Diese maßvolle Unermesslichkeit. Zum Tod von Lilia la Ñata Castro

Ñata
Lilia la Ñata Castro.
Foto: Marta Nieves

(Montevideo, 19. Dezember 2025, la brecha).- Am 5. Dezember verstarb Lilia la Ñata Castro, Krankenschwester, Guerillera, ins Exil verbannte Mutter, Aktivistin in ihrem Viertel, Kämpferin für die Sache der Charrúa und emblematische Vertreterin der revolutionären Frauen der jüngeren Vergangenheit. Die Geschichte der 85-Jährigen ist wie ein weiteres Teil in einem Puzzle, das noch nicht vollständig zusammengesetzt wurde.

Für eine  neue, gerechtere Welt

Lilia la Ñata – wie sie genannt wurde –wuchs auf wie etliche andere Frauen ihrer Zeit. Sie stammte aus einer Arbeiterfamilie aus Paysandú, hatte indigene Vorfahren und war die älteste von sechs Geschwistern. Schon mit 15 Jahren folgte sie ihrer Neigung, Menschen zu helfen und beschloss, Krankenschwester zu werden. Anfang der 1960er Jahre begleitete sie die Zuckerrohrarbeiter der Gewerkschaft Unión de Trabajadores Azucareros de Artigas auf ihrem ersten Marsch nach Montevideo. Es waren turbulente, von Krisen geprägte Zeiten. Die alte Welt starb, und die kubanische Revolution versprach eine neue, gerechtere Welt. Mitte der 60er Jahre schloss sich La Ñata der Nationalen Befreiungsbewegung Tupamaros an und wurde Guerillera – „irrtümlich oder mit Recht”, wie sie selbst gesagt hätte. Im Leben der aktiven Militanten, die ihre Zeit zwischen der Hauptstadt und ihrer Heimatstadt Paysandú aufteilte, fand sich noch Platz für eine stürmische Liebesbeziehung, aus der 1967 ihr Sohn Guillermo hervorging. Doch die staatsterroristische Verfolgung sollte ihr keine Zeit lassen, ihr Kind selbst großzuziehen.

Verhaftung, Flucht, Verbannung

1969 wurde La Ñata verhaftet, vor Gericht gestellt und in das Frauengefängnis Cabildo in Montevideo verbracht. Ihr zweites noch ungeborenes Kind fiel der Folter im Gefängnis zum Opfer. Im Knast war sie Protagonistin einer der symbolträchtigsten Geschichten dieser traurigen Zeit: Im Zuge der Operación Paloma entkamen 13 politische Gefangene mit der Hilfe von Genossen, die draußen in einem Kleinbus auf sie warteten. An einem Sonntag flohen die Frauen während der Messe aus der von Nonnen bewachten benachbarten Kapelle. Nach nur fünf Wochen landete La Ñata erneut im Zentralgefängnis, von wo man sie wieder in die Haftanstalt Cabildo überstellte und schließlich 1971 in die ehemalige Marineschule brachte, die von 1969 bis 1977 als Knast genutzt wurde. Dort stellte man ihr ein Ultimatum: entweder im Gefängnis bleiben oder das Land als Verbannte verlassen. Lilia entschied sich für Verbannung und Freiheit. Ihr Versuch, ihren Sohn Guillermo mitzunehmen, scheiterte am Einfluss der Familie und der Weigerung des Vaters. Bis an ihr Lebensende machte sie sich Vorwürfe, weil sie ihr Kind zurückgelassen hatte und fast zwei Jahrzehnte lang aus seinem Leben verschwunden war. Im Oktober desselben Jahres ging La Ñata ins Exil nach Chile, reiste 1972 nach Kuba und 1973 nach Argentinien, von wo sie als Verfolgte der Operación Cóndor vermutlich 1974 nach Europa floh. Unter dem Decknamen Inés baute sich La Ñata neue Kontakte auf, und wie Begleiter*innen aus dieser Zeit berichten, kam diese Inés überall ziemlich gut an.
El Cóndor hatte sich in Südamerika sein blutiges Nest gebaut, und dennoch entschied sich La Ñata zur Rückkehr, denn noch stärker als die Angst war das Bedürfnis, ihrem Sohn, ihrer Familie und ihren Freunden sowie dem Ort nah zu sein, an dem sie geboren worden und aufgewachsen war. Anfang der 80er Jahre ließ sie sich in der brasilianischen Riesenstadt São Paulo nieder, wo sie unter dem Namen Elena Plüschtiere nähte und verkaufte. Hier blieb sie bis zur Wiederherstellung der Demokratie. Sobald es ihr möglich war, kehrte sie nach Uruguay zurück, um ihr Leben neu aufzubauen.

