
Foto: Knut Hildebrandt
(Berlin, 01.09.2024, npla).- Ende Juli kam Leonardo Gómez Ponce, ecuadorianischer Investigativjournalist und Gründer des Nachrichtenportals „Tierra de Nadie”, für einen mehrmonatigen Studienaufenthalt nach Berlin. Hier nimmt er am Stipendienprogramm für Journalist*innen zu Sicherheit im digitalen Raum von Reporter ohne Grenzen teil. Wir trafen Gómez Ponce am Sitz von Reporter ohne Grenzen in Berlin Neukölln und unterhielten uns über die aktuelle politische Situation in Ecuador, die Bedrohungslage für Journalist*innen und wie sich diese schützen können.
Leonardo, würdest du uns bitte erklären, worin Deine Arbeit besteht?
LGP: Ich begann meine Karriere als Investigativjournalist mit Schwerpunkt Wirtschaft, Vergabe öffentlicher Aufträge und der Kontrolle öffentlicher Gelder. Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, ab wann ich anfing, mich mit dem organisierten Verbrechen zu beschäftigen. Die Gewalt im Land ist kein neues Problem, aber die Gewaltspirale dreht sich in den letzten Jahren immer schneller. Und plötzlich sah im mich bei meinen Recherchen mit Kriminellen konfrontiert, die bis dahin unter dem Radar geblieben sind. Angesichts dieser Tatsache und des Überhandnehmens gewisser Nachrichten rief ich ein Projekt ins Leben, das lokale Machtstrukturen untersucht, wie zum Beispiel das Verhältnis zwischen lokalen Autoritäten und der Zentralregierung, aber auch zwischen Lehrenden und Lernenden. So wurde „Tierra de Nadie“ geboren.
Kannst du uns etwas über die aktuelle Lage in Ecuador erzählen?
LGP: In Bezug auf Kriminalität und Gewalt hat sich die Lage in Ecuador seit vier Jahren drastisch verschlechtert. Es gab aber schon immer Probleme, die wir allerdings nicht so direkt gesehen haben. Nachdem Ende 2020 der Boss eines Kartells ermordet wurde, zersplitterten die kriminellen Gruppen und wurden zunehmend gewalttätig. Es kam zu Massakern in den Gefängnissen. Nach und nach kam es zu weiteren Aufsplitterungen, und die Kriminellen lernten, staatliche Strukturen für ihre Zwecke zu nutzen. Sie nutzen Aufträge der öffentlichen Hand, um an Geld zu kommen, sich zu bereichern und ihre Aktivitäten zu finanzieren. Oder sie setzen ihre eigenen Leute auf die Posten in der Verwaltung, was ihnen vieles vereinfacht. Hinzu kommt die besondere geographische Lage Ecuadors. Im Augenblick ist Ecuador das Land in Amerika, aus dem 60 bis 80 Prozent der Drogen für den europäischen Markt stammen. Dieses Zusammentreffen von Faktoren hat dazu geführt, dass sich im Land die Gewaltspirale immer schneller dreht.
Was sind die Gefahren, denen Journalist*innen ausgesetzt sind?
LGP: Dass sie dich töten.
Ich meine in Bezug auf digitale Sicherheit.
LGP: In Bezug auf digitale Sicherheit? Dass sie zum Beispiel die sozialen Medien, deine Accounts durchsuchen, Informationen aus deinem privaten Umfeld, Adressen, Familienangehörigen, Telefonnummern durchforsten. Das kann Journalist*innen in Gefahr bringen. Es ist ein großes Risiko, wenn die Telefonnummer, die private Anschrift oder die Namen der Familienangehörigen von Journalist*innen, die zu Themen wie Korruption und organisiertem Verbrechen recherchieren, bekannt werden. Das alles hat mit digitaler Sicherheit zu tun, mit dem Schutz persönlicher Daten, deines Aufenthaltsorts und deiner privaten Aktivitäten. Mit diesen Informationen können sie Dir, Deiner Familie und auch Deinen Quellen großen Schaden zufügen.
Seit wann beschäftigst du dich mit digitaler Sicherheit?
LGP: Seit ich als Investigativjournalist arbeite. Deshalb gibt es keine privaten Bilder von mir in den sozialen Medien, nie habe ich private Telefonnummern oder Mailadressen öffentlich gemacht. Alle meine Konten sind gesperrt. Seit gut zehn Jahren habe ich meine Bemühungen in Bezug auf digitale Sicherheit verstärkt, als ich mitbekam, dass die Regierung meine Kommunikation überwachte. Das betraf nicht nur mich, sondern auch Kolleg*innen. Als das Ausspionieren immer offensichtlicher wurde und wir mitbekamen, dass die damalige Regierung die Spionagesoftware Pegasus einsetzte, mussten wir handeln. Noch haben wir einiges zu lernen. Und deshalb bin ich hier.
Was erwartest Du vom Studienprogramm für Journalist*innen zu Sicherheit im digitalen Raum?
LGP: In erster Linie, dass ich lerne, bessere Schutzmaßnahmen für mich und mein Team zu treffen. Darüber hinaus hoffe ich, wertvolle Kenntnisse mit nach Hause zu nehmen und dort an Journalist*innen weitergeben zu können, die wie ich mit einer ausufernden Gewalt konfrontiert sind, die bereits 20 Journalist*innen ins Exil getrieben hat. Viele von ihnen waren Kolleg*innen. Sie haben Morddrohungen erhalten oder wurden eingeschüchtert. Es gab Angriffe auf sie und mehr. In dem recht kleinen Team von „Tierra de Nadie“ haben das alle erlebt, absolut alle.
Zu dem Interview gibt es auch ein Video und einen Audio-Beitrag.
Wenn der Job zur tödlichen Gefahr wird von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
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