Wenn das Wasser kommt – Klimawandel in Honduras

Juan José Reyes auf Ortsbesuch. Der mollige Mittfünfziger ist Chef des Frühwarnsystems der honduranischen Zivilschutzkommission COPECO. Foto: Markus Plate

(Mexiko-Stadt, 2. Dezember 2019, npl).- Vor wenigen Wochen erst hat Chile die Ausrichtung der diesjährigen Klimakonferenz abgesagt – wegen der wochenlangen sozialen und politischen Proteste im Land. Der Klimagipfel findet stattdessen in Madrid statt. Dabei gehört Lateinamerika zu den vom Klimawandel am stärksten betroffenen Regionen der Welt. Bis zum Jahr 2050 könnte er jährliche Schäden verursachen, die in Zentralamerika zwei bis vier Prozent der Wirtschaftsleistung betragen. El Salvador und Honduras sind wegen ihrer Lage zwischen Pazifik und Karibik besonders gefährdet.

Wer am Golf von Fonseca von El Salvador nach Honduras einreist, ist erst einmal überrascht: Weites, grünes Land, stabile, geräumige Bauernhäuser aus kühlenden Lehmwänden und Dachziegeln, gepflegte Gärten und viel Vieh, bewaldete Hügel. Das sieht pittoresk aus und fast wohlhabend. Die honduranische Provinz del Valle liegt tief, eingeklemmt zwischen dem Hochland mit der Hauptstadt Tegucigalpa und der Chismuyo-Bucht am Golf von Fonseca.

Juan José Reyes macht Gemeindebesuche. Mit einem klimatisierten, geländegängigen Pickup rumpelt der mollige Mitfünfziger über die mit Schlaglöchern übersäten und oft schlammigen Pisten abseits der wenigen, gut ausgebauten Überlandstraßen von del Valle. Reyes ist Chef des Frühwarnsystems der honduranischen Zivilschutzkommission COPECO.

In Playa Grande, einem Dorf im Mündungsgebiet des wasserreichen Nacaome-Flusses in den Golf und den Pazifik, trifft Reyes auf Mitglieder des lokalen Zivilschutzkomitees, die er über Jahre geschult und begleitet hat: „Das wichtigste unserer Arbeit ist es, die Gemeindestrukturen zu stärken. Die lokalen Zivilschutzkomitees müssen in der Lage sein, zur Not auch ohne Koordinierung mit uns Entscheidungen zu treffen. Wenn zum Beispiel die Computer ausfallen, oder die Mobilkommunikation.“

Alle zwei Jahre eine Überschwemmung

Alle zwei Jahre eine Überschwemmung, das ist hier nichts Besonderes. Schon öfter haben die Bewohner*innen ihre Dörfer verlassen, tagelang auf den Dächern ihrer Häuser ausharren, das Vieh auf die etwas höher gelegene Landstraße treiben müssen. Steigt der Meeresspiegel und nimmt die Stärke von Wolkenbrüchen zu, wird auch das Wasser höher und länger in Playa Grande stehen, das Vieh wäre in diesem Fall verloren.

Schule in Playa Grande Honduras. Die Kinder lernen, wie sie sich im Notfall zu verhalten haben. Foto: Markus Plate

Schon in den Grundschulen der Gegend sind Hochwasser und Verhaltensregeln spätestens seit Hurricane Mitch vor 21 Jahren Unterrichtsstoff. Kinder sollen mit ihren Eltern regelmäßig die Wetternachrichten im Fernsehen und Radio einschalten, auch damit sie für die Gefahren sensibilisiert werden. Die Kinder lernen, wie sie sich im Notfall zu verhalten haben. Wenn eine katastrophale Überschwemmung, droht sollen die Kinder zügig aber ruhig nach Hause gehen und dann mit ihren Familien in den nächsten Ort, wo es eine sichere Notunterkunft gibt.

