Impfplan lässt Situation von Indigenen außer Acht

Sowohl Informationen über als auch die Impfungen selbst erreichen indigene Bevölkerungsteile kaum / Foto: Servindi

(Lima, 21. Juni 2021, Servindi).- Obwohl 43 Prozent der guatemaltekischen Bevölkerung indigenen Gemeinschaften angehören, konzentriert sich die Impfkampagne gegen Covid-19 in dem zentralamerikanischen Land auf die ladinische* und urbane Bevölkerung.

Laut Daten des guatemaltekischen Gesundheits- und Sozialministeriums (MSPAS) sprechen 85,5 Prozent der bis Mai 2021 geimpften Personen Spanisch, nur 14,4 Prozent hingegen identifizierten sich durch eine indigene Sprechergemeinschaft. Unter diesen hatten bisher vor allem K’iche’- (3,6 Prozent), Kaqchikel- (2,7 Prozent) und Mam-Sprechende (1,7 Prozent) Zugang zu den Impfstoffen. Obwohl diese Statistiken vor allem die Sprachen der in Guatemala Geimpften hervorheben, zeigen andere Daten, dass es auch die Provinzen Sololá, Alta Verapaz und Totonicapán mit hohen Bevölkerungsanteilen Indigener sind, die bezüglich der Impfungen bisher am schlechtesten versorgt worden sind.

Ursache liegt in der landesweiten Impfstrategie

Dass nicht alle Bevölkerungsgruppen in Guatemala Zugang zu den Impfungen haben, lässt sich auf die Registrierung für ebendiese zurückführen, die ausschließlich online und auf Spanisch möglich ist. Die Politikwissenschaftlerin Sofia Montenegro vom Forschungsinstitut Diálogos führt an, dass das MSPAS sich nicht darum bemüht hätte, eine ordnungsgemäße Registrierung der Impfwilligen durchzuführen, da diese die ethnische Identifikation nicht berücksichtigt hatte, indem lediglich nach der Sprache gefragt wurde. „Dieses Versäumnis erlaubt es uns nicht festzustellen, wie viele Menschen indigener Herkunft geimpft werden. Es besteht aber eine sehr starke städtische Tendenz“, zitierte ein Bericht von La Red Noticias Montenegro kürzlich.

Die indigene Anführerin und Mitglied in der Nationalen Bewegung der Weberinnen, Angelina Aspuac, weist darüber hinaus auf den mangelnden Zugang zu Informationen hin, den die Menschen in den ländlichen Gebieten haben. Das Gesundheitsministerium bemühe sich nur wenig darum, abgelegenere Gemeinden zu erreichen. Sie erklärt: „Die abgelegenen Gemeinden, die Dörfer und Weiler, die mit Fahrzeugen nicht erreichbar sind, haben auch keinen Zugang zu den Impfungen. Der Staat arbeitet nicht für die gesamte Bevölkerung.“ Weiterhin erwähnt sie, dass sich ihre Arbeit auf die Frauengemeinschaften in Sacatepéquez konzentriere. Und obwohl diese relativ nahe der Hauptstadt liegen, erreichen die Informationen sie nicht.

Vorwurf des staatlichen Rassismus

Für Sonia Gutiérrez, Abgeordnete der Partei Winaq, gibt es keine andere Erklärung dafür als eine rassistische, da von Beginn an die Forderung laut geworden war, beim Impfplan die kulturelle Zugehörigkeit und die Maya-Sprachen zu berücksichtigen. Sie argumentiert, dass sich darin besonders der Rassismus des Staates widerspiegele, denn die Frage der indigenen Gemeinschaften werde bis zuletzt aufgeschoben. Sie werde nicht einmal in den Blick genommen und es gebe auch keinerlei Willen, entsprechende Wege zu finden, um diese Gemeinschaften zu versorgen. Deshalb sei eine Informationskampagne dringend notwendig, die über die sozialen Netzwerke hinausgehe. Die Abgeordnete fügt hinzu: „Zusätzlich zum Einsatz alternativer Medien oder Gemeinschaftsradios sollte das Ministerium mit allen Institutionen zusammenarbeiten, die es ermöglichen, wahrheitsgemäße und objektive Informationen in den Sprachen der indigenen Gemeinden zu verbreiten. Dies könnte mit Hilfe der Akademie für Maya-Sprachen und zweisprachigem Lehrpersonal erfolgen.“

Neben einer Kommunikationskampagne in den Maya-Sprachen sollte nach Ansicht von Angelina Aspuac die Priorität auf den Maßnahmen der Gesundheitszentren liegen. „Früher kamen sie zu uns Kindern nach Hause, um uns zu impfen. Das ist eine sinnvolle Strategie, wenn man bedenkt, dass nicht jeder Zugang zu einem Smartphone und Internet hat. Wenn der Staat wirklich alle vor dieser Krankheit schützen wollte, hätte er bereits ein Aufgebot an Gesundheits- und Krankenpfleger*innen in die Gemeinden geschickt und die Menschen in ihrem Zuhause impfen lassen, so wie es früher schon gemacht wurde.“

Tatsächlich haben Gesundheitsbehörden in anderen Ländern mit großen indigenen Bevölkerungsanteilen auf diese Weise Covid-19-Impfungen durchgeführt. In Kolumbien etwa schickten die Behörden eine Charge von Impfstoffen in die Amazonas-Provinz, um dort die gesamte Bevölkerung zu impfen. „Jedes Mal sagen wir den Ministerium wieder, dass es eine territoriale Strategie für die Impfung geben muss und die Gebiete, in denen die Inzidenz höher ist, Priorität haben sollten. Die Diskriminierung ist daran zu erkennen, dass die Mehrheit der geimpften Menschen in Guatemala ladinisch ist, weil eine solche Strategie nicht existiert.“

* In Zentralamerika werden spanischsprachige Mestiz*innen als ladinos/ladinas bezeichnet. Der Begriff stammt aus der Kolonialzeit, um eine Bevölkerungsgruppe zu beschreiben, die weder der kreolischen Elite noch indigenen Gemeinschaften angehörte.

Übersetzung: Miriam Blaimer

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