Cannabis, Gesundheit und Drogenhandel

Auf der Expo Cannabis in Montevideo gibt es eine Einführung in den Cannabis-Anbau. Foto: Karl-Ludolf Hübener

(Montevideo, 19. Juni 2020, npla).- Anfang der 70er Jahre erklärte der damalige US-Präsident Richard Nixon Drogen zum öffentlichen Feind Nr. 1. Lateinamerika stand fortan im Fokus von Repression und Gewalt. Doch der Krieg gegen die Drogen ist gescheitert. 2013 hat die linke Regierung der „Frente Amplio“ in Uruguay einen anderen Weg eingeschlagen: Ihr ist es zu verdanken, dass Uruguay als erster Staat auf der Welt Cannabis legalisierte.

Seitdem lockt alljährlich im Dezember die „Expo Cannabis“ in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, Tausende von Besucher*Innen an. Die meisten sind unter 30. Viele kommen auch aus den Nachbarländern, wo der Stoff nach wie vor strikt verboten ist. Einige Messebesucher*innen tragen eingetopfte grüne Pflanzen mit lanzettförmigen Blättern vor sich her – wie Trophäen. Sie kommen aus dem Workshop „Einführung in den Cannabis-Anbau“. Dort hat der Kursleiter gezeigt, wie man mit einer Spezialschere vorsichtig die Blüten aus der Pflanze herausschneidet.

Blüten schneiden auf der „Expo Cannabis“

Im Dezember 2013 hatte Uruguay weltweit Aufsehen erregt. Das kleine Land war der erste Staat auf der Welt, der Cannabis vollständig legalisiert und reguliert hatte, vom Anbau bis zum Vertrieb und Verkauf. Die neue Drogenpolitik verschob den Fokus von Repression und Gefängnis auf Menschenrechte und Gesundheit. Und erteilte dem gewaltgeprägten „Krieg gegen Drogen“ eine Absage.

Anfang der 70er Jahre erklärte der damalige US-Präsident Richard Nixon Drogen zum öffentlichen Feind Nr.1. Das hieß fortan „Krieg gegen Drogen“. Schlachtfeld ist bis heute vor allem Lateinamerika. Er hat seitdem Abermilliarden verschlungen, unzählige Menschenleben gekostet und Politik und Politiker*innen korrumpiert. Doch das lukrative illegale Geschäft mit Drogen boomt weiter. Die Drogenkartelle sind mächtiger denn je. Die Gewinnspannen suchen ihresgleichen; die Schäden ebenso.

Drogenhandel schlimmer als Drogensucht

„Im Jahr 1985 gab es schätzungsweise 1500 Konsument*innen von Marihuana, heute sind es 150.000 in meinem Land. Wir haben viele Leute hinter Gitter gebracht. Wir haben also viel Geld in die Repression gesteckt“, zog José „Pepe“ Mujica eine Bilanz. Er war von 2010 bis 2015 Präsident Uruguays. Er fügte hinzu: „Schlimmer als die Drogensucht ist der Drogenhandel. Viel schlimmer!“

Marihuana macht den Löwenanteil des Drogenkonsums in Uruguay aus. Der vorwiegend aus Paraguay geschmuggelte Stoff ist nicht selten mit Neopren, Teer, Hundefutter, Exkrementen, Agrogiften oder Ammoniak gestreckt. Eine Gefahr für die Gesundheit der Kiffer.

