„Bolivien am Scheideweg“ – Autorin Quya Reyna über die Erwartungen junger Menschen

Die Schriftstellerin Quya Reyna aus El Alto (Foto: Quya Reyna)
Die Schriftstellerin Quya Reyna aus El Alto (Foto: Quya Reyna)

Quya Reyna ist 30 Jahre alt und Schriftstellerin aus El Alto, der Millionenstadt oberhalb des Regierungssitzes La Paz. Durch ihren Kurzgeschichtenband „Los Hijos de Goni“, „Die Kinder von Goni“, aus dem Jahr 2022 gilt sie als eine Stimme der jungen indigenen Generation in Bolivien. Als Journalistin setzt sie sich kritisch mit der politischen Situation in ihrem Land auseinander. Im Interview schätzt sie die Lage vor den Wahlen am 17. August ein.

 

Frage: Quya Reyna, als Autorin beobachtest und beschreibst Du regelmäßig die sozialen Ereignisse in Bolivien. Wie schätzt Du die Lage vor den Wahlen ein? Was treibt die Bevölkerung um?


Quya Reyna: „Ich denke, es gibt drei Aspekte: Erstens eine institutionelle Krise, in der sich die Regierung stark in Angelegenheiten einmischt, die außerhalb ihrer verfassungsgemäßen Zuständigkeit liegen, zum Beispiel in die Belange des Obersten Wahlgerichtshofs, des TSE. Zweitens gab es einen monatelangen Machtkampf innerhalb der Regierungspartei MAS, in dem Präsident Luis Arce und Evo Morales um die Kontrolle über die Partei und damit auch die Macht im Staat gestritten haben. Dies hat zur Zersplitterung der Partei geführt. Und drittens stecken wir in einer schweren Wirtschaftskrise, die viele Menschen belastet. Die Menschen sind sehr unzufrieden, und ich glaube, dass keine Partei, weder die Regierungspartei noch die Opposition, auf ihre Bedürfnisse eingeht, zu erfahren, was in den nächsten fünf Jahren mit dem Land passieren wird.“

Frage: Welche Erwartungen haben die Menschen in dieser Situation an die Wahlen?

Quya Reyna:Viele hoffen auf eine Erneuerung, aber ich glaube, dass die Opposition diesen Wunsch missverstanden hat, indem sie denkt, dass Veränderung gleichbedeutend mit rechter, liberaler Politik ist. Statt dessen wünschen sich viele Menschen für die Präsidentschaft jemanden, der in den Konflikten vermittelt und die Wirtschaftskrise entschärft. Der Kandidat Andrónico Rodríguez ­– mit all seinen Fehlern – könnte diese Brücke sein, die im politischen Konflikt bestehen kann.“

Frage: Andrónico Rodriguez ist derzeit der aussichtsreichste Kandidat der Linken. Der politische Ziehsohn von Evo Morales galt lange als dessen Nachfolger, die beiden haben sich aber zerstritten. In Umfragen liegt Andrónico nur auf dem dritten oder vierten Platz Platz. Wäre durch einen Erfolg der rechten Opposition der Transformationsprozess durch Evo Morales und die MAS, bekannt als „Cambio“, in Gefahr?


Quya Reyna: „Der Prozess des Wandels ist vorbei. Dieser „Cambio“ hat eine Rolle gespielt und hatte seine Funktion. Evo Morales hat einen marginalisierten Teil der Gesellschaft gestärkt, insbesondere die indigene Bevölkerung. Ich glaube, dass Morales seine Rolle bis zu diesem Punkt erfüllt hat und dass sich ein Großteil der sozialen Basis nach anderen politischen Persönlichkeiten umsieht. Denn während Morales die Bevölkerung von oben beeinflusst, wird die MAS eigentlich von unten nach oben geführt, und das sollte auch ein Grundsatz sozialer Organisationen sein.“


Frage: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Boliviens ist jünger als 25. Wie sieht diese neue Generation die aktuellen politischen Entwicklungen?

Quya Reyna: „Viele junge Menschen in Bolivien sind mit dem Prozess des „Cambio“ aufgewachsen. Während die ältere Generation Morales als Repräsentanten von Ethnizität, Identität und Klasse sieht, sind zahlreiche junge Menschen zwar mit ihren indigenen Wurzeln aufgewachsen, betrachten sich aber nicht ausdrücklich als Indigene. Ihre Identität ist vielfältig. Die Wirtschaft ist ein Thema, das viele junge Wähler anziehen wird. Zudem interessieren diese sich für digitale Technologien, teilen Inhalte online oder wickeln Geschäfte über digitale Netzwerke ab. In einem Staat praktisch ohne Datenschutz und mit vielen Beschränkungen für digitale Märkte wie Bolivien sollte sich eine zukünftige Regierung deshalb stärker mit digitalen Themen befassen. Ich denke, dass der Prozess des „Cambio“ seine Aufgabe erfüllt hat, indem er der indigenen Bevölkerung Möglichkeiten eröffnet hat, ihre Marginalisierung zu überwinden und sich jetzt in der digitalen Welt, in den Netzwerken, selbst zu ermächtigen. Das ist ein wichtiger Schritt.“

Frage: Suchen junge Menschen in Bolivien dabei nach neuen Wegen, um politische und gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen?


Quya Reyna: „Wir sind in einer politisch stark polarisierten Lage. Die Gesellschaft ist gespalten, und einige suchen nach Führungspersönlichkeiten, die diese Spaltung repräsentieren – andere sind dieser Polarisierung überdrüssig. Ich setze auf eine Linke, die sich der Bedürfnisse einer neuen Generation stärker bewusst ist. Ich sehe potenzielle junge Leitfiguren. Es bleibt abzuwarten, wie sie Politik gestalten, denn die traditionellen sozialen Organisationen wie die Gewerkschaften verlieren an Einfluss. Die neue Generation muss also andere Wege finden, um politisch aktiv zu werden, sei es über die Universitäten, Institutionen oder Nichtregierungsorganisationen. Das ist die Herausforderung – aber ich denke, dass jede Krise auch dazu beiträgt, neue Führungspersönlichkeiten hervorzubringen.“

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