Wahlsieger Gabriel Boric: „Vor uns liegt sehr viel Arbeit!“

Foto: Paulo Slachevsky
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(Santiago de Chile, 20. Dezember 2021, la diaria).- Gabriel Boric, Vorsitzender des Linksbündnisses Apruebo Dignidad, konnte am Sonntag die Stichwahl gegen den rechtsextremen Kandidaten José Antonio Kast des Frente Social Cristiano für sich entscheiden. Laut Angaben der chilenischen Wahlbehörde hatten nach Auszählung von fast 100 Prozent der Wahllokale 55,86 Prozent für Boric und 44,14 Prozent für Kast gestimmt. Das entspricht 4.605.352 gegenüber 3.638.873 Stimmen. Die Wahlbeteiligung hatte mit 54,29 Prozent ein Rekordhoch erreicht; seit Abschaffung der Wahlpflicht 2009 liegt die durchschnittliche Wahlbeteiligung bei rund 50 Prozent. Im ersten Wahlgang hatten auch nur 47,34 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Mit diesem Ergebnis ist Gabriel Boric in der chilenischen Geschichte der Präsident, der die meisten Stimmen auf sich vereinen konnte.

Kast und Piñera gratulieren

Angesichts des eindeutigen Ergebnisses beeilte sich Gegenkandidat Kast, seine Niederlage einzuräumen. „Ich habe gerade mit Gabriel Boric gesprochen und ihm zu seinem großen Triumph gratuliert“, twitterte der 55-Jährige. „Ab heute ist er der gewählte Präsident Chiles. Er verdient unseren ganzen Respekt und unsere konstruktive Zusammenarbeit. ¡Chile siempre está primero! An erster Stelle steht unser Land.“ Wenige Minuten später wurde ein Gespräch zwischen Gabriel Boric und Noch-Präsident Sebastián Piñera per Stream übertragen. „Ich werde der Präsident aller Chilenen sein. Ich glaube, dass es wichtig ist, Vereinbarungen nicht in abgeschlossenen vier Wänden zu treffen, sondern alle Menschen zu berücksichtigen“, so die ersten Worte des neugewählten Präsidenten. „Es ist mir eine Ehre, mit Ihnen zu sprechen, und ich möchte diese Gelegenheit nutzen, mich an alle chilenischen Männer und Frauen zu wenden. Sie sollen wissen, dass ich mein Bestes geben werde, und das Beste für unser Land ist, wenn wir zusammenstehen. Daran werde ich mich halten. José Antonio Kast hat mich angerufen, und es hat mir gut gefallen, wie er über Chile spricht.“ Lokale Medien berichteten, beide Seiten hätten Bereitschaft gezeigt, sich aufeinander zuzubewegen. Piñera lud den designierten Präsidenten zu einem Treffen am folgenden Tag ein und versicherte: „Wir alle wünschen Ihnen eine gute Regierungszeit.“

Boric plädiert für breite Bündnisse

Später am Abend sprach Boric auf der Straße vor Tausenden von Anhänger*innen. Wie die Zeitung El Mercurio berichtet, dankte der Wahlsieger den Bürger*innen und den übrigen Kandidat*innen und forderte die Menschen auf, die vorgeschlagenen Änderungen seines Programms mit „Engagement und Begeisterung“ umzusetzen. „Wenn wir substanzielle tragfähige Fortschritte wollen, brauchen wir breite Bündnisse, und wenn diese Fortschritte von Dauer sein sollen, müssen wir Schritt für Schritt vorgehen“, fuhr der ehemalige Student*innensprecher in versöhnlichem Ton fort. Mit Blick auf die Vergangenheit der Linken in Chile erklärte Boric: „Mir ist bewusst, dass diese Geschichte nicht mit uns beginnt. Mir wurde ein Vermächtnis anvertraut, und ich weiß, unser Projekt knüpft an eine lange Entwicklung an. Es ist die Geschichte derer, die sich an unterschiedlichen Stellen unermüdlich für Gerechtigkeit und die Festigung der Demokratie eingesetzt haben.“ In seiner Rede ging der Piñera-Nachfolger auch auf Umweltfragen ein, ein in einigen Gebieten Chiles sehr brisantes Thema. „Der Klimawandel ist keine Einbildung. Wir wollen keine weiteren Opferzonen, wir wollen keine Projekte, die die Gemeinschaften zerstören, und das möchten wir deutlich machen mit einem Nein zum exemplarischen Fall Dominga.“ Das millionenschwere Bergbauprojekt zur Eisen- und Kupfergewinnung in der Region Coquimbo im Norden des Landes ist umstritten. Wie den Pandora Papers zu entnehmen war, gehörte Piñeras Familie ursprünglich zu den Hauptaktionären des Projekts.

