
(Belem, 19. Dezember 2025, npla).- Zu Land, zu Luft, aber vor allem zu Wasser reisten Bewohner*innen des Amazonas zum Weltklimagipfel COP30 im brasilianischen Belém. Auf einer viertägigen Bootsfahrt kam auch eine Reisegruppe an, die sich einem partizipativem Regenwald-Journalismus verschrieben hat. NPLA hat sie begleitet. Zu diesem Artikel gibt es auch eine Onda-Radioreportage.
Am 1. November 2025 legt im Hafen von Alter do Chao ein Boot ab. Eigentlich keiner Rede wert, denn der Hafen der kleinen Stadt am Amazonaszufluss Rio Tapajos ist immer voller Kanus, Motorboot, Transport- und Ausflugsschiffe. Aber an Bord der Karolina de Norte hat sich heute eine außergewöhnliche Reisegruppe zusammengefunden. Auf den drei Decks herrscht reger Betrieb. Rucksäcke werden verladen, Obstkisten gestapelt und 101 Hängematten gespannt. An der Reling hängt Fabinho Pena von der NGO Saude e Alegria ein Transparent auf: Navegando contra o fim do mundo –mit dem Boot gegen das Ende der Welt.
„Wir erleben gerade einen sehr wichtigen Moment für das Land, für Brasilien, aber vor allem für den Amazonas, der zum ersten Mal Gastgeber der Konferenz ist“, erklärt Pena, während er Knoten knüpft. Die Idee, mit dem Boot nach Belém zu fahren, habe viel mit der Kultur im Amazonasgebiet zu tun. Das Boot ist das wichtigste regionale Transportmittel. Flüsse sind Straßen. „Also dachten wir uns, warum sollten wir die Reise nach Belém nicht genießen, mit vielen verschiedenen Menschen auf einem Boot, um zu diskutieren und voneinander zu lernen.“
Regenwaldjournalismus auf dem Sonnendeck
Saude e Alegrie organisiert die Bootsfahrt zur Weltklimakonferenz COP30 gemeinsam mit dem Journalist*innennetzwerk Sumaúma. Beide stehen sie ein für engagiertes Medienmachen und Kooperation mit den traditionellen Gemeinden des Amazonas. „Regenwald-Journalismus“ nennen sie diesen Ansatz, bei dem Umweltschutz und Klimagerechtigkeit auf anzestrales Wissen und lokale Kultur treffen. Die Begleitmusik dazu heißt Carimbó, an Bord jeden Abend auf dem Sonnendeck interpretiert von der Carimbó-Kombo Iris da Selva e os Passeros Urbanos.
Am nächsten Morgen sind Trommeln und Querflöten wieder einem Tisch gewichen, das erste interdisziplinäre Panel beginnt. Neben indigenen Aktivist*innen und Medienmachenden haben sich auch Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Psychoananalytiker*innen und andere internationale Unterstützer*innen eingeschifft. Unter ihnen auch Miriam Saage-Maaß vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) aus Berlin. Sie ist von der Athmosphäre auf dem Boot beeindruckt, darüber, „dass indigene Gemeinden und Vertreter dieser Gemeinden tatsächlich die Experten ihres eigenen Erfahrungshorizont sind und auf Augenhöhe sprechen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Leuten aus NRO.“
Saage-Maaß wirbt auf dem Boot dafür, ökonomische und finanzielle Akteure stärker in die Verantwortung zu nehmen „Die profitieren nach wie vor von Entwaldung, von der Zerstörung der Umwelt und des Klimas“ sagt sie und das müsse konkrete rechtliche und politische Konsequenzen haben. Handlungsbedarf gibt es genug. Betroffene Menschen aus dem Amazonas berichten, dass der riesige Belo Monte-Staudamm am Xungú-Fluss seit seiner Einweihung die Gegend vertrocknen lässt und weniger Strom liefert als erwartet. Darüber, wie Träume und traditionelles Wissen ein neues Wir-Gefühl schaffen können. Darüber, wie lokale Gemeinden sich vor invasiven Technologien schützen können.
Jugend kämpft für Naturrechte
Miriam hört viel zu, macht Notizen, zum Beispiel, als Darlon Neres von der Jugendbewegung Apontam Caminhos erzählt. wie sie auf dem Weltklimagipfel die Diskussion über Naturrechte vorantreiben wollen. „Wir glauben, dass der Fluss unser Bruder ist und die Bäume unsere Schwestern. Deshalb kämpft unser Kollektiv für die Anerkennung des Flusses Arapiuns als Rechtssubjekt.“ Das ist der Fluss seiner Gemeinde nahe der Amazonasstadt Santarém. Auch Bergbau bedrohe das lokale Ökosystem. Man müsse die „räuberische und todbringende Ausbeutung des Regenwalds stoppen,“ fordert Neres entschieden.
