Am 1. Mai angeschossene Journalistin verstorben

An mehreren Orten in Chile wurden Kerzen angezündet im Gedenken an die verstorbene Journalistin Francisca Sandoval. Foto: Agenciadenoticias/Periodistas en Espanol

(Berlin, 16. Mai 2022, npla).- Zum ersten Mal seit dem Übergang zur Demokratie im Jahr 1990 starb in Chile eine Journalistin aufgrund von Gewalteinwirkung, während sie ihrer Arbeit nachging. Am 12. Mai erlag die 30-jährige Francisca Sandoval vom Fernsehkanal „Señal 3 de La Victoria“ im Krankenhaus ihren Verletzungen. Am 1. Mai hatte sie von einer Demonstration zum Tag der Arbeit in Santiago berichtet und Angriffe auf die Demonstrierenden dokumentiert. Dabei war sie auf offener Straße von einem bewaffneten Straßenverkäufer in den Kopf geschossen worden. Zeug*innen drücken ihre Sorge über eine mutmaßliche Zusammenarbeit der Polizei mit einer Gruppe von Bewaffneten in zivil aus.

Nach dem Tod Francisca Sandovals fanden an dem als „Plaza de la Dignidad“ bezeichneten Platz im Zentrum Santiagos Demonstrationen statt. Im Stadtteil La Victoria verliehen Menschen rund um die Fernsehstation „Señal 3“ ihrem Schmerz über den Tod der Journalistin mit Transparenten, Kerzen und Gesang Ausdruck. La Victoria ist ein sozioökonomisch schwacher Sektor, der 1957 aus einer Besetzung entstanden ist und sich als erste Wohnsiedlung verstetigen konnte. „Señal 3 de La Victoria“ berichtet als unabhängigen Basismedium und bildet auch Bewohner*innen des Viertels zu Berichterstatter*innen aus.

„Francisca wurde ermordet“

„Francisca ist nicht von uns gegangen, sie wurde ermordet“, erklärte „Señal 3 de La Victoria“ über Social Media. Denn am 1. Mai 2022 waren Angehörige der Militärpolizei Carabineros zwar mit Tränengas gegen eine Demonstration im Sektor Estación Central in Santiago vorgegangen. Als eine Gruppe von Straßenverkäufern, mit Schusswaffen ausgestattet und vermutlich in einem Spektrum von Mafiastrukturen zu verorten, vor den Augen der Polizei auf die Demonstration schossen, hätten die Carabineros nicht interveniert, erklärt die Sprecherin der feministischen Dachorganisation 8M, Karina Nohales.

Der Anwalt der Familie Sandoval beklagte gegenüber dem Nachrichtenportal Interferencia „Absprachen zwischen Carabineros und den Mafiösen, die gegen die Demonstrierenden an diesem 1. Mai vorgingen“. Auch Sandovals Kollege, der Journalist Gerardo Cortés von „Señal 3“, war Zeuge der Situation und berichtete gegenüber Interferencia, die Polizei habe mit den bewaffneten Personen zusammengearbeitet, dazu lägen ihnen Aufnahmen vor.

Zunehmende Repression durch Zivilpersonen?

Karina Nohales, die am 1. Mai vor Ort war, spricht von einer „Komplizenschaft“ mit der Polizei. Sie beschreibt, der Ort sei „komplett von der Polizei belagert“ gewesen. Sie äußert besorgt, diese Form „informeller Repression“ sei erst seit der Amtsübernahme von Präsident Gabriel Boric im März diesen Jahres zu beobachten: „Wir befürchten, dass es sich dabei um eine Auslagerung der Repressionsmaßnahmen an Dritte handeln könnte“. Weil die Polizei übermäßige Gewalt nicht mehr straflos ausüben könne, ließe sie dies möglicherweise durch Dritte erledigen, die keine institutionelle Verantwortung tragen, so Nohales.
Verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen fordern zum wiederholten Mal die Absetzung des Direktors der Carabineros, Ricardo Yáñez, der seit der Vorgängerregierung Piñeras im Amt ist. Sie drängen auf gründliche Aufklärung der Geschehnisse vom 1. Mai und einer möglichen Zusammenarbeit von Carabineros mit bewaffneten Gruppen. Dringend müssten auch Umstrukturierungen der Polizei eingeleitet werden, sagt Karina Nohales und ergänzt: „Von der von Präsident Gabriel Boric angekündigten Reform der Carabineros ist noch nichts zu bemerken“, bisher habe es keine einzige kritische Erklärung zu der Institution gegeben.

Polizeibekannter Schütze in Untersuchungshaft

Der mutmaßliche Todesschütze sitzt in Untersuchungshaft. Foto: Agenciadenoticias

Der 41-jährige mutmaßliche Schütze befindet sich derweil in Untersuchungshaft. Neben der Tötung der Journalistin wird ihm illegaler Waffenbesitz vorgeworfen. Er war bereits 2007 wegen illegalen Besitzes von Schusswaffen und wegen Drogenhandels verurteilt worden. Später war er mehrmals rückfällig geworden.

Der Verband der internationalen Pressekorrespondent*innen in Chile (ACPI) äußert sich besorgt über die unzureichenden Schutzmaßnahmen der Polizei während der Angriffe auf die Presse und die Bürger*innen und mahnt den chilenischen Staat zur Einhaltung seiner Pflicht zum Schutz der Menschenrechte und des Rechts auf Freiheit der Presse. „Der chilenische Staat hat internationale Vereinbarungen unterzeichnet, die ihn dazu verpflichten, journalistische Tätigkeit zu schützen“, heißt es in einer öffentlichen Erklärung vom 12. Mai 2022, und weiter: „In diesem Sinne betrachten wir dieses Verbrechen als einen eklatanten Verstoß gegen diese Vereinbarungen“.

Auch der frisch gegründete Verband der unabhängigen Medien Chiles fordert, der Staat müsse Arbeitsbedingungen für Medienschaffende sicherstellen, die das Recht auf Kommunikation garantieren. Auf der von „Reporter ohne Grenzen“ Anfang Mai veröffentlichten Rangliste der Pressefreiheit 2022 rangiert Chile auf Platz 82.

Die deutsche Übersetzung der Erklärung des Presseverbands ACPI findet ihr hier.

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