Boric ist jüngster Präsident Lateinamerikas

Gabriel Boric wird bei seinem Amtsantritt am 11. März 36 Jahre alt sein (sein Geburtstag ist der 11. Februar). Nur Manuel Blanco Encalada, der zwischen Juli und September 1826 regierte, hatte ebenfalls als so junger Mann das Amt des chilenischen Präsidenten angetreten. Auch im lateinamerikanischen Maßstab ist Boric der jüngste Präsident; mit fünfjährigem Abstand folgt Nayib Bukele in El Salvador. Die Stichwahl um die Nachfolge von Präsident Sebastián Piñera begann in den frühen Morgenstunden mit Berichten über die Abstimmung der Kandidaten selbst. Berichten der Zeitung La Tercera zufolge wählte Boric in seiner Geburtsstadt Punta Arenas, der Hauptstadt von Magallanes, der südlichsten Region des Landes. Nach einem im Fernsehen übertragenen Familienfrühstück gab Kast seine Stimme in Paine ab. Die Stadt liegt im Großraum Santiago. Auch die Stimmabgabe von Michelle Bachelet, Staatspräsidentin von 2014 bis 2018 und derzeit Hochkommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, wurde mit Aufmerksamkeit verfolgt. „Die Hoffnung muss die Angst besiegen“, betonte die 70-jährige Politikerin, nachdem sie im Stadtviertel La Reina in Santiago dem linken Kandidaten ihre Stimme gegeben hatte. Bachelet, die eine Woche vor der Wahl öffentlich ihre Unterstützung für Boric erklärt hatte, forderte den Sieger der Stichwahl auf, ein „Präsident für alle“ zu sein und „den Dialog mit allen Bereichen zu suchen und weiter daran zu arbeiten, dass dieses Land ein Ort wird, dem wir uns alle zugehörig fühlen können.“

Probleme im öffentlichen Nahverkehr

Den ganzen Tag über kam es zu erheblichen Verkehrsbehinderungen, insbesondere im Großraum Santiago, aber auch in anderen Regionen wie Valparaíso, Biobío und Osorno. Präsident Sebastián Piñera hatte zwar am frühen Morgen nach seiner Stimmabgabe erklärt, man müsse nicht mit Verkehrsbehinderungen rechnen, im Laufe des Vormittags nahmen die Probleme jedoch zu. Chilenischen Medien zufolge war tagsüber nur etwa die Hälfte der planmäßig vorgesehenen Busse im Einsatz. Die Folge waren volle Haltestellen, große Verspätungen und Staus an verschiedenen Stellen der Hauptstadt. Boric‘ Wahlkampfleiterin Izkia Siches erklärte mit Nachdruck: „Aus der Metropolregion haben uns verschiedene Berichte über Einschränkungen beim Zugang zu den Wahllokalen erreicht; deshalb möchten wir die Regierung ausdrücklich auffordern, den Personenverkehr für die Wahlwilligen zu gewährleisten.“ Wie das digitale Nachrichtenmagazin El Mostrador berichtete, bezeichnete der linke Abgeordnete Gonzalo Winter die Störungen als äußerst ernst. „Es kann nicht sein, dass die öffentlichen Verkehrsmittel den Ausgang der Wahlen beeinflussen“, so der Abgeordnete. Auf seinem Twitter-Account unterstützte er eine Kampagne, die dazu aufforderte, Nachbar*innen im Auto zum Wahllokal mitzunehmen.

