Trump und der zentralamerikanische Exodus

Migrant
Der 18-jährige Gerson aus dem honduranischen Copán trampt am 26. Oktober mit einem Taxi bis Huixtla mit. Foto: Andrea Godinez/Plaza Publica

(Mexiko-Stadt, 28. Oktober 2018, npl).- Die Caravana de Migrantes ist weiter auf dem Weg durch Mexiko Richtung Norden. Als im US-Kongresswahlkampf nützliche Reaktion schickt US Präsident Donald Trump die Armee an die Grenze und droht den zentralamerikanischen Herkunftsländern mit dem Entzug der Wirtschafts- und Entwicklungshilfe. Doch Expert*innen in Zentralamerika und Mexiko sagen, dass gerade diese angeblichen „Hilfen“ ein wesentlicher Grund dafür sind, dass die Menschen aus Guatemala und Honduras fliehen.

Die Bilder gehen seit Tagen um die Welt: Tausende Geflüchtete auf dem Weg zuerst durch Guatemala, dann durchs mexikanische Chiapas und nun auf dem Weg nach Oaxaca, dann vielleicht Mexiko-Stadt, dann vielleicht zur US-mexikanischen Grenze. Begleitet von zahllosen internationalen Kamerateams. Ihre Geschichten ähneln sich: „Die Gewalt und Unsicherheit ist unbeschreiblich“, erzählt ein Taxifahrer aus dem honduranischen Comayagua. „Ich war Taxifahrer und mich haben sie drei Tage lang entführt und alles geraubt. Und ständig wurde ich bedroht und erpresst. Und das für diesen Lohn, der gerade für Strom und Wasser und die nötigsten Lebensmittel reicht. Deswegen bin ich los, denn mit diesem Präsidenten zerfällt unser Land in Stücke.“

„Unser Land zerfällt in Stücke“

In Guatemala hatten viele Station in der Flüchtlingsherberge Casa del Migrante gemacht. Deren Leiter, Mauro Verzeletti, kümmert sich seit vielen Jahren um Menschen, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben Richtung Norden migrieren. „Die Situation aus Gewalt und Armut ist so schlimm, dass es für die Bevölkerung nicht mehr auszuhalten ist. Die einzige Möglichkeit ist, zu fliehen.“ erklärt Verzeletti und zitiert Eduardo Galeano: „Die Migranten folgen den Reichtümern, die ihnen die reichen Länder gestohlen haben.“

Die Migrationsbewegung aus Zentralamerika Richtung USA ist nicht neu. Rund drei Millionen Menschen aus Honduras, El Salvador und Guatemala leben bereits in den USA. Aber bis vor kurzem haben sich die meisten Menschen auf eigene Faust auf die lange und gefährliche Reise gemacht. Die Flüchtlingstrecks aus Tausenden Menschen, wie vor einem halben Jahr oder eben jetzt wieder, sind eine neue Qualität – den Flüchtenden bieten sie einige Vorteile, sagt Verzeletti; sie sparten das Geld für die Coyotes, die Schlepper und das organisierte Verbrechen. Zudem sei es viel schwieriger, mehrere Tausend Menschen zu entführen.

Trump nutzt die Migrant*innen für den Wahlkampf

Für Donald Trump, den Brandstifter im weißen Haus, ist das Thema kurz vor den Kongresswahlen Wasser auf die Wahlkampfmühlen, um seine an alternativlosen Fakten nicht interessierte und oft rassistische Anhängerschaft zu mobilisieren. Bei dieser kommen Trumps Drohungen gegen die Herkunftsländer gut an: „Die kriegen von uns Hunderte Millionen Dollar und tun nichts für uns“ keift Trump. Die Regierungen Zentralamerikas täten nichts, um Menschen an der Migration zu hindern, keift Trump. Das ist sogar stark untertrieben. Sie tun, zumal in Guatemala und Honduras, das Gegenteil: In Guatemala versucht Präsident Morales, die internationale Kommission gegen die Straflosigkeit loszuwerden, die in den letzten Jahren unzählige Korruptionsskandale und -netzwerke hat auffliegen lassen.

