„A plena luz, todavía“, Ausstellung über Colonia Dignidad

Colonia Dignidad Ausstellung Museo de la Memoria
Einen solchen Teelöffel konnte Adriana Bórquez unter ihrer Augenbinde erkennen, als sie als Gefangene der Diktatur in der Colonia Dignidad gefoltert wurde. Foto: IECD

(Santiago, Berlin, 2. Movember 2026, taz/npla). – Vom 29. Oktober bis Ende April 2027 ist im Museum der Erinnerung und der Menschenrechte in Santiago eine zweisprachige multimediale Ausstellung über die Colonia Dignidad zu sehen. In dieser 1961 gegründeten früheren deutschen Sektensiedlung in Chile waren Bewohner:innen Zwangsarbeit und sexualisierter Gewalt unterworfen. Während der chilenischen Diktatur (1973 bis 1990) errichtete der Geheimdienst DINA ein Gefangenenlager, Oppositionelle wurden in der Siedlung gefoltert, rund hundert Personen ermordet und zu Verschwundenen.

Interview mit der Historikerin Evelyn Hevia Jordán, die die Ausstellung im Namen der FU Berlin in Zusammenarbeit mit dem Museo de la Memoria vorbereitet und umgesetzt hat.

 

Sie haben die Ausstellung „A plena luz, todavía“ („Vor aller Augen, noch immer“) über die Colonia Dignidad kuratiert, die bis Ende April 2027 im Museum der Erinnerung und Menschenrechte in Santiago zu sehen sein wird. Ist das ein Erfolg?

Evelyn Hevia Jordán: Es ist die erste umfassende Ausstellung über die Colonia Dignidad überhaupt, ein Meilenstein in der Geschichte der Aufarbeitung. Wir beleuchten die Ursprünge der Siedlung in Deutschland, ihre Geschichte in Chile vor, während und nach der Diktatur. Bei all dem ist uns die Multiperspektivität, die Berücksichtigung aller Betroffenengruppen sehr wichtig. Wir werden auch Workshops mit verschiedenen Opfergruppen veranstalten.

Was ist in der Ausstellung zu sehen?
Meine Ko-Kuratorin Paula Solimano vom MMDH und ich haben Dokumente aus Justiz- und Pressearchiven ausgewertet, Fotos, Audios, Videos zusammengestellt, das meiste davon in Spanisch und Deutsch. Mit vielen Kolleg:innen des Museums haben wir auch eine Medienstation erstellt, die dauerhaft im Museum verbleiben wird und die wir in einer Online-Version zur Verfügung stellen wollen. Diese enthält zusammenfassende Videos zu historisch bedeutsamen Orten auf dem Gelände der früheren Colonia Dignidad, wo Menschen Opfer von Zwangsarbeit, sexualisierter Gewalt, von Folter und Mord wurden und Auszüge aus lebensgeschichtlichen Interviews von Zeitzeug:innen, die aus dem Oral History Archiv Colonia Dignidad an der Freien Universität Berlin stammen.

Sie stellen auch bedeutsame Gegenstände aus, z.B. einen Teelöffel, der die Vorläufer der Colonia Dignidad in Deutschland mit der Diktatur in Chile verbindet. Was hat es damit auf sich?
Die Gronauer Baptistengemeinde hatte ihren Gemeindemitgliedern einige Löffel mit der gravierten Inschrift „Weihnachten 1953“ geschenkt, die später in die Colonia Dignidad gelangten. Die Chilenin Adriana Bórquez, die 1975 als politische Gefangene in die Siedlung verschleppt und dort gefoltert wurde, konnte unter ihrer Augenbinde diese Gravur auf einem Löffel erkennen, der ihr mit dem Essen gebracht worden war. So wurde die Colonia Dignidad als Ort des Folterlagers identifiziert. Später sagte Adriana Bórquez dazu im Zuge strafrechtlicher Ermittlungen in Deutschland aus.

Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte der Ausstellung?
Zum einen bilden wir die Geschichte der Siedlung in Form einer Zeitleiste ab, an der man in einem langen Gang vorbeigeht auf dem Weg zur eigentlichen Ausstellung. Ansonsten haben wir die Ausstellung an fünf thematischen Linien ausgerichtet. Wir zeigen die internationale Dimension und die Verantwortung des chilenischen und des deutschen Staates auf. Wir gehen auf die deutsche Kolonisierung im Süden Chiles im 19. Jahrhundert ein, an die die Colonia Dignidad hundert Jahre später anknüpfte. Wir beleuchten die spirituellen Verheißungen und Versprechen von Bildung und Gesundheitsversorgung, mit denen die Siedlung warb. Wir thematisieren die Unterdrückung der Bewohner:innen und die Repression während der Diktatur, ein zentraler Bestandteil der Ausstellung ist das quasi geheimdienstliche Karteikartenarchiv, das die Colonia Dignidad aufgebaut hatte. Schließlich zeigen wir aber auch den Kampf um die Würde, das Engagement, die Solidarität von Akteuren, die dazu beigetragen haben, Verbrechen aufzuklären, Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung einzufordern.