Linke vermuten geplantes Manöver

Den Anschuldigungen seitens der Linken, die Verkehrsbehinderungen seien ein Manöver der Regierung zu Gunsten von Kast, widersprach Verkehrsministerin Gloria Hutt. Schuld sei das erhöhte Verkehrsaufkommen. „Es gibt längere Wartezeiten und Verzögerungen aufgrund von Baustellen, Umleitungen und Staus. Wir bemühen uns nach Kräften, dagegen vorzugehen.“ Eine Verantwortung der Regierung für den Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Straßen, wie von vielen Linken behauptet, schloss Hutt aus. Die Personenbeförderung unterliege der vertraglichen Regelung mit den entsprechenden Unternehmen, die für die Einhaltung ihrer Verpflichtungen verantwortlich seien. Später räumte die Ministerin gegenüber Radio Bío Bío ein, die Regierung hätte der Öffentlichkeit die Verkehrslage während des Wahltags besser vermitteln können, und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Im Laufe des Tages berichteten die Medien weiter über die Verkehrsstörungen, eine Lösung gab es indes nicht. Radio Cooperativa sprach dazu mit Franco Basso, Doktor für Transport und Logistik an der Universidad Católica in Valparaíso. „Das zentrale Problem des öffentlichen Personenverkehrs ist die Planung. Derzeit sind in Santiago etwa 3.400 Busse im Einsatz, das sind keine 60 Prozent der Menge, die in der Hauptverkehrszeit unterwegs ist, also erheblich weniger als die vereinbarte Sollleistung“, so der Akademiker. Angesichts des reduzierten Aufgebots an Bussen habe die Nutzung der U-Bahn-Linien um 40 Prozent zugenommen. „Das ist tatsächlich ungewöhnlich. Wir haben den ganzen Tag über Stoßzeiten-Auslastung.“

Hier nun die vollständige Rede des designierten Präsidenten

Guten Abend Chile! Po nui, suma aruma, pun may Chile!

Mein Dank gilt allen Menschen, allen Völkern Chiles. Ich danke zunächst allen Chileninnen und Chilenen, die an diesem Tag gewählt und damit ihr Engagement für die Demokratie bewiesen haben. Im rauen edlen Norden. Im windigen, regnerischen Süden. Im heißen, fruchtbaren Zentrum. In Rapa Nui, Juan Fernández und der chilenischen Antarktis. Im Ausland. Es spielt keine Rolle, ob Sie mich oder meinen Gegenkandidaten gewählt haben: Wichtig ist, dass Sie Ihre Stimme abgegeben haben, dass Sie dabei waren, dass Sie Ihr Engagement für dieses Land gezeigt haben, das uns allen gehört. Natürlich danke ich auch den Tausenden von Menschen, die wählen wollten, es aber nicht konnten, weil die öffentlichen Verkehrsmittel nicht funktionierten. Dass Menschen an einem so wichtigen Tag daran gehindert werden, ihr Wahlrecht auszuüben, darf nicht wieder vorkommen.

Danke auch an die sozialen Verbände und Parteien und an alle Menschen, die diese wunderbare Kampagne möglich gemacht haben. Die sich in den letzten Wochen in ganz Chile und im Ausland organisiert haben, von Magallanes bis Arica, von Visviri bis Puerto Toro, um eine Kampagne zu starten, der wir diesen Sieg verdanken. Dieses Engagement und diesen Enthusiasmus werden wir in den Jahren unserer Regierung brauchen, um den Weg des Wandels, den wir bereits begonnen haben, Schritt für Schritt weitergehen zu können.

Ich danke meiner Wahlkampfmanagerin Dr. Izkia Siches für die Liebe, die Energie und den Enthusiasmus, die sie in meine Kandidatur gesteckt hat. Ich danke allen Gruppierungen, die diesen Vorschlag unterstützt, und allen Unabhängigen und Parteien, die diese Kampagne ermöglicht haben.