„Wir spüren den Klimawandel deutlich“

Der Leiter der Grund- und Mittelschule von Playa Grande, Isabel Ferrufino Reyes, weiß: „Der Klimawandel betrifft uns alle. Wir als armes Land, unsere Region, die von Land und Meer lebt, spüren den Klimawandel deutlich, beim Mais, beim Vieh, beim Fischfang. Unsere Regierung müsste viel mehr tun! Wir bräuchten Programme für die Armen. Saatgut, das gegen Hitze und Trockenheit resistent ist. Die Regierung aber tut nichts.“

Der Minister gibt die Ehre, er ist nach Playa Grande gekommen. Gabriel Rudi verantwortet auf Regierungsebene den Katastrophenschutz in Honduras und schätzt ebenso unterhaltsame wie dramatische Auftritte. Das Treffen mit der Landbevölkerung war ihm auch wichtig, weil internationale Geldgeber*innen anwesend sind, um sich von Projektfortschritten im Hochwasserschutz zu überzeugen.

Minister: Der Norden ist schuld

Überschwemmungsgefährdet – Karte des Dep Del Valle, Honduras. Foto: Markus Plate

Del Valle sei die meist gefährdete Gegend in Honduras und Honduras das zweitgefährdetste Land der Welt. Man sei hier also quasi in der gefährdetsten Region der Erde. Die Zuhörer staunen ob dieses zweifelhaften Weltrekords. Die Schuld am Klimawandel trügen aber die Länder des Nordens, liest er den Deutschen, über den anwesenden Projektpartner Arbeiter-Samariter-Bund die Leviten. Die eigene Arbeit sei dagegen vorbildhaft, ein dickes Lob für Juan José Reyes und seine kleine Behörde.

Und dann ist der Minister auch schon wieder weg, zurück in die Hauptstadt Tegucigalpa. Schuldirektor Reyes kann bei solchen Auftritten seine Wut kaum im Zaum halten: „Die Mittel der internationalen Geldgeber verschwinden in der Hauptstadt. All diese Korruptionsskandale, die Verstrickung mit den Drogenkartellen, die Vetternwirtschaft, der Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Die leben in ihrer eigenen Welt. Und wir? Wir leiden unter Dürren, Überschwemmungen, sogar Hunger.“

Aufgebrachte Bürger*innen blockieren die Straßen

Juan José Reyes kennt die Wut der Menschen. Kein Wunder: Seine Reisen in die Gemeinden muss er gut planen, regelmäßig blockieren aufgebrachte Bürger*innen die Landstraßen, um Geld, vor allem aber den Rücktritt der skandalumwitterten Regierung von Präsident Juan Orlando Hernández zu fordern.

Honduras muss mehr tun, will es für den Klimawandel gerüstet sein, das weiß auch Juan José Reyes: Regenwasser müsse in Zukunft gespeichert werden, um bei Starkregen das Wasser auffangen und zurückhalten zu können und in Dürrezeiten noch Wasser zu haben. Die Landwirtschaft müsse wieder nachhaltiger werden, um Feuchtigkeit speichern zu können, es brauche effektive Bewässerungssysteme und Ökosysteme müssten wiederhergestellt werden, auch weil sie eine natürliche Ausgleichswirkung bei Wetterextremen haben.

Klimaschutz geht nur in einem funktionierenden Staat

Dazu aber bräuchte es ein klares Bekenntnis des Staates, gesetzliche Grundlagen, professionelle Planung, effiziente Durchführung, die Einbindung der betroffenen Gemeinden – all das mutet fast illusorisch an in einem Staat, in dem jährlich Tausende Menschen ermordet werden, die Mörder meist straflos bleiben, die Justiz nicht funktioniert, die Korruption grassiert und das Gesundheitssystem seit Jahren vor dem Kollaps steht.

Die Proteste in Chile, in Honduras und anderswo, die sich gegen steigende Ungleichheit, Korruption, Entdemokratisierung und ein Wirtschaftssystem richten, das gefühlt nur einer Minderheit nützt, sie zeigen, dass für Klimaschutz und Klimafolgenanpassung erheblich mehr nötig sein wird, als globale Abkommen, technische Lösungen und ein umweltfreundlicheres Konsumverhalten.

Den poonal-Artikel zum Klimawandel in El Salvador findet ihr hier.

Den Podcast zum Klimawandel in El Salvador und Honduras findet ihr hier.

CC BY-SA 4.0 Wenn das Wasser kommt – Klimawandel in Honduras von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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