„Dahinten, da ist was rot“ – Frauen in der Colonia Dignidad

Von Ute Löhning

Zaun Colonia Dignidad
Manche Frauen haben noch im Jahr 2001 vergeblich versucht, aus der Colonia Dignidad zu fliehen. Foto: Jorge Escalante

(Berlin, 27. Dezember 2017, npl).- Wenig ist bekannt über das Leben von Frauen in der Colonia Dignidad. Welche Rolle spielten Frauen in jener deutschen Sektensiedlung, die der Laienprediger Paul Schäfer 1961 mit einigen Gefolgsleuten in Chile gegründet hatte? Wo massive Menschenrechtsverletzungen gegen Bewohnerinnen und Bewohner an der Tagesordnung waren und wo während der chilenischen Diktatur Oppositionelle gefoltert und ermordet wurden.  Wie haben Frauen in der sogenannten „Kolonie der Würde“ gelebt? Und wie und wo leben sie heute? Wir haben mit zwei Protagonistinnen gesprochen.

Misshandlungen im Alltag

„Ich entsinne mich an viel Misshandlung mit Stöcken, mit Lineal.“ so Doris Zeitner. Sie ist Ende der 60er Jahre in der Colonia Dignidad geboren und aufgewachsen. Heute ist sie Ende 40.  Eine sogenannte „Gruppentante“ schlug sie und andere Mädchen regelmäßig. „Aber es ist nicht nur, dass sie geschlagen hat, sondern sie hat dabei genossen.“ sagt Doris Zeitner. Bei einem Treffen in einem chilenischen Hotel berichtet Doris die halbe Nacht hindurch aus ihrem Leben in der deutschen Sektensiedlung. Manches beschreibt sie sehr ruhig, manches wühlt sie noch immer sehr auf:

„Es wurd‘ manchmal zu Fuß zum Krankenhaus gegangen, gar nicht krank. Aber ich sollte mitgehen. Und ich wach nachher auf ’ner Trage auf. Gehirnwäsche, Elektroschock.“ Acht Jahre alt war Doris damals. Sie berichtet über weitere vermeintliche „Behandlungen“ im sekteneigenen Krankenhaus: „Man hat mir Spritzen, Tabletten gegeben. Und dann warst du nur – ich weiß gar nicht, wie ich das erklären soll – benebelt. Ich wusste, ich bin gar nicht mehr ich.“

Doris Zeitner hat die Siedlung vor 13 Jahren verlassen. Mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt sie heute etwas weiter südlich in der Umgebung der Stadt Temuco. Ihre finanzielle Situation ist sehr angespannt. Nach Jahrzehnten unbezahlter Arbeit in der Colonia Dignidad und ohne Ausbildung schlägt sie sich mit Gelegenheitsjobs durch.

Kindheit ohne Rechte, ohne Liebe, ohne Eltern

Maria Schnellenkamp
Maria Schnellenkamp heute. Foto: Ute Löhning (CC BY ND 30)

Auch Maria Schnellenkamp ist Ende der 60er Jahre in der Colonia Dignidad geboren. „Wir sind ohne Rechte aufgewachsen, ohne Liebe, ohne Schutz, ohne Eltern. Wir wurden aufs Niedrigste heruntergeputzt. Ich hatte gar kein Selbstwertgefühl mehr.“ berichtet sie.

Doris und Maria sind in einer Gruppe nur für Mädchen aufgewachsen, mit einer sogenannten „Gruppentante“ als Betreuerin. Männer, Frauen und Kinder lebten im Alltag in der Colonia Dignidad streng voneinander getrennt. Kinder wuchsen in einem Kinderhaus auf. Meist kannten sie sogar ihre Eltern nicht. Vertraute Beziehungen durften nicht entstehen. Sie hätten dem Sektenchef Paul Schäfer und seiner Führungsriege gefährlich werden können.

Tabuisierung und Sanktionierung von Körperlichkeit und Sexualität

Alles, was mit Körperlichkeit und Sexualität zu tun hatte, war tabuisiert und sanktioniert. Selbst die Sprache war geprägt von einer Art Selbstzensur. Als Doris einmal auf dem Feld nicht schnell genug gearbeitet hatte, wurde sie so verprügelt, dass ihr Kleid am Hintern vom Blut verklebt war. Sie erinnert sich, was auf dem Nachhauseweg in ihrem Kopf vor sich ging: „Ich kam mit dem Gefühl nicht zurecht, wie ich das jetzt sagen soll. Wie darf ich jetzt da hin gucken. Und wie sag ich das jetzt der Gesa [„Gruppentante“], ohne dass sie wieder böse wird und schimpft. Dann hab ich überlegt, ‚Blut‘ kann ich nicht sagen, das wird dann schon wieder für schlimm befunden. ‚Po‘ oder ‚Dups‘ kann ich auch nicht sagen. ‚Dahinten, da ist was rot‘ hab ich dann gesagt.“

Bäckerei Colonia Dignidad
Plakat mit Fotos aus der Bäckerei der Colonia Dignidad. Foto: Ute Löhning (CC BY ND 30)

Eine Folge der Trennung von Männern und Frauen in der Colonia Dignidad war, dass jahrzehntelang auch keine Kinder mehr geboren wurden. Zwar durften Männer und Frauen in den 2000er Jahren nach der Flucht des Sektenchefs wieder Paare bilden. Viele Bewohnerinnen konnten aber auch dann keine Kinder mehr bekommen. Vermutet wird ein Zusammenhang mit der Folter durch Elektroschocks im Genitalbereich. Doch auch das hohe Alter spielt eine entscheidende Rolle.