Ich danke den Kindern, die uns mit Liebe und Hoffnung erfüllt und in wunderschönen Zeichnungen voller Unschuld das Chile dargestellt haben, von dem sie träumen. Ein grünes Land voller Liebe, das seine Natur und seine Tiere schützt, das wieder Platz zum Spielen schafft, ein Chile, in dem Väter und Mütter mehr Zeit für ihre Kinder haben und wo Großeltern nicht einsam sind. Wir haben den Kindern Chiles in die Augen gesehen und ich weiß, dass wir sie nicht enttäuschen dürfen.

Ich danke den Frauen unseres Landes. Sie haben sich in ganz Chile organisiert, um die Rechte zu verteidigen, für die sie so sehr gekämpft haben. Angefangen beim Wahlrecht bis hin zu dem Recht, über den eigenen Körper zu entscheiden. Das Recht auf ein Leben ohne Diskriminierung aufgrund der Art von Familie, die sie für sich gewählt haben. Das Recht auf Anerkennung für die Pflegearbeit, die sie heute leisten. Sie können sich auf uns verlassen. Sie werden die Hauptfiguren in unserer Regierung sein. Danke auch an die Dissident*innen und non-binären Identitäten, die seit langem diskriminiert werden und im Zuge dieser Kampagne ihre bisherigen kargen Fortschritte bedroht sahen. Die Beendigung von Diskriminierung und Gewalt gegen diverse Identitäten und Frauen in Zusammenarbeit mit feministischen Organisationen wird in unserer Regierung einen vorrangigen Platz einnehmen.

Ich danke der Wahlbehörde für ihre tadellose Arbeit. Sie repräsentiert den Staat so, wie wir ihn uns wünschen: effizient, unparteiisch, gerecht. Ich danke den nationalen und regionalen Medien dafür, dass sie die entlegensten Winkel der Welt mit Informationen versorgen. Die freie Presse ist ein Fundament der Demokratie, und Sie sind ihr Sprachrohr.

Auch bei allen Kandidaten, die an dieser Wahl teilgenommen haben, möchte ich mich bedanken. Wir alle zusammen machen Demokratie, und wir brauchen einander. Yasna Provoste, Sebastián Sichel, Marco Enriquez Ominami, Franco Parisi, Eduardo Artes und José Antonio Kast: Die Zukunft Chiles braucht uns alle, geeint auf der Seite des Volkes, und ich hoffe auf Ihre Unterstützung, Ihre Ideen und Vorschläge für mein Regierungsamt. Ungeachtet unserer Differenzen, insbesondere mit José Antonio Kast, werden wir einen Weg finden, um Brücken zwischen uns zu bauen, im Sinne des Wohlergehens unserer Landsleute, denn es gibt etwas, das uns verbindet: die Liebe zu Chile und seinem Volk.

Ich danke auch meiner Familie, meinem Vater und meiner Mutter, meinen beiden Brüdern, meinen Großeltern, die nicht mehr leben. Meiner Partnerin Irina. Ihr seid meine Stützen in schwierigen Zeiten. Euch verdanke ich, dass ich heute hier bin, das wisst ihr. Ich komme aus Magallanes im äußersten Süden Chiles an der Grenze zur Antarktis. Ich bin 35 Jahre alt. Und mir ist bewusst, dass diese Geschichte nicht mit uns beginnt. Mir wurde ein Vermächtnis anvertraut, das Vermächtnis derer, die sich an unterschiedlichen Stellen unermüdlich für Gerechtigkeit, für die Festigung der Demokratie, für die Verteidigung der Menschenrechte und der Freiheit eingesetzt haben. Wir alle sind wie eine große Familie, und es würde mich sehr freuen, wenn wir in dieser neuen Etappe wieder zueinander fänden.