Wir haben außerdem eine Partnerschaft mit dem Goethe Institut vereinbart. Zusammen gestalten wir ein Rahmenprogramm, im November zeigen wir vier Filme, im März und April organisieren wir literarische und Theater-Darstellungen der Colonia Dignidad. Außerdem wollen wir den Austausch mit Wissenschaftler:innen fördern.

Wie kam es zu der Ausstellung?
Seit 2024 bereiten wir in dem Kooperationsprojekt „Interaktive Erinnerungen Colonia Dignidad“ des Museums der Erinnerung und Menschenrechte (MMDH) in Santiago und der Freien Universität Berlin (FUB), für die ich arbeite, die Ausstellung vor. Seitdem wurde die geplante Ausstellung bei den Sitzungen der Chilenisch-deutschen Gemischten Regierungskommission zur Colonia Dignidad (CoMixta) diskutiert und befürwortet. Sie wird finanziert vom Auswärtigen Amt, das Museum steuert personelle Ressourcen und den Raum bei.

Zum Auftrag der Chilenisch-deutschen Gemischten Regierungskommission (CoMixta), die seit 2017 halbjährlich tagt, gehört die Errichtung eines Gedenk-, Dokumentations- und Lernortes. Denn auf dem Gelände der Ex-Colonia Dignidad gibt es so etwas bis heute nicht. Stattdessen ist die Villa Baviera, wie sich die Siedlung inzwischen nennt, zu einem touristischen Ausflugsziel mit Hotel-Restaurant-Betrieb im bayerischen Stil geworden. Welchen Einfluss wird die Ausstellung auf die Diskussion um eine Gedenkstätte haben?
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit diesem Thema und sehe durchaus die Gefahr, dass die Ausstellung als Rechtfertigung dafür herangezogen werden könnte, keine Gedenkstätte zu errichten. Die Ausstellung kann aber keinesfalls eine Gedenkstätte am historischen Ort ersetzen. Wir wollen stattdessen einen Beitrag zu den kollektiven Bemühungen um einen Gedenk- und Dokumentationsort leisten, in den große Teile der Ausstellung auch einfließen könnten. Deutschland und Chile müssen im Fall der Ex-Colonia Dignidad ihrer gemeinsamen Verantwortung zur Aufarbeitung weiterhin nachkommen.

Die Mitte-Links-Regierung von Gabriel Boric hatte ab 2024 die Enteignung von Teilen der Ex Colonia Dignidad mit dem Ziel der Errichtung einer Gedenkstätte geplant, aber nicht umgesetzt. Kurz nach Amtsantritt des extrem rechten Präsidenten José Antonio Kast im März 2026, stoppte dessen Wohnungsbauminister diesen Plan. Was muss passieren, damit es zu einer Gedenkstätte kommt?
Seit fast einem Jahrzehnt diskutieren Vertreter:innen beider Regierungen über eine Gedenkstätte. Bisher ist wenig konkretes passiert, das muss sich ändern. Es braucht konkrete Maßnahmen von beiden Seiten, zuerst die Gründung einer Stiftung oder anderen Trägerorganisation für die Errichtung eines Gedenkortes.

Kast ist ein Bewunderer des Ex-Diktators Pinochet und ließ im September die übliche offizielle Gedenkfeier zur Erinnerung an den Putsch zum ersten Mal nicht stattfinden. Sein Justizminister Fernando Rabat stimmte jüngst vorzeitigen Entlassungen von Kindesvergewaltigern und Personen, die wegen Entführung und Folter von Oppositionellen während der Diktatur verurteilt wurden, zu. Wie wirkt sich dieser Politikwechsel auf Ihre Ausstellung aus?
Ich beobachte Rückschritte, Negationismus, Relativierungen, Finanzkürzungen in der Erinnerungs- und Menschenrechtspolitik. Konkret in Bezug auf die Ausstellung nehme ich jedoch keine Veränderung wahr. Bei der letzten Sitzung der CoMixta – erstmals mit Vertreter:innen der Regierung Kast – wurde die Ausstellung als wissenschaftlich fundiertes Projekt ernst genommen und weiterhin unterstützt. Meines Erachtens muss das Projekt trotz der veränderten politischen Situation weitergehen.

Bedeutet die Eröffnung der Ausstellung eine Legitimierung der Regierung Kast?
Ich sehe die Ausstellung nicht als Legitimierung der Regierung, sondern als Beharren auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Erinnerung und als Gelegenheit, öffentlich über Menschenrechte als fundamentalem Pfeiler der Demokratie zu sprechen, die überall in der Welt angegriffen werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

CC BY-SA 4.0 „A plena luz, todavía“, Ausstellung über Colonia Dignidad von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nachrichtenpool Lateinamerika
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.