Zurück in Uruguay 

Ihr Leben im Widerstand hatte Lilia gelehrt, wie wichtig es ist, für Gerechtigkeit zu kämpfen, also machte sie weiter, und entgegen den Befürchtungen vieler waren die Wunden der Vergangenheit kein Hindernis, sondern Antrieb für ihre Pläne. Zurück in Uruguay arbeitete La Ñata wieder unter dem Namen Lilia als Krankenschwester in der privaten Gesundheitsversorgung und im öffentlichen Gesundheitswesen, wo sie sich auch gewerkschaftlich engagierte. Und wie es der Zufall so will, war sie 1994 im Hospital Filtro tätig und versorgte die drei inhaftierten Basken im Hungerstreik. Um das Jahr 2008, kurz bevor sie in Rente ging, kam Lilia mit der indigenen Bewegung Uruguays in Kontakt. Auf einer Reise mit Crysol, einer Vereinigung ehemaliger politischer Gefangener, kam sie in die Stadt Salsipuedes, wo gerade eine Gedenkfeier für die Opfer des Massakers an den Charrúas – ihren Vorfahren – stattfand, das die Regierungstruppen am 11. April 1831 verübt hatten. Zunächst trat sie der Frauenvereinigung des Charrúa-Volkes bei und später der Kulturgemeinschaft Charrúa Basquadé Inchalá und dem Rat der Charrúa-Nation (Conacha). Getreu ihrer Lebenshaltung kämpfte sie auch dort für die Rechte der Diskriminierten; von 2015 bis 2017 war sie Vizepräsidentin des Conacha und reiste 2016 als Delegierte zum UN-Ausschuss zur Beseitigung rassistischer Diskriminierung nach Genf. Außerdem gründete sie 2018 die Vereinigung der Frauen indigener Abstammung Hum Pampa.

Eine, die nie aufgab

Seit 2009 lebte sie in Neptunia in einem bescheidenen Haus aus Lehm und Holz, das sie im Stadtteil Las Cumbres gebaut hat, umgeben von ihren Pflanzen und Tieren. Aufgeben war für Lilia la Ñata nie eine Option. Noch in ihrer letzten Lebensphase, als ihr Körper bereits unübersehbar vom Alter gezeichnet war, gelang es ihr, als Aktivistin in der Region Wurzeln zu schlagen. Sie mobilisierte Nachbarschaftsstrukturen, um gemeinschaftlich Schulen zu bauen, Bäume zu pflanzen und Zwangsräumungen zu verhindern – ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass sie ihren Überzeugungen hinsichtlich des Rechts auf Land und auf Menschenwürde unverändert treu geblieben ist.

Lilia ging an einem Freitag bei Vollmond, hatte kein Buch geschrieben und keinen Film gemacht, doch sie ging mit der Gewissheit, für eine bessere Welt gearbeitet zu haben, die sie stets für notwendig und machbar gehalten hat. Ihre Geschichte ähnelt der vieler anderer Frauen: der vielen revolutionären Frauen aus der jüngeren Vergangenheit unseres Landes. In liebevoller Erinnerung an sie alle, an die Familie, die Angehörigen, Freundinnen und Freunde von La Ñata und an ihr Leben, ihre unerschütterliche Solidarität und ihren beispielhaften Gerechtigkeitssinn. An diese maßvolle Unermesslichkeit.

Einen Audiobeitrag zum Gedenken an die Ereignisse im Hospital Filtro findest du hier.

Hier gibts weitere Informationen über La Ñatas Flucht aus dem Gefängnis.

 

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