken. Je früher Brasilien in Prävention, Planung und Wissenschaft investiert, desto geringer werden die menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Verluste in den kommenden Jahren ausfallen.
Über die Autor*innen: Geraldo Fernandes ist Angehöriger des Kompetenzzentrums für Biodiversität der Bundesuniversität von Minas Gerais. José Marengo ist Meteorologe und Klimatologe. Er ist Generalkoordinator für Forschung und Entwicklung am Nationalen Zentrum für die Überwachung und Warnung vor Naturkatastrophen (CEMADEN).
Übersetzung: Christa Röpstorff
El Niño erhöht den Handlungsdruck für Brasiliens Klimaanpassung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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