Dass sich diese Forderungen direkt in der Abschlusserklärung wiederfinden werden, daran haben viele an Bord Zweifel, so auch Mit-Organisator Fabinho Pena. „Aber vielleicht gelingt es der Zivilgesellschaft unsere Regierungen mehr unter Druck zu setzen, damit sie angemessenere Maßnahmen ergreifen, die besser zu dem passen, was sie predigen“, findet Pena. So verspreche auch die brasilianische Regierung die Umwelt zu schützen und zugleich die Ölförderung an der Amazonasmündung genehmigt. Hoffungsvoll stimmt Penas etwas anderes. „Die Jugend interessiert sich für die Klimadebatte. Sie wissen, dass es um ihre Zukunft geht und deshalb kämpfen sie für Klimagerechtigkeit und verteidigen ihre Territorien.“
Der Wald als Wasserpumpe
Denkanstöße dafür kommen aus allen Richtungen. So auch vom pensionierten Klimaforscher Antonio Nobre, der im Ruhestand weiter forscht und schreibt. Seine „biotische Pumpentheorie” erklärt, wie Feuchtigkeit aus dem Ozean ins Landesinnere gelangt – ein lebendiges Klimaelement, das bisher wenig Beachtung findet. „Dabei sehen wir, dass alle Hitzerekorde gebrochen wurden, und unsere Messungen zeigen, dass dies auf die Zerstörung der unter Stress stehenden Biome zurückzuführen ist. Die Leistungen, die Wälder bisher erbracht haben, wurden von den Klimamodellen nie richtig berücksichtigt.“
Nobre hofft, dass die COP ein Weckruf wird, um endlich systematisch aufzuforsten. „Ich sage nicht, dass wir weiterhin fossile Brennstoffe nutzen sollten,“ räumt er ein. Aber die monotone Diskussion um CO2 und Ölförderung lenke vom Wichtigsten ab, dem Schutz des Waldes, der ein entscheidender Faktor für den globalen Wasser-, Energie- und den Kohlenstoffkreislauf ist.
Denn sie wissen nicht, was sie tun
Diese Erkenntnis ist für die Bewohner*innen des Amazonas nicht neu. Nobre konnte sich davon im Gespräch mit Davi Kopenawa, einem Schamanen der Yanomami, überzeugen, der ihm offen heraus sagte, die Weißen wüßten nicht, was sie tun, wenn sie den Wald abholzen. Denn es würde dann keinen Regen mehr geben. Und ihn diesen, nichts zu Trinken und nichts zu Essen. „Als ich das hörte, war ich baff,“ erinnert sich Nobre, denn er habe zwanzig Jahre mit Wetterstationen, Satellitenbildern und Supercomputern Modelle entwickelt. „Und die Yanomami wussten das alles ohne diese Utensilien.“ Auf die Frage, woher er das wisse, habe ihm Kopnewa geantwortet: ‚Die Geister des Waldes haben es uns gelehrt‘, erinnert sich Nobre. „Und da wurde mir klar, dass es zwischen Himmel und Erde mehr Dinge gibt, als man sich vorstellen kann.“
Damit solche Dialoge nach der Bootsreise zur Weltklimakonferenz nicht an Fahrt verlieren, arbeiten auch Community-Medien aus dem Amazonas an neuen Strategien für eine gemeinsame Berichterstattung und die Verbreitung von Inhalten auch in abgelegenen Gegenden. Bereits im Vorfeld haben sich viele Allianzen gebildet, um von der COP30 zu berichten. Beteiligt daran ist auch Ju Baré von der indigenen Gruppe der Baré, Sprecherin des indigenen Mediennetzwerks Rede Wayuri vom Rio Negro. „Was ich zu dieser Copa mitbringe, ist ein Kommunikationsmodell, das im Amazonasgebiet funktioniert. Es ist eine Kommunikation, die wir in unserem Territorium entwickelt haben, mit den Menschen, die dort leben,“ sagt sie stolz.
Dabei verbinden sich Erfahrungen mit Community Radio, CB-Funk,Online-Blogs und sozialen Medien. Juliana wird dieses Wissen in das Projekt „Nationales Radio der indigenen Völker“ einbringen. Eine gemeinsame Redaktion wird auch nach der COP30 Woche für Woche Berichte und Stimmen von Community-Korrespondent*innen im Internet und als Podcast hörbar machen. Denn eine lebendige und bunte Regenwaldkultur sei das beste Gegenmittel gegen Klimaangst und Weltuntergangsstimmungen, findet Ju Baré. Und diese Überzeugung trägt sie auch zur Weltklimakonferenz, nicht überschwänglich, aber doch hoffnungsvoll:
„Meine Erwartung an die COP 30 ist, dass es wirklich eine COP wird, bei der die Communities Gehör finden. Ich weiß, dass wir keine unmittelbaren Antworten und Lösungen bekommen werden, aber ich hoffe, dass wir Einfluss auf die nächsten COPs haben, auf Entscheidungen, die im Laufe der nächsten Jahre dort in Bezug auf den Klimawandel getroffen werden, der auch die traditionellen Völker, die Ureinwohner, die Quilombolas, die Flussbewohner und all die Menschen betrifft, die sich um den Regenwald kümmern.“
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