Auslieferung Reinhard Dörings aus Italien beantragt

Foto der in der Diktatur "verschwundenen" Elizabeth Rekas bei einer Protest- und Gedenkveranstaltung in der Ex Colonia Dignidad
Der Verbleib der in der Diktatur verschwundenen Elizabeth Rekas ist bis heute ungeklärt. Foto: Jorge Soto

(Santiago de Chile, 15. November 2021, npla).- Die chilenische Justiz will den früheren Angehörigen der Colonia Dignidad, Reinhard Döring, vor Gericht stellen. Das hat das Berufungsgericht in Santiago de Chile am 11. November 2021 beschlossen. Vorgeworfen wird Döring die Beteiligung an der Entführung und dem Verschwindenlassen von drei politischen Gefangenen im Mai 1976: Juan Maino, Elizabeth Rekas und Antonio Elizondo.

Bereits am Tag nach dem Gerichtsbeschluss, am 12. November 2021, autorisierte der Oberste Gerichtshof Chiles auch einen Auslieferungsantrag, mit dem Italien aufgefordert wird, Döring nach Chile zu überstellen. Denn dort sitzt der frühere Angehörige der Colonia Dignidad seit Ende September in Haft, nachdem er bei einer Urlaubsreise aufgrund eines Interpol-Festnahmeersuchens verhaftet worden war. Italien wird den chilenischen Auslieferungsantrag nun prüfen, dessen Grundlage ein Auslieferungsabkommen zwischen beiden Staaten ist.

Colonia Dignidad kooperierte mit dem chilenischen Geheimdienst DINA

Döring soll als Kontaktperson der Colonia Dignidad zum chilenischen Geheimdienst DINA fungiert haben. Dieser hatte während der Diktatur ab 1973 ein Lager auf dem Gelände der deutschen Sektensiedlung eingerichtet, in dem Hunderte Gefangene gefoltert und Dutzende ermordet wurden. Döring bewachte Gefangene in diesen Folterstätten. Als Fahrer soll er politische Gefangene auch an einen abgelegenen Ort der Colonia Dignidad zur Exekution transportiert haben. In einer früheren Vernehmung hatte Döring selbst bestätigt, Waffen und Motoren auf dem Gelände der Colonia Dignidad versteckt bzw. vergraben zu haben.

Kein ausreichender Wille zur Aufklärung in Deutschland

Seit 2004 lebt Döring in Deutschland. Er entzog sich jahrelang der chilenischen Justiz, die Ermittlungen gegen ihn eröffnet und einen Interpol-Haftbefehl erlassen hatte. Deutschland liefert ihn wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit nicht nach Chile aus. 2016 wurde in Deutschland zwar ein eigenständiges Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Mord von politischen Gefangenen eröffnet, 2019 jedoch eingestellt. Es läge kein hinreichender Tatverdacht vor, hieß es in der Begründung der Staatsanwaltschaft Münster damals. Zwar habe Döring „nach eigenen Angaben Gefangene bewacht“, einen hinreichenden Tatverdacht zum Vorwurf des Mordes sah die Staatsanwaltschaft dennoch nicht. Andreas Schüller vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) kritisiert, wichtige Zeugen, die das ECCHR benannt habe, seien nicht vernommen worden, es habe keinen ausreichenden Willen zur Aufklärung gegeben.

Auch Hartmut Hopp, der ehemalige Leiter des Krankenhauses der Colonia Dignidad, enger Vertrauter des Sektenchefs Paul Schäfer und Verbindungsmann zum Geheimdienst DINA, lebt straflos in Deutschland. In Chile ist er rechtskräftig zu fünf Jahren Haft wegen Beihilfe zu Vergewaltigung und Missbrauch von Minderjährigen verurteilt. Deutschland liefert auch ihn nicht aus und das Oberlandesgericht Düsseldorf lehnte es 2018 auch ab, dass Hopp seine chilenische Strafe in Deutschland verbüßen sollte. Eigenständige Ermittlungen stellte die Staatsanwaltschaft Krefeld 2019 ein. Es sei kein hinreichender Tatverdacht zu erkennen, lautete auch in diesem Fall die Begründung.

Bis heute sind die Umstände ungeklärt, unter denen politische Gefangene in der Colonia Dignidad zu Verschwundenen gemacht wurden. Nach Aussagen ehemaliger Bewohner der Siedlung waren Dutzende Personen auf dem Gelände hingerichtet und ihre Leichen in Massengräbern verscharrt, später wieder ausgegraben und verbrannt worden. Angehörige von Verschwundenen fordern weiterhin Aufklärung und Gerechtigkeit.

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