100 Jahre Frauenwahlrecht: Und heute?

(Berlin, 1. April 2019, npl).- Trotz der Einführung von Gesetzen zur Gleichstellung von Männern und Frauen, hapert es auch heute noch gewaltig an deren Umsetzung: weltweit verdienen Frauen im Schnitt ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen. Der Anteil der Parlamentarierinnen beträgt global keine 24 Prozent und Mädchen und Frauen leisten durchschnittlich 2,6-mal so viel unbezahlte Reproduktionsarbeit wie ihre männlichen Pendants. Und es gibt sogar Rückschritte: Der 19. Deutsche Bundestag ist der männlichste seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Parlament mit dem höchsten Anteil weiblicher Abgeordneter ist mit Abstand Ruanda. Unter den zehn Ländern mit den meisten weiblichen Abgeordneten befinden sich außerdem Bolivien, Kuba, Nicaragua, Costa Rica und Mexiko. Brasilien und Kolumbien schneiden mit weniger als 20 Prozent Politikerinnen im Parlament eher schlecht ab. Bei den Erhebungen finden oft nur die biologischen, bei der Geburt zugeschriebenen Geschlechter Erwähnung. Transfrauen sind somit oft ausgenommen und die Transsichtbarkeit quasi nicht existent.

Im Gespräch mit Studentinnen und Aktivistinnen aus Kolumbien, Kuba, Ecuador und Costa Rica erhalten wir ganz unterschiedliche Einblicke:

Weibliche Abgeordnete vs. Repräsentation von Frauen

Laura sieht in Kuba keinerlei Probleme in Bezug auf die Geschlechtergleichstellung. Ihrer Meinung nach gebe es keinen Unterschied in der Behandlung von Männern und Frauen in ihrem Heimatland. Das kubanische Parlament verfügt über den zweithöchsten Anteil weiblicher Abgeordneter weltweit, trotzdem bleibt die Frage offen, wie repräsentativ die Zahlen wirklich sind und welche Positionen Frauen innehaben. In der Mehrzahl der Fälle sind Frauen immer noch in unteren politischen Rängen zu finden und nur wenige sind in der Führungsebene anzutreffen.

Itayosara Rojas, Aktivistin aus der kolumbianischen Großstadt Medellín, erklärt, dass das Hauptproblem darin liege, dass die Politik immer noch vorwiegend von maskulinen Ideen und Menschen geprägt werde. Es gibt zwar mittlerweile fast überall in Lateinamerika Quotengesetze, die Frauen Positionen im öffentlichen Dienst und in politischen Ämtern zusichern, trotzdem wird ihrer Meinung nach keine Politik für Frauen gemacht und auch die Umsetzung der Quotenregelung beschreibt sie als unzureichend. Die Aktivistin aus Medellín führt weiterhin aus, dass die Umstände in Kolumbien auf mehreren Ebenen diskriminierend seien. Zwischen dem weiblichen Geschlecht und Armut gebe es einen klaren Bezug, erklärt sie. Auch Arbeitslosigkeit treffe am meisten die Frauen. Obwohl sie in der Regel bessere Ausbildungsabschlüsse vorweisen können, sind ihre Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt limitiert und meist sind sie gezwungen Arbeiten anzunehmen, die schlecht bezahlt und intellektuell wenig fordernd sind.

Intersektionalität – Geschlecht allein ist nicht entscheidend

Am schwersten betroffen von Diskriminierung sind laut Rojas, Frauen aus den ländlichen Regionen, diese würden auf drei Ebenen diskriminiert: Erstens, weil sie Frauen sind. Zweitens, weil sie aus dem ländlichen Raum kommen und dies im Kontrast steht zum urbanen Raum, wo Entscheidungen getroffen werden und Drittens, wegen des bewaffneten Konfliktes in den ländlichen Gebieten Kolumbiens.