Sexualisierte Gewalt gegen Jungen und Mädchen

Auch sexualisierte Gewalt gehörte für die Kinder in der Colonia Dignidad über Jahrzehnte zum Alltag. Seit Jahren gibt es Berichte über Missbrauch an Jungen. Inzwischen thematisieren auch Frauen in vertrautem Rahmen ihre Erfahrungen.

Rechtsanwalt Winfried Hempel vertritt Opfer der Colonia Dignidad und erklärt: „Ich hab von jedem meiner Mandanten die Biografie. Ich habe ungefähr die Geschichte von 15 Frauen, die als kleine Mädchen von Schäfer massiv missbraucht wurden, wo nie einer von spricht, weil man spricht immer nur von den Jungs.“

Frauen in Führungspositionen

Zur Wahrheit gehört auch, dass einzelne Frauen in der deutschen Siedlung durchaus Führungspositionen innehatten. Rechtsanwalt Winfried Hempel sagt: „Frauen waren immer weniger wert als die Männer. Trotzdem [gehörten] einige Frauen wie z.B. Gesa Kunde (…) zur Führung und waren ganz Vertraute von Paul Schäfer. Gesa Kunde ist die sogenannte Heimtante gewesen, die jahrelang die kleinen Mädchen durchgeprügelt hat und fast totgeschlagen hat.“

Frauen hätten wichtige Positionen in der internen Verwaltung der Colonia Dignidad besetzt. „Eine die richtig rausgestochen hat in ihrer Macht und ihrem Einfluss, ist ganz klar Erika Heimann (…) so weit, dass sie jahrelang … direkt an der Kasse saß und die Schwarzgelder rausgezogen hat.“ erklärt Hempel. Er hebt weitere, inzwischen verstorbene Frauen hervor: „Gisela Seewald war praktisch mit Hartmut Hopp und Maria Strebe die Führung des Krankenhauses, die jahrelang die Colonos [Bewohner*innen der Sektensiedlung] mit Elektroschocks und Tabletten ‚behandelt‘ haben.“

Fluchtversuche aus der abgeriegelten Gelände

Doris Zeitner
Doris Zeitner hat die Siedlung 2005 verlassen. Finanziell hat sie es schwer, aber das Gefühl von Freiheit ist ihr wichtiger. Foto: Ute Löhning (CC BY ND 30)

Doris Zeitner gehörte nicht zu den privilegierten Personen. Insgesamt achtmal versuchte sie vergeblich, aus dem hermetisch abgeriegelten Gelände zu fliehen. Einmal auch noch 2001, vier Jahre nachdem Sektenchef Schäfer bereits geflohen war. Als es 2005 endlich möglich wurde, die Siedlung frei zu verlassen, ohne fliehen zu müssen, ist sie gegangen. Zurückgekehrt ist sie seitdem nur wenige Male, zu wichtigen familiären Anlässen zum Beispiel. Denn das Gefühl von Anspannung macht ihr Besuche immer noch schwer.

Anders Maria Schnellenkamp. Die heute 48-jährige Mutter von vier Kindern lebt noch immer in der Siedlung, die sich seit 1988 schon Villa Baviera – bayerisches Dorf – nennt und auf Tourismus im bayerischen Stil setzt. Gegenüber dem heute als Restaurant betriebenen Haus sitzend erinnert sie sich: „Nachdem Schäfer weg ist, konnte ich meine mittlere Reife nachholen, konnte ich studieren gehen. Ich arbeite hier als Krankenschwester, jetzt schon fast zwölf Jahre. Das war schon immer mein Traumberuf.“

In verantwortlicher Position betreut sie alte Menschen in der Siedlung und hat darüber eine soziale Absicherung. Die meisten der rund 100 verbliebenen Bewohner der ehemaligen Sektensiedlung sind heute über 70 Jahre alt.

Gehen oder bleiben?

Doris und ihre Familie haben es in wirtschaftlicher Hinsicht schwieriger. Für Alles fehlt es an Geld. Doch Doris fühlt sich nur „draußen“ frei. Rückmeldungen von Besucher*innen und Menschen, die noch in der Villa Baviera leben, die ihr sagen, „Wie frei deine Kinder sind im Gegenteil zu den Kindern der Kolonie“ bestätigen sie dabei. Und für sie ist der Weg heraus aus dem System Colonia Dignidad der Weg ins Leben: „Also ich bin gierig um Neues. Aber ‚Neugierig‘ war früher eine disqualifizierte Sache. (…) Warum soll ich nicht Gierde für Neues haben oder Begehr?“

 

Den Audiobeitrag zu diesem Text findet ihr hier.

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Kommentare zu „„Dahinten, da ist was rot“ – Frauen in der Colonia Dignidad“;

  1. Also die Colonia Dignidad ist nicht weit von der Stadt Temuco in Chile entfernt, habe ich das richtig verstanden? Wer ist nochmal in Temuco geboren und aufgewachsen? Ein gewisser Herbert Mertin (FDP), er war ab 1999 Justizminister Rheinland-Pfalz und ist es jetzt wieder unter der Regierung II Malu Dreyer. Hat Herr Mertin nie etwas von den Greueltaten mitgekriegt? Schäfer und sein KZ-Arzt Hopp flogen 1998 auf, und Mertin war ab 1999 Justizminister. Was hat Herr Mertin eigentlich getan, um den Skandal um die Colonia Dignidad aufzudecken und den verantwortlichen Arzt Hopp an die chilenische Staatsanwaltschaft auszuliefern? Diese Colonia exisitert heute noch und der „Verwalter“ ist der Bruder von Dr. Hopp. Frau Dreyer hat übrigens ihr SPD – Büro im ehemaligen Gestapo-Hauptquartier in Trier, Christofstr.1, da sitzt auch seit 2011 die Staatsanwaltschaft Trier, für die Herr Mertin zuständig ist

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