Liebe Landsleute, ich werde der Präsident aller Chileninnen und Chilenen sein, ob Sie heute für uns gestimmt oder eine Alternative gewählt oder gar nicht abgestimmt haben. Uns erwarten schwierige Zeiten. Wir werden uns den sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen der schlimmsten Pandemie stellen müssen, die unser Land seit mehr als einem Jahrhundert erlebt hat. Es wird schwierig werden, zweifellos, aber wir werden aus unserer Geschichte lernen und mit festen, wenn auch kleinen Schritten vorankommen. Denn die Geschichte Chiles als Nationalstaat ist recht kurz: Hinter uns liegen nur zwei Jahrhunderte als unabhängiger Staat und dennoch etliche Erfahrungen: Fortschritte, Irrtümer, Erfolge und Frustrationen, schöne und auch schwierige Momente. Und wir haben aus unseren Erfahrungen gelernt. Heute verstehen wir einige Dinge besser als zuvor:

-dass ein Wirtschaftswachstum auf tönernen Füßen steht, wenn es auf tiefer Ungleichheit beruht; dass sozialer Zusammenhalt, gegenseitige Rücksichtnahme und eine gemeinsame Basis unabdingbar sind für eine echte und nachhaltige Entwicklung, die für jede chilenische Familie spürbar ist und auch die kleinen und mittelständischen Betriebe erreicht, die im gesamten Staatsgebiet mit viel Mühe von ehrbaren Männern und Frauen aufgebaut werden. In Anlehnung an den Ausspruch Nicanor Parras in einem seiner Werke: „Zwei Brote habe ich, ich esse zwei, und du isst keins“ möchte ich betonen, dass der durchschnittliche Konsum von einem Laib Brot pro Person nicht länger Realität sein soll. Dass etwas öffentlich als Fortschritt gefeiert wird, von dem die Bevölkerung nichts merkt, das die Bedürftigsten nicht erreicht, das ist eine Entwicklung, die wir ändern müssen und ändern werden.

-dass die Destabilisierung der demokratischen Institutionen Missbrauch und Leid fördert und das Recht des Stärkeren und die Hilflosigkeit der Schwächsten begünstigt. Wir werden die Demokratie schützen, an jedem Tag unserer Regierung. Eine wahrhaftige Demokratie, die nicht auf das Wahlrecht beschränkt ist, die ein enormes Gewicht hat, eine Demokratie, in der die Stadtteile, die Bevölkerung, die sozialen Organisationen und die Zivilgesellschaft das Sagen haben.

-dass wir breite Bündnisse brauchen und Schritt für Schritt vorgehen müssen, wenn wir substanzielle tragfähige und dauerhafte Fortschritte wollen, ohne zu gefährden, wofür jede Familie gekämpft hat.

-dass die Achtung der Menschenrechte nicht verhandelbar ist und immer und überall eine Verpflichtung sein muss und dass es in unserem Land niemals, aus welchem Grund auch immer, einen Präsidenten geben darf, der seinem eigenen Volk den Krieg erklärt. Chilenische Männer und Frauen, die jemals Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurden: Wir werden nicht aufhören, nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung zu streben und dafür kämpfen, dass sich Ähnliches nicht wiederholt.

Es gibt viele Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Eine geeignete Gesundheitsversorgung, die hinsichtlich ihrer Verfügbarkeit, ihrer Qualität und ihrer Wartezeiten nicht zwischen Arm und Reich unterscheidet. Wie kann es sein, dass ein krebskrankes Kind keine Behandlung bekommt, weil es in seiner Regionen keine Spezialist*innen gibt?

Angemessene Renten für diejenigen, die ihr Leben lang gearbeitet und geholfen haben, unser Chile groß zu machen, und nicht länger warten können. Wir wollen nicht, dass weiterhin Geschäfte mit unseren Renten gemacht werden. Wachstum und gerechte Verteilung des Wohlstands gehen Hand in Hand. Wie wir im Wahlkampf gesagt haben, sind die Rentenversicherungsgesellschaften Teil des Problems. Sie verdienen absurd hohe Summen auf Kosten der Arbeit chilenischer Männer und Frauen, und wir werden uns für ein öffentliches, autonomes gemeinnütziges Rentensystem ohne Versicherungsgesellschaften einsetzen.