Auch Jimena, Studentin des interkulturellen Konfliktmanagements an der Alice-Salomon Hochschule in Berlin, berichtet, dass Geschlecht allein nicht darüber entscheidet, ob eine Person in die öffentliche Diskussion eingebunden wird oder nicht. Für die Ecuadorianerin haben auch andere Parameter, wie Herkunft, Hautfarbe, Ethnie und Religion einen maßgeblichen Einfluss auf den Stellenwert einer Person in der Gesellschaft. Je nach Ort kann diese Ausprägung variieren, jedoch besonders von Diskriminierung betroffen seien indigene Frauen, die im ländlichen Raum leben. Deshalb ist es für die Studentin aus Ecuador von großer Bedeutung, das Konzept der Intersektionalität als Grundlage der Analyse gesellschaftlicher Ungleichbehandlung zu verstehen. Intersektionalität ermöglicht die Sichtbarmachung sich überschneidender Diskriminierungsformen, indem sie Personen in ihrer Gänze wahrnimmt und diese nicht auf einzelne Faktoren, wie Hautfarbe oder Geschlecht beschränkt. Geschlechtszugehörigkeit spielt dabei eine wichtige Rolle, sollte jedoch immer im gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden, da sich die Identität einer Person nicht darauf reduzieren lässt.

Erste Transfrau zur Wahl als Abgeordnete in Costa Rica aufgestellt

Dayana Hernández kandidierte 2017 als Abgeordnete für das costa-ricanische Parlament. Dies war eine Sensation, denn sie war die erste Transfrau, die ein politisches Mandat anstrebte und gute Chancen hatte, dieses auch zu erlangen. Am Ende reichte es leider nicht ganz, trotzdem hat sie es geschafft, dass Transidentitäten sichtbarer werden und mehr über Trans*rechte berichtet wird. Sie beschreibt sich selbst als „schon immer sehr politisch“. Für sie war es ein langer Weg und vor allem einer voller Widrigkeiten. Doch die Powerfrau ließ sich nicht davon beirren. Mit viel Willen und Unterstützung ihrer Mitstreiter*innen und ihrer Familie setzt sie sich seit mehr als zehn Jahren für die Rechte von Trans*personen ein. Sie selbst hat ihren Lebensunterhalt über mehrere Jahre als Sexarbeiterin verdient, auf einem Straßenstrich in San José, Costa Rica, wo sie und andere Transfrauen regelmäßig transphoben und misogynen Attacken ausgesetzt waren. Auch heute kommt es vor, dass sie aufgrund ihrer Geschlechtsidentität beleidigt wird. Es geht ihr vor allem darum, dass Transfrauen wie biologische Frauen behandelt werden und überhaupt erst einmal Zugang zu Bildung und dem legalen Arbeitsmarkt bekommen.

Erweiterung der Sustainable Development Goals notwendig?

„Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen“ ist eines der wichtigsten Vorhaben für eine nachhaltige Entwicklung. Denn so gut wie alle anderen 16 Nachhaltigkeitsziele bauen auf der Gleichstellung der Geschlechter auf: Zum Beispiel inklusive und gerechte Bildung, Ungleichheit verringern und Städte und Siedlungen inklusiv, widerstandsfähig und nachhaltig zu machen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Ohne die Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen, kann auch keine nachhaltige Entwicklung erfolgen. Dabei ist es jedoch wichtig, das Konzept der Intersektionalität zu berücksichtigen, denn eine weiße, heterosexuelle cis-Frau, also eine Frau, die sich mit ihrem zur Geburt zugeschriebenen biologischen Geschlecht identifiziert, verfügt über andere Privilegien und Diskriminierungserfahrungen, als eine Transfrau of Color aus Lateinamerika. Oft sind Trans*personen immer noch ausgeschlossen in der Gesetzgebung vieler Länder. Sie werden gezwungen, sich mit ihrer biologischen Geschlechtsidentität zu identifizieren und wenn sie dies verweigern, sind Repression und Exklusion aus der Gesellschaft häufig die Folge. Ein erster Schritt wäre, wenn die internationale Gemeinschaft anerkennt, dass Trans*personen die gleichen Rechte haben, wie cis-Personen.

 

Zu diesem Text gibt es auch einen Audio-Beitrag.

CC BY-SA 4.0 100 Jahre Frauenwahlrecht: Und heute? von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert