Mit Kichwa-Rap gegen Ungleichheit und starre Vorstellungen von Identität

(Berlin, 20. Mai 2020, npla).- Die sich verschärfende Ungleichheit lateinamerikanischer Gesellschaften hat neben den politischen Entscheidungen der Regierungen auch damit zu tun, wer in diesen Ländern zu Wort kommt. In unserem Interview mit dem ecuadorianischen Kichwa-Indigenen Sumay von der Rap-Crew Los Nin wird deutlich, dass Jugendliche aus dem Untergrund urbaner Gemeinschaften ihre Stimme sowohl gegen starre Vorstellungen indigener Identität als auch die politische Agenda der Regierung erheben.

Als Sprachrohr der Straße bietet Rap marginalisierten Jugendlichen aus den Barrios der ecuadorianischen Städte die Möglichkeit, sich unabhängig Gehör zu verschaffen und eigene Standpunkte zu vertreten. Bei den landesweiten, von indigenen Gruppen angeführten Streiks der Bevölkerung Ecuadors im Jahr 2019 wurden außerdem indigene Identitäten jeden Alters sichtbar. Ende März 2020 haben wir uns mit dem Rapper Sumay von Los Nin unterhalten, deren indigene und mestizische Mitglieder auf Spanisch und Kichwa rappen. Sumay berichtete via Sprachnachrichten aus seinem Heimatort, dem Barrio Montserrat in Otavalo, der auf 2500m Höhe gelegenen Andenstadt.

Kichwa-Rap – ein Mix aus Hiphop und Klängen des Andenraums

Seine Crew Los Nin mache zwar Rap, mischen das Ganze jedoch mit Musik aus dem Andenraum, eigenen Instrumenten und Rythmen, so Sumay. Dabei gehe es weniger um Hiphop, sondern vor allen Dingen um das Sprechen des Kichwa. Die Band gründete sich im Jahr 2008 mit drei Mitgliedern – Sumays Bruder, seinem Schwager und ihm. Damals, so erklärt er weiter, sei es im ecuadorianischen Hiphop nur um Partys und Vergnügen gegangen. Die drei Jugendlichen aber wollten etwas anderes zu machen. Kurz danach folgte der erste Live-Auftritt und fünf von Sumays 11 Brüdern kamen als weitere Musiker aus Otavalo dazu. Außerdem noch zwei Freunde aus der Stadt Cotacachi, der Keyboarder und der MC.

Bisher haben Los Nin zwei Alben veröffentlicht. Der Titel der ersten EP Shinallami-Kanchik aus dem Jahr 2010 bedeutet „Das ist wer wir sind“. Im Jahr 2017 folgte das Album Wambra Katary, was übersetzt „Aufstand der Jugend“ bedeutet. „Unser Name Los Nin kommt von einem Verb aus dem Kichwa, das übersetzt „zu Sprechen“ oder manchmal auch „Feuer“ bedeutet. Wir sind die, die sprechen. Mit unserer Musik wollen wir der Stimme der Jugendlichen künstlerisch Ausdruck verleihen.“

„Es gibt keine einzigartige Identität, sondern nur unsere Konstruktionen davon“

Albumcover Wambra Katary (Foto: Los Nin)

Als indigene Jugendliche sei ein zentrales Thema der Band die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sprache und Kultur. Sumay berichtete dahingehend von dem Song Katary, den er im Alter von 18 Jahren geschrieben habe. „Ich lebte damals ein Jahr im Ausland und lernte das Leben so kennen, wie es in Ecuador nicht üblich war. Ich fing zu dieser Zeit zum Beispiel an, meine langen Haare als zwei Zöpfe zu tragen. Das rief hier in Ecuador bei einigen Leuten Unverständnis hervor. Sie sagten Was soll das denn? Du siehst ja aus wie eine Frau!‘.“ Rückblickend erklärt Sumay, er habe sich damals, nach seinen Erfahrungen im Ausland, vielleicht einfach etwas freier in der Konstruktion seiner Identität gefühlt und kleidete sich auch so. Doch die Leute hätten komisch darauf reagiert.