Der Wohnraummangel und der fehlende Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen sind ebenfalls Probleme, die wir angehen müssen. Dasselbe gilt für die Stärkung der öffentlichen Bildung. Wir sind eine Generation, die in das öffentliche Leben eintritt und fordert, Rechte zu erhalten, statt sie in Konsumgüter zu verwandeln und mit ihnen Geschäfte zu machen. Wir garantieren die Rechte der Arbeitnehmer, um ein Land mit menschenwürdiger Arbeit und besseren Löhnen aufzubauen. Wir werden ein nationales Pflegesystem einführen, das die Arbeitnehmerinnen anerkennt und wertschätzt, die heute die Pflegearbeit leisten und die aufgrund der patriarchalen Werteordnung diese Arbeit nicht weiter machen. Wir werden Bewegung in die Sozialisierung bringen, Mitverantwortung fördern und das patriarchale Vermächtnis unserer Gesellschaft überwinden.

Der Sicherheitsnotstand in unserem Land ist ein weiteres Problem. Zu den vorrangigen Zielen unserer Regierung gehört, für mehr Sicherheit in den Stadtvierteln zu sorgen, den Drogenhandel zu bekämpfen, Raum für Kultur zu schaffen, statt sie in eine Schublade zu stecken und zu vergessen, die Menschen zu würdigen, die in diesem Bereich arbeiten, Sport und Wissenschaft zu fördern, die Beziehung zu den indigenen Völkern neu zu gestalten, ihr Recht auf ihre eigene sprachliche und kulturelle Weltsicht anzuerkennen und dem Umweltschutz die gebührende Bedeutung einzuräumen.

Es gibt etwas, das so wichtig ist, dass die ganze Welt es hören muss, und zwar: Der Klimawandel, liebe Landsleute, ist keine Erfindung. Er ist da, und er hat direkte Auswirkungen auf unser Leben und das der künftigen Generationen, und es ist kein Zufall, dass es gerade die jungen Menschen sind, die ihre Stimme erheben gegen die irrationalen Mächte, die nicht aufhören, diese Welt zu zerstören. Wir wollen keine weitere Opferzone, wir wollen keine Projekte, die unser Land und unsere Gemeinden zerstören. Nein zu Dominga! Wir können nicht wegsehen, wenn unsere Bauern und Landwirte kein Wasser haben, wenn ganze Ortschaften austrocknen oder wenn einzigartige Ökosysteme zerstört werden, obwohl dies vermieden werden könnte. Natürlich können wir nicht alles gleichzeitig machen, das heißt, wir müssen Prioritäten setzen, um Fortschritte zu erzielen, mit denen wir Schritt für Schritt das Leben unserer Bürger*innen verbessern können. Es wird nicht einfach sein, es wird nicht schnell gehen, aber wir haben uns verpflichtet, diesen Weg verantwortlich und mit Hoffnung zu beschreiten.

Chilenische Männer und Frauen:

Wir sind nun bis hierher gekommen mit einem Regierungsprojekt, das sich in ein paar einfachen Worten zusammenfassen lässt: die geforderten Veränderungen verantwortungsvoll vorantreiben, ohne jemanden außen vor zu lassen. Das bedeutet, wirtschaftlich zu wachsen, in soziale Rechte umzuwandeln, was manche als Konsumgüter verstehen, ein friedlicheres und sichereres Leben zu garantieren und die Freiheiten aller Menschen und vor allem aller Frauen zu sichern: In unserer Regierung werden die Frauen hinsichtlich ihrer im Laufe der Geschichte erkämpften Rechte und Freiheiten keinen Backlash erleben. Unser Projekt bedeutet auch, die Demokratie zu fördern und, wie bereits gesagt, den verfassungsgebenden Prozess voranzubringen, ein weltweit einzigartiges Projekt, auf das wir stolz sein können und das uns den Weg weist, um ein besseres Land zu gestalten. Zum ersten Mal in unserer Geschichte wird demokratisch und paritätisch und unter Beteiligung der indigenen Völker eine Verfassung geschrieben. Lasst uns alle an diesem Projekt mitarbeiten, damit wir am Ende eine Verfassung haben, die verbindet statt zu spalten.

