Philadelphia atrevete! Latin@s in Zeiten von Trump

Mann am Cafe
Der salvadorianische Street Art Künstler und Sozialarbeiter Carlos Rosa. Foto: Nils Brock

(Santiago, 6. Februar 2017, npl).- Schulbeginn im Franklin Learning Center. Die Türen des historischen Schulgebäudes quietschen. Mehr als hundert Jahre hat der Specksteinbau im Zentrum Philadelphias auf dem Buckel. Doch hinter der neoklassischen Fassade versteckt sich keine Eliteschmiede, Nein, wer hier lernt, hat gute Chancen es auf ein solides, staatliches College zu schaffen. Zudem fördert die öffentliche Schule seit den 1970er Jahren ethnische Minderheiten – die heute längst in der Mehrheit sind: Black is beautiful! Die Hälfte der Schüler und Schülerinnen ist schwarz. Viva la raza! Ein Fünftel aller hier Lernenden hat seine Wurzeln in Lateinamerika.

Das spiegelt ganz gut das bunte Philadelphia von heute wieder. Viele kennen die  fünftgrößte Stadt der USA dagegen vor allem als den Geburtsort des weißen, angelsächsischen Amerikas, in dem die Gründungsväter Ende des 18. Jahrhunderts die Verfassung ausbrüteten. Andere erinnern sich vielleicht an die ruppigen 1990er Jahre, als Nachrichten über hohe Arbeitslosenzahlen und Polizeiwillkür gegen schwarze Jugendliche das Image der Metropole prägten. Doch im Schatten von New York erfand sich die wegen ihres schmutzigen Images auch Filthydelphia genannte Stadt neu – auch dank der vielen zugezogenen lateinamerikanischen Migranten und Migrantinnen. Heute haben 15 von 100 Einwohner*innen einen Latin@-Background.

Empowerment auf Spanisch

Straßenszene
Straßenszene in Philadelphia. Foto: Nils Brock

Doch hier zu leben ist nur das eine. Nach wie vor sei es wichtig, Räume zu schaffen, vor allem für jugendliche Migrant*innen aus Lateinamerika, erzählt der salvadorianische Street Art Künstler und Sozialarbeiter Carlos Rosa. Er selbst ist nicht untätig, hat heute, wie jeden Mittwoch, mit dem Freiwilligenprojekt La Puerta Abierta einen Zeitungsworkshop am Franklin Learning Center vorbereitet. Während der Mann mit dem dicken Rastazopf Papier und Stifte ausbreitet, verteilt sich auch ein Dutzend Jugendlicher an den Schulbänken. Der Hip-Hip-Sound aus einem Paar Kopfhörern bildet die Titelmelodie zur sogenannten „Spanischstunde“, auch wenn der Spracherwerb hier zweitrangig ist. „Wir kommen zusammen und erzählen uns gegenseitig, wie unsere Leben so laufen, tauschen uns über familiäre Probleme aus, treffen Verabredungen“, beschreibt Rosa das wöchentliche Treffen. Das sei das eigentlich Ziel des Workshops, denn etwa irgendwo gemeinsam ein Fußballspiel zu schauen – jemand ohne Aufenthaltsgenehmigung muss gut überlegen, in welche Bar er dafür geht oder gleich einen gut versteckten Ort suchen.

Nicht nur für sie war die Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA ein ziemlicher Schock. Seit dem Amtsantritt jenes Mannes, der öffentlich immer wieder verspricht, Migrant*innen „zusammenzutreiben“ und „massenweise abzuschieben“ ist das Leben für Fußballfans, Schülerinnen und allen anderen Menschen ohne Papiere noch ein bisschen gefährlicher geworden. Noch gilt in Philadelphia und vielen Teilen des Bundesstaats Pennsylvania: wer regelmäßig zur Schule geht, muss keine Abschiebung fürchten, zumindest bis zum 18. Geburtstag. Doch wie lange noch? Wie viele der 500.000 Migranten aus dem Großraum Philadelphia konkret bedroht sind, sei nur schwer zu ermitteln, sagt die mexikanische Kunsthandwerkerin und Aktivistin Ania Loibe. Dennoch glaubt sie nicht daran, dass dem Gepolter von Trumps Regierung auch wirklich Taten folgen. „Ich denke, sie versuchen nur Angst zu säen. Die Angst allein treibt dann die Menschen zurück oder lässt sie zumindest Pläne für eine Rückkehr machen“, sagt Loibe und macht eine Pause. „Die andere Frage ist: warum bleiben?“

Warum bleiben?

Die Psychologin Kathy Tillman hat darauf eine beunruhigende Antwort. Längst schon ziehe nicht mehr allein der American Dream die Menschen an. Immer mehr trieben auch Bandenkriege, Militarisierungsprozesse und Drogenkartelle in ihren Herkunftsländern die Latinos und Latinas in die USA. „Um ehrlich zu sein, die Situation hat sich weiter verschlechtert. Die Bedrohung durch Gangs und den Menschenhandel hat zugenommen. Das Drama-Level ist hoch“, sagt Tillman. Denn einige Schüler*innen seien bereits älter als 18 und könnten theoretisch abgeschoben werden. Und das komme in einigen Fällen einem Todesurteil gleich. „Manchmal sind sie oder ihre Familien in Gangs verwickelt die sie bedrohen. Bei einer Rückkehr ist es sehr wahrscheinlich, dass sie oder Familienangehörige sterben.“

Offen darüber sprechen will keiner der Jugendlichen am Franklin Learning Center, der staatlichen Vorzeigeschule Philadelphias. Doch Street Art Künstler Rosa bestätigt: Für viele gibt es kein Zurück. Er selbst muss sich darüber keine Gedanken machen, seit ihn seine US-amerikanische Freundin vor zwei Jahren aufs Standesamt führte. Aber dauerhaft in Philadelphia bleiben will Carlos trotzdem nicht: „Irgendwann geh ich sicher wieder in den Süden. Ich fühl mich nicht hundertprozentig wohl hier,“ sagt er und ist sich seiner „bequemen Situation“ dabei durchaus bewusst. „Klar, andere sind zum Arbeiten hier, um ihren Familien Geld zu schicken. Sie haben keine Wahl.“ Ihn dagegen motiviere derzeit vor allem eines in den USA zu bleiben: „andere Latinos zu unterstützen, sich hier ihre Communities zu schaffen.“

Buntes Philadelphia

Autos
Philadelphia ist die fünftgrößte Stadt der USA. Foto: N. Brock

Auch Loibe sieht sich als Helferin. Sie ist Teil einer urbanen Bewegung, die in den letzten Jahren West Philadelphia wiederbelebt hat. Party Rapper Will Smith flüchtete einst aus dem ruppigen Schwarzenviertel nach Bel Air. Ein epischer Fehler. In West Philly gibt es heute bunte Hausprojekte, afrikanische Restaurants und Latino-Clubs. Ania zumindest fühlt sich sehr wohl hier und sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen der Latina Community und der Schwarzenbewegung. „Wir erfahren von den Afro-Americans viel Unterstützung, auch ihr historischer Kampf ist wichtig“, findet Loibe und fügt hinzu: „Rassismus ist in den USA noch immer präsent.“

Und das nicht nur in den Köpfen einiger Rednecks, die in Bettlaken gehüllt um brennende Kreuze tanzen. Nein, heute gehe es eher um die ökonomischen und sozialen Abstiegsängste des Mainstreams. Doch wo erreicht man den gemeinen Pantoffel-Trump am besten? Genau, vor dem heimischen Fernseher. Im Kabelnetz von Philadelphia läuft seit längerem Philly-CAM, ein Community TV, und dort seit Mai 2015 auch ein neues, freches Programm. Atrevete! heißt es und produziert wird die zweisprachige Magazinsendung von Philadelphias Latin@-Community.

Von Beginn an dabei ist auch Ania. „Atrevete! ist unser Baby und Philly-Cam spielte die Geburtshelferin“, beschreibt sie die Anfänge. Inzwischen sind mehr als zehn Sendungen produziert worden. Der Name sei bei Atrevete! dabei immer Progamm: „Trau Dich! Die Mutigen sind die, die sich trauen ihr Land zu verlassen, die vielleicht nie mehr zurück können,“ meint Loibe. Geht es nach ihr, wird Atrevete! dem kollektiven „America First“-Getröte noch lange Paroli bieten, damit in den USA irgendwann wieder über eine Migrationsreform und nicht über den Bau von Mauern geredet wird.

Zu diesem Artikel gibt es auch einen Audiobeitrag, den ihr hier anhören könnt.

CC BY-SA 4.0 Philadelphia atrevete! Latin@s in Zeiten von Trump von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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