„Damals habe ich gedacht, das beschreibt genau, was für mich Identität ist.“ Heute habe sich seine Sichtweise wieder verändert und eigentlich würde er gern Teile des Liedes verändern. Sumay berichtet von seiner Erfahrung, dass sich mit der Zeit unsere Identitäten verändern, während bestimmte Teile davon überdauern. Er sagt: „Puuhhh – Identität ist etwas so vieldeutiges! Einen Ausdruck für all das zu finden, was du wirklich bist, ist fast unmöglich. Es gibt keine einzigartige Identität, es geht immer nur um unsere Konstruktionen davon.“

Mit Rap neue Sichtweisen vermitteln

Auf der Internetseite von Los Nin kann man die auf Spanisch und Kichwa gesprochenen Texte der Band nachlesen. Dabei wird der Werdegang von Los Nin und die breite Palette ihrer Themen sichtbar. „Am Anfang war unsere Idee einfach mit Hilfe von Rap neue Sichtweisen zu vermitteln. Von da aus haben wir angefangen über weitere Themen wie Migration, Rassismus und Religion zu reden. Also all die Sachen, die nicht nur uns als Kichwa, sondern alle Leute betreffen, die in unserer verwestlichten Welt leben. In unseren Einstellungen, den Inhalten, auch in der Bildung selbst.“

Es gäbe heute viele Dinge, mit denen Sumay nicht einverstanden sei, denn sie passten einfach nicht zu der Lebensrealität vieler Menschen. Er verweist auf die politische Doktrin des Kapitalismus, unter der heute alle Menschen leiden würden. „Das geht uns auf der ganzen Welt an, egal welcher Ethnie oder Nation wir angehören. Mit der Zeit merkst du, dass es nicht nur dir so geht, sondern dass wir eine große Gruppe von Menschen sind, die unter den Auswirkungen dieses Systems leiden.“

Kredite des IWF werden von der rechten Regierung für Militarisierung verwendet

Still aus dem Youtube-Video „RIKCHARI/APAK OTAVALO“

Im Oktober 2019 kam es zu breiten Protesten der ecuadorianischen Bevölkerung, maßgeblich angeführt von indigenen Gruppen. In dem Musikvideo von Los Nin zu ihrem Song Rikchari sind Szenen der Proteste zu sehen, bei denen sich die Band beteiligte. Sumay rief uns die politische und wirtschaftliche Situation Ecuadors ins Gedächtnis, die Unzufriedenheit der Bevölkerung und ihre Forderungen nach staatlicher Unterstützung bei den Demonstrationen, sowie die darauf folgende brutale Polizeigewalt.

„Wir werden hier in Ecuador von einer ultrarechten Gruppe von Personen regiert, die sich nur darum schert, wie es den reichen und mächtigen Leuten geht.“ In einer solchen Situation Kredite des Internationalen Währungsfonds (IWF) aufzunehmen und damit neue Auslandsschulden anzuhäufen, bedeute laut Sumay, sich nur noch mehr zu verschulden. „Im Moment sprechen sie wieder davon sich Geld zu leihen, um die Epidemie des Corona-Virus zu bekämpfen. Doch du kannst ihnen nicht mehr trauen – es gab doch schon so viele Kredite. Die wurden aber nicht verwendet, um die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern oder mehr Krankenhäuser oder Schulen zu bauen. Sie wurden für mehr Polizei, Bewaffnung, Militarisierung und diesen ganzen Mist ausgegeben.“

Ecuadorianisches Fernsehen zeigte nicht die brutale Realität der Demonstrationen

Das, was im Oktober 2019 das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, sei die auf Druck des IWF erwirkte Erhöhung des Ölpreises gewesen, wie Sumay erläutert. „Wir sind mit vielen Anderen auf die Straße gegangen und mussten die brutale Polizeigewalt erleben. Unser Video von Rikchari entstand genau in diesem Moment. Wir haben die Demo verlassen, um in einer Nacht den Song aufzunehmen und ihn in drei Stunden fertig zu machen, bevor wir zu den Protesten zurückkehrten.“ Der Rapper verweist auch darauf, dass die im Video gezeigten Aufnahmen der Demonstrationen und der Polizeigewalt die brutale Realität darstellten, welche im ecuadorianischen Fernsehen nicht gezeigt wurde.

„An alle Leute die diese Worte hören, verbreitet sie weiter! Wir sind Los Nin – Kichwa-Rap aus dem Andes-Ground!“ Mit diesem Shout-Out von Sumay endete unser Interview. Die Band nimmt derzeit ihr drittes Album auf. Einer der neuen Songs namens Ishkay Llakta ist bereits im Internet zu finden. Sumay arbeitet heute übrigens als Lehrer in einer Gemeinschaftsschule in Otavalo. Auch dort versucht er über Musik ein Weltbild zu vermitteln, in dem diverse Identitäten Platz haben, die ihre eigenen Worte und Wege gegen politisch erzeugte Ungleichheiten finden.

Zu diesem Thema gibt es auch einen Beitrag bei Radio onda!

CC BY-SA 4.0 Mit Kichwa-Rap gegen Ungleichheit und starre Vorstellungen von Identität von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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