Wir werden mit allen Sektoren zusammenarbeiten. Die Herausforderungen sind zu groß, als dass wir es uns erlauben könnten, die Gräben zwischen uns zu vertiefen. Jeder und jede wird gebraucht. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Tag für Tag den Reichtum unseres Landes sichern. Wir brauchen die Mitarbeit der Unternehmen, den Aufbau von Allianzen, eine Annäherung unserer Positionen. Wir wollen, dass unser Wohlstand bis in jeden Winkel unseres Landes reicht, und dafür wird jede Hand gebraucht.

An diesem Abend unseres Triumphs wiederhole ich das Versprechen unseres Wahlkampfs: Wir werden die sozialen Rechte ausbauen, und wir werden makroökonomisch verantwortungsvoll vorgehen. So wird es uns gelingen, die Renten und die Gesundheitsversorgung zu verbessern, ohne in der Zukunft Rückwärtsentwicklungen fürchten zu müssen. Unser Kongress wird ausgewogen sein; das wiederum bedeutet zugleich Einladung und Verpflichtung zum Dialog. Ich sehe hier ehrlich gesagt eine Chance, erneut zusammenzukommen und gemeinsam zum Wohle unseres Landes weitreichende und dauerhafte Vereinbarungen zu treffen, um die Lebensqualität unserer Landsleute zu verbessern, unsere Unterschiedlichkeiten hinsichtlich unserer Ideen beizubehalten, das Gemeinwohl immer als vorrangig zu betrachten und Gewalt in der Politik und in unserem Leben in der Gesellschaft klar und eindeutig abzulehnen. Ich werde für Sie ein Präsident sein, der zuhört und andere Visionen einbezieht, der offen ist für konstruktive Kritik, die uns helfen wird, unsere Arbeit besser zu machen.

Chilenische Männer und Frauen:

Ich nehme dieses Mandat mit Demut entgegen. Ich weiß, dass die vor uns liegenden Herausforderungen die Zukunft unseres Landes betreffen. Deshalb garantiere ich, dass ich als Präsident die Demokratie würdigen und sie nicht gefährden werde, ich werde mehr zuhören als sprechen, mich um Einhelligkeit hinsichtlich unserer Vereinbarungen bemühen und mich tagtäglich um die Bedürfnisse unserer Landsleute kümmern, ich werde Privilegien bekämpfen und mich jeden Tag für das Wohl Ihrer Familien einsetzen.

Heute ist ein glücklicher Tag, aber auch ein Tag voller Verantwortung, denn vor uns liegt sehr viel Arbeit, und wir brauchen jede Hand. Wir müssen zusammenstehen, weiter zusammenhalten, um die Veränderungen umzusetzen, die das Land so dringend braucht. So werden wir dieses Land regieren, zusammen. Ideen beisteuern, Türen öffnen, Brücken bauen. Schritt für Schritt und Tag für Tag bauen wir gemeinsam ein gerechtes Chile. Deshalb müssen wir heute Abend feiern, aber in aller Ruhe. Nehmen Sie Ihre Freude über den eindeutigen Sieg, den wir errungen haben, mit nach Hause. Lassen Sie uns diesen Triumph sorgfältig pflegen, denn ab morgen gibt es viel zu tun: Wir müssen daran arbeiten, wieder zu einander zu finden, Wunden zu heilen und einer besseren Zukunft entgegenzugehen.

Mit ungebrochener Hoffnung, im Bewusstsein über die bevorstehenden Herausforderungen verabschiede mich von Ihnen mit einer herzlichen Umarmung. Ich werde mein Bestes geben.

Ich danke Ihnen vielmals.

Wir machen weiter.

Übersetzung: Lui Lüdicke

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