Agrarmacht auf tönernen Füßen

Von Ana de Ita

Die mexikanische Ernährungssouveränität ist gefährdet, Rinder z.B. gehen mehrheitlich als Lebendvieh zur Mast in die USA und kehren als Steaks zurück, Foto: Archivo de Proyectos, CC_BY-NC-SA_2.0
Die mexikanische Ernährungssouveränität ist gefährdet, Rinder z.B. gehen mehrheitlich als Lebendvieh zur Mast in die USA und kehren als Steaks zurück, Foto: Archivo de Proyectos, CC_BY-NC-SA_2.0

(Mexiko-Stadt, 13. Dezember 2017, la Jornada).- Vor einigen Tagen freute sich Präsident Enrique Peña Nieto, weil „Mexiko auf dem richtigen Weg ist, sich zu einer Agrarmacht zu wandeln“. Einige Indikatoren des Agrar- und Ernährungssektors weisen eine gewisse Besserung auf: Der Sektor ist in den bisher fünf Jahren der sechsjährigen Regierungsperiode um durchschnittliche 1,9 Prozent gewachsen. Das liegt geringfügig über dem durchschnittlichen Anstieg des mexikanischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 1,7 Prozent und dem Bevölkerungswachstum von 1,4 Prozent in diesem Zeitraum. Der Anteil des Agrar- und Ernährungssektors am BIP macht 9 Prozent aus. Zu Beginn der amtierenden Regierung waren es 8,4 Prozent.

Ernährungssouveränität Mexikos nimmt rapide ab

Seit 2015 weist die Handelsbilanz im Agrar- und Ernährungssektor zum zweiten Mal seit Beginn des Freihandelsvertrages Nafta am 1. Januar 1994 einen Überschuss auf, im besagten Jahr 1,4 Milliarden US-Dollar. Die Exporte im Agrar- und Ernährungssektor übersteigen seit 2015 die Importe. Zuvor hatte es 20 Jahre lang ununterbrochen ein Defizit gegeben (nur 1995 war die vorherige Ausnahme). Im vergangenen Jahr weitete sich der kleine Überschuss auf 3,6 Milliarden Dollar aus. In diesem Jahr erreichte er bis September bereits 4,2 Milliarden US-Dollar. Die Regierung erwartet, dass die Exporte des Sektors Ende 2017 die Rekordsumme von 33 Milliarden US-Dollar erreichen.

Wenn wir uns den einzelnen Produkten nähern, die in dieser Handelsbilanz zusammengefasst sind, stellen wir jedoch fest, dass es um Mexikos Ernährungssouveränität immer schlechter bestellt ist. Das Land hängt immer mehr vom Import von Grundnahrungsmitteln ab. Heute führen wir acht von zehn Kilo Reis, die wir konsumieren, ein. Beim Mais sind es 3,5 von zehn Kilo, bei Weizen fast sieben von zehn Kilo. Beim Schweinefleisch sind wir bei 4,2 Kilo, beim Geflügel importieren wir zwei von zehn Kilo. Bei der Milch kommen wir auf knapp zwei von zehn Litern. Seit Nafta in Kraft trat, hat sich die Abhängigkeit von Grundnahrungsmitteln nicht reduziert, sondern bei fast allen Produkten verstärkt. Ursächlich dafür ist das Modell einer Landwirtschaft auf Basis komparativer Kostenvorteile. Dieses Modell nimmt auf die differenzierte Bedeutung, die die Produkte für die Ernährung der Bevölkerung haben, keine Rücksicht.

Hauptexportprodukte: Tomaten und Avocado

Für die Welternährungsorganisation (FAO) der UNO läuft Mexiko keine Gefahr, in die Ernährungsabhängigkeit zu geraten. Das Land verfüge über genügend Devisen, um im Bedarfsfall Lebensmittel auf dem Weltmarkt zu kaufen. Aber eine andere Sichtweise ist, dass die erhöhte Importabhängigkeit für Grundnahrungsmittel nicht wünschenswert ist. Die Tortilla-Krise in 2008 unterstrich dies. Andererseits fußt der Handelsüberschuss auf dem Export von nicht vorrangigen oder als Luxus eingestuften Landwirtschaftsprodukten: Gurken, Zwiebeln, Knoblauch, Hülsenfrüchte und Gemüse. Früchte, vor allem Beeren einschließlich Erdbeeren, Mango, Melone, Wassermelone, Papaya und Zitrusfrüchte. Seit vergangenem Jahr ist die Avocado das Hauptexportprodukt, gefolgt von der Tomate. Aber während die Tomatenausfuhren in den vergangenen fünf Jahren nur um 15 Prozent stiegen, expandierte der Avocado-Export um 139 Prozent.

Die mexikanischen Avocados sind inzwischen fast ein Synonym für den „Super Bowl“. Seit etwa vier Saisons ist es im Nachbarland Mode geworden, die Spielübertragung mit Guacamole (Avocadospeise), Nachos (frittierte Tortilla-Dreiecke) und Bier zu begleiten. Die Avocado-Exporte haben wertmäßig 2,1 Milliarden US-Dollar erreicht, Tomaten machen weitere knapp zwei Milliarden US-Dollar aus. Das bedeutet einen jeweiligen Anteil von 14 Prozent an den Gesamtexporten. Kolumbien und Costa Rica sind daran interessiert, in den Konkurrenzkampf auf dem US-Avocadomarkt einzusteigen.

Bierexporte aus Mexiko sind Exporte multinationaler Unternehmen

Mit Ausnahme des Exports von Rindern, die mehrheitlich als Lebendvieh zur Mast auf die andere Seite der Grenze kommen und als Steaks zurückkehren, sowie einigen Ausfuhren von Hartweizen und weißem Mais (für den menschlichen Konsum), die angesichts der hohen Einfuhrmengen von Weichweizen und gelbem Mais nicht ins Gewicht fallen, bestehen die übrigen Exportprodukte Mexikos im Wesentlichen aus Gemüse und Obst. Unter den exportierten verarbeiteten Lebensmitteln ragen Bier und Tequila heraus. Sie tragen etwa 3,5 Milliarden US-Dollar bei. Aber die Mehrzahl der mexikanischen Biermarken ist an ausländische Unternehmen verkauft worden oder es gibt eine Beteiligung von ausländischem Kapital, das vor allem niederländischer, belgischer und US-amerikanischer Herkunft ist. Bierexporte aus Mexiko sind Exporte multinationaler Unternehmen. Gleiches gilt für Süßwarenprodukte, die ebenfalls einen bedeutenden Posten bei den Ausfuhren ausmachen.

Zusammengefasst: Um eine Agrarmacht zu sein, braucht es mehr als eine überschüssige Handelsbilanz. Solange die Ernährungssouveränität nicht im Mittelpunkt steht, wird sie auf tönernen Füßen stehen.

CC BY-SA 4.0 Agrarmacht auf tönernen Füßen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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