Wenn das Wasser kommt. Klimawandel in El Salvador

Roberto Cerrón ist stolz auf sein neues nationales hydrometeorologisches Zentrum in San Salvador. Foto: Markus Plate

(Mexiko-Stadt, 2. Dezember 2019, npl).- Vor wenigen Wochen erst hat Chile die Ausrichtung der diesjährigen Klimakonferenz abgesagt – wegen der wochenlangen sozialen und politischen Proteste im Land. Der Klimagipfel findet stattdessen in Madrid statt. Dabei gehört Lateinamerika zu den vom Klimawandel am stärksten betroffenen Regionen der Welt. Bis zum Jahr 2050 könnte er jährliche Schäden verursachen, die in Zentralamerika zwei bis vier Prozent der Wirtschaftsleistung betragen. El Salvador und Honduras sind wegen ihrer Lage zwischen Pazifik und Karibik besonders gefährdet.

Roberto Cerrón ist stolz auf sein neues nationales hydrometeorologisches Zentrum in San Salvador, der Hauptstadt von El Salvador. Auf Dutzenden Rechnern mit riesigen Bildschirmen laufen Echtzeitdaten auf. Wind- und Meeresströmungen, Wolkenfilme, Regenradare, Erdbebendaten, die Pegelstände der wichtigsten Flüsse. Cerrón erkennt seit längerem einen Rückgang der monatlichen Niederschlagsmengen; Dürreperioden werden häufiger und länger. Gleichzeitig gebe es aber mehr und kräftigere Starkregenereignisse: „Wetterextreme wie El Niño im Pazifik, die Erwärmung des Atlantiks und Hurricanes werden noch extremer.“ So falle in der Trockenzeit der Grundwasserspiegel dramatisch. Überflutungen würden heftiger.

Eine Million Menschen von Überschwemmungen bedroht

Das kleine zentralamerikanische Land liegt gefährlich. Eine lange Küstenlinie zum Pazifik, die Karibik auch nur 300 Kilometer entfernt, beide mit Potenzial für große Tropenstürme. Die Grenze zum benachbarten Honduras bildet ein Gebirgszug, an der sich Wolken von beiden Meeren oft heftig abregnen. Schon heute sind zehn Prozent der Landesfläche und damit fast eine Million Menschen von Überschwemmungen bedroht.

Die Menschen in der Jiquilisco-Bucht am Pazifik, einem weitverzweigten Mangroven-Feuchtgebiet, leben vom Meer, vom Fischfang und der Krabbenzucht. Dicht an dicht stehen einfache Holzhäuser, Sandwege ziehen sich wie in einem Labyrinth durch die Ansiedlungen, Hunde, Hühner und Schweine laufen frei herum. Wäsche trocknet neben Fischernetzen.

In Mitten der Bucht, auf der Insel Saldemar, findet eine Hochwasserübung statt. Heribold Rodríguez ist Chef des lokalen Zivilschutzkomitees. Das Szenario: Ein Hurricane zieht über Zentralamerika, wie der Tod bringende Mitch vor 21 Jahren: Heftige Stürme, tagelange Regenfälle lassen die Flüsse anschwellen, gleichzeitig versperrt hineindrückendes Meerwasser den Abfluss. Es braucht nicht viel, um Saldemar und die anderen Dörfer an der Küste zu überfluten: Die Siedlung liegt vielleicht zwei Meter über dem Meeresspiegel.

Der ehrenamtliche Zivilschutzchef weist über Megafon sein Team an, wer zuerst wohin evakuiert werden muss. Die kleine Schule des Dorfes dient als Einsatzzentrum, als Schutzraum und Lazarett. Rodríguez warnt, dass durch den Klimawandel Katastrophen wie Mitch wahrscheinlicher werden. Die Stürme seien heute dreimal so häufig wie vor 30 Jahren und hätten heute die gleiche Kraft wie früher Hurricanes: „Wir leben ja hier und wir können nicht so einfach weg. Um die Menschen zu evakuieren, brauchen wir viele Stunden.“

Erinnerung an Hurricane Mitch

Das Dorf Guadalupe La Zorra liegt an einer großen Süßwasserlagune. Foto: Markus Plate

Gerade Judith aus dem Dorf Guadalupe la Zorra weiß, wie dramatisch die Lage werden kann: Als Mitch kam, saß die damalige Jugendliche, die an Kinderlähmung leidet und daher in ihrer Bewegung stark eingeschränkt ist, mit ihrer Großmutter allein im Haus fest. Auf einem Tisch und dennoch bis zu den Knien im Wasser. Das hat sie tief geprägt. Heute ist sie Mitglied des Zivilschutzkomitees ihre Gemeinde.