Zu Honduras äußerte sich vor wenigen Tagen Nayib Bukele aus dem benachbarten El Salvador und aussichtsreicher Kandidat für die Präsidentschaftswahlen dort im nächsten Jahr: “Honduras Präsident Juan Orlando Hernández ist nicht demokratisch gewählt, dazu kommen Jahrzehnte von Korruption, Ausgrenzung. Nicht mal die Grundversorgung der Bevölkerung garantiert der Staat. Und dann sehen die Leute, dass sie durch Wahlen keinen Wandel herbeiführen können.“

Milliarden für Aufrüstung der Sicherheitskräfte

Kritik von Trump in beiden Fällen: Fehlanzeige! Präsident Morales in Guatemala und Hernández in Honduras sind treue US-Verbündete. Vor wenigen Jahren erst haben sie mit großem Tamtam ein neues Hilfsprogramm mit den USA beschlossen – die Allianz für den Wohlstand. Milliarden sind seither in die Aufrüstung der Sicherheitskräfte der Länder geflossen, in Infrastrukturmaßnahmen und Projekte zur Wirtschaftsentwicklung. Explizites Ziel: Die Migration einzudämmen. Wohin das Geld genau geflossen ist, weiß niemand so genau. Klar aber ist: Wohlstand hat diese Allianz nicht gebracht, die aktuellen Fernsehbilder zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist.

Laut Nayar López, Politologe vom Zentrum für Lateinamerikastudien an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, sei dies auch gar nicht das Ziel US-amerikanischer Hilfen für Zentralamerika: „Die Strategie der Allianz für den Wohlstand war und ist eine Strategie, die zentralamerikanischen Länder in einem Abhängigkeitsverhältnis zu halten“, erläutert López. Um strukturelle und nachhaltige Programme zur Armutsreduzierung habe es sich dabei nie gehandelt. Die Armutsrate, die Gewalt und die Arbeitslosigkeit sei in keinster Weise zurückgegangen. Das Beispiel Guatemala, wo Ex-Präsident Otto Pérez wegen Korruption im Gefängnis sitzt, zeige, dass internationalen Hilfen oft direkt in die Taschen derer flössen, die den Staat kontrollieren. Und Honduras sei noch schlimmer, so López: „Der Wahlbetrug im letzten Jahr zeigt, dass es sich zwar um einen gescheiterten Staat handelt, der aber durchaus den Interessen der USA dient. Seit dem Putsch 2009 gegen Manuel Zelaya haben wir Regierungen, die keine demokratische Legitimierung haben. Das alles wurde und wird von den USA unterstützt.“

Das Problem ist die Ungleichheit

Der Wirtschaftsprofessor und Sozialwissenschaftler Wilson Romero lehrt an der renommierten jesuitischen Universität Landivar in Guatemala. Auch er kritisiert die Allianz für den Wohlstand. Zwar basierten die Programme teilweise auf der richtigen Antwort, findet Romero: “ Aber das wahre Problem ist die Ungleichheit, die Ausgrenzung, daraus folgend die Armut und das Anschwellen der Bandenkriminalität. Wenn man nicht gegen diese Ungleichheit vorgeht, dann werden Armut und Gewalt trotz Wirtschaftswachstums weiter zunehmen.“

Sollten die USA tatsächlich ihre angeblichen Hilfszahlungen an Zentralamerika streichen, würde das vor allem denen weh tun, die sich diese einstreichen: Politiker*innen, Militärs, Unternehmer*innen. Bei der verarmten Bevölkerung sei ohnehin nie etwas davon angekommen, so die zahllosen Aussagen von Flüchtenden, die von den Medien derzeit in die ganze Welt gesendet werden. Wer Zentralamerika kennt, wer beobachten konnte, wie schamlos in Guatemala oder Honduras die öffentlichen Kassen ausgeplündert werden, wie egal dort der Politik die Menschen sind, wie lebensbedrohlich die Gewalt für immer mehr Menschen ist – der ist davon überzeugt, dass sich die Menschen nicht davon abhalten werden lassen, ihr Heil in der Flucht zu suchen. So wie Mauro Verzeletti von der Casa del Migrante: „Seit den Friedensverträgen vor 20 Jahren ist es das erste Mal, dass wir eine so massive Fluchtbewegung sehen und betreuen. Das ist eine Demonstration, dass von nun an der Exodus aus Zentralamerika massiv sein wird.“

Ein Exodus, gegen den keine Mauern helfen werden – und sollten sie es doch tun, droht Zentralamerika und damit dem Hinterhof und treuem Verbündeten der USA der Kollaps. Die Politik Trumps und seiner korrupten Verbündeten in Honduras und Guatemala ist zum Scheitern verurteilt. Den Preis dafür zahlen aber wieder einmal diejenigen, die daran keine Schuld tragen.

Zu diesem Artikel gibt es auch einen Audiobeitrag bei Radio onda.

CC BY-SA 4.0 Trump und der zentralamerikanische Exodus von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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