Natürlich könne so ein verheerender Hurricane immer wieder kommen. Aber die Dörfer seien heute besser vorbereitet, sagt die 42-jährige: „Heute warten wir nicht, bis uns das Wasser bis zum Hals steht. Sondern wir handeln, sobald das Frühwarnsystem anschlägt.“ Ganz wichtig seien die regelmäßigen Treffen und Übungen. Jede und jeder könne sich dort mit eigenen Ideen einbringen, die Alten den Jüngeren Erfahrungen weitergeben.

Guadalupe liegt an einer großen Süßwasserlagune am Rande der Mangroven etwa 50 Kilometer westlich von Saldemar. Die Menschen bauen auf fruchtbarem Boden Bananen und Mais an, verdienen ihr Geld aber vor allem mit dem Fischfang; auch die fünffache Mutter Concepción Ramírez. Jeden Nachmittag fahren sie und ihr Mann auf die Lagune hinaus und sind erst kurz vor Mitternacht wieder zu Hause. Das größte Problem im Ort sei das Trinkwasser: Es gibt keine Filter für das Brunnenwasser. Es gibt keine Kanalisation, erst recht keine Kläranlagen und nicht alle Häuser haben Latrinen. Immer öfter wird bei Starkregen das Trinkwasser verseucht. So kommen, nach den Überschwemmungen, die Krankheiten: Durchfall vor allem, Pilzerkrankungen, oder Dengue und Chikungunya durch die Moskitos. Schlimm treffe es auch die Pflanzungen und den Fischfang, berichtet Concepción.

Armut verschärft die Folgen des Klimawandels

Die salvadorianische NGO Cordes unterstützt die Küstengemeinden beim Hochwasserschutz – mit internationalen Hilfsgeldern, der Arbeiter-Samariter-Bund kofinanziert eine ganze Reihe der Projekte. Dazu gehören die Organisation der Gemeinden, die Erstellung von Notfallplänen, Wasserstandsanzeiger, Hochwasserübungen wie in Saldemar, das Bereitstellen von Notfallausrüstung. Aber auch bauliche Maßnahmen wie Hochwasserschutzmauern, Flutwehre und Hochbauten.

Die Menschen im Weiler Rancho Viejo sind auf Flutkatastrophen vorbereitet. Doch die Armut verschärft die Folgen des Klimawandels. Foto: Markus Plate

Im Weiler Rancho Viejo, auf einer Nachbarinsel von Saldemar, wird eine Flutschutzmauer eingeweiht. Bauleiter Luis Castillo blickt stolz, aber auch skeptisch auf das neue Werk: „Die Leute sind arm und können Hochwasserschutz alleine nicht stemmen. Vor allem keine teuren Baumaßnahmen“. Die Armut verschärfe aber auch die Folgen des Klimawandels: Die Mangrovenwälder werden für Bau- und Kochholz gefällt. Sie sind aber unverzichtbar, weil sie Wellen brechen und Wasser zurückhalten.

Hinzu kommt das Müllproblem. Die Menschen hier brauchen sauberes Wasser, das es nur in Plastikflaschen gibt, Pfandsysteme haben die weltweiten Getränkeriesen weitgehend abgeschafft, die Dörfer bleiben also auf dem Plastikmüll sitzen. Die zahllosen Flaschen, die in der Bucht schwimmen, töten nicht nur Vögel und Meerestiere, sie verstopfen auch die natürlichen Zu- und Abflüsse.

Die Herausforderungen für ein Entwicklungsland wie El Salvador sind also gewaltig. Und alte Probleme des kleinen Landes machen die Sache nicht leichter. El Salvadors Steuerquote gehört zu den niedrigsten der Welt, die öffentliche Hand hat also kaum Geld. Auf dem Korruptionsindex steht das Land weit hinten, von dem wenigen Geld verschwindet also noch viel. El Salvador ist zentralistisch organisiert und sehr bürokratisch. Bis Gelder in den Gemeinden ankommen, vergeht quälend viel Zeit, bestätigen die Fachleute von Cordes. Effektive Klimapolitik ist unter solchen Bedingungen schwierig.

Den poonal-Artikel zum Klimawandel in Honduras findet ihr hier.

Den Podcast zum Klimawandel in El Salvador und Honduras findet ihr hier.

CC BY-SA 4.0 Wenn das Wasser kommt. Klimawandel in El Salvador von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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