Kiffen, ohne die Gesundheit zu schädigen

Gewächshaus im Cannabis-Club „Tu Cultura“. Foto: Karl-Ludolf Hübener

Demonstrationen für eine Legalisierung von Marihuana werden im Laufe der Jahre in der Hauptstadt Montevideo immer größer. Vor allem seit 2005 die Linke die Regierung stellt. Mujica will nicht länger zusehen, wie sich der illegale Markt und Drogenhandel weiter ausbreiten. Während seiner Regierung wird die Legalisierung in Angriff genommen. Im Dezember 2013 ist es soweit. Der uruguayische Kongress stimmt dem Cannabis-Gesetz zu. Milton Romani wird bis 2016 als Chef der Nationalen Drogenbehörde in Uruguay amtieren. Er erklärt, wie das Gesetz den Zugang zum Stoff regelt: „Es gibt drei Zugänge. Den Anbau von bis zu sechs Pflanzen für den persönlichen Gebrauch, pro Haushalt und nicht pro Person.“ Dann gebe es noch den Zugang über einen Club von 15 bis zu 45 Personen, die in einer Kooperative organisiert sind. Der dritte Zugang bestehe aus einem Netz von Apotheken. Die Zugänge „schließen sich gegenseitig aus. Das heißt, wenn du selbst anbaust, kannst du nicht Mitglied in einem Club werden oder Cannabis in einer Apotheke kaufen.“

Weit über 40.000 Konsument*innen haben sich in Uruguay inzwischen offiziell registrieren lassen. Der Stoff kommt aus dem eigenen Garten oder aus Pflanzungen von über 100 Cannabis-Clubs. Die meisten decken ihren Bedarf jedoch in Apotheken. 10 Gramm pro Woche stehen jedem zu. „Sie können ihre Ration rauchen, ohne dass es ihre Gesundheit schädigt“, unterstreicht „Pepe“ Mujica. Denn Cannabis für Apotheken wird unter staatlicher Aufsicht von privaten Firmen produziert. Der Joint aus der Apotheke ist garantiert nicht gepanscht. Und verhilft so dem Recht auf Gesundheit zur Geltung.

„Nichts mit Laisser-faire zu tun“

Dennoch blieb Kritik am Gesetz nicht aus. Es hieß, der Drogenkonsum würde angeheizt. Milton Romani wiegelt ab: „Es ist ein Verständnis von Konsum, das nichts mit ‚Laisser-faire‘ zu tun hat,

Legale Ration aus der Apotheke: Cannabis in Uruguay. Foto: Karl-Ludolf Hübener

auch nicht mit ‚nun können wir die Sau rauslassen‘.“ Das sei anders als in einigen US-Bundesstaaten, wo Cannabis legalisiert, aber nicht reguliert wurde und weiter gemixt und gepanscht werden könne. Dort sei es ein Geschäft zwischen Privaten. Die einen produzieren und vermarkten, andere wiederum kaufen Cannabis. Bei der Kontrolle dieser Kette ist der Staat nicht sonderlich präsent. Ein freier nicht regulierter Markt sei für Uruguay keine Option gewesen, betont Romani. Im Vordergrund stünden Schadensbegrenzung und vor allem die Gesundheit der Konsument*innen. Und nicht das große Geld. „Das uruguayische Modell ist kein freier Markt“ erklärt Romani: „Der Preis wird vom Staat festgelegt. Werbung ist nicht erlaubt, auch keine Konkurrenz zwischen verschiedenen Marken und Produkten.“

Eine erste Bilanz der neuen Drogenpolitik zieht Diego Olivera. Er ist Nachfolger von Milton Romani. Gesundheitspolitisch sei die Drogenpolitik der linken Regierung ein Erfolg. Doch dann räumt er ein: „Der illegale Markt ist geschwächt, aber er besteht noch immer. Bei Razzien werden immer wieder Drogen beschlagnahmt, vor allem Marihuana, das aus dem Ausland geschmuggelt wird.“ Vor allem aus Paraguay. Von dort kommen 90 Prozent des Stoffs, der insgesamt in der Region konsumiert wird.

„Pasta base“ statt Marihuana

Das Gesetz gilt für alle Konsumenten ab 18 Jahren – ein Fehler, wie manche meinen. Denn das heißt: die Jüngeren sind weiterhin auf den Schwarzmarkt angewiesen. Dort sind auch noch andere Drogen im Angebot. „Hier in Uruguay passiert folgendes: wenn es kein Marihuana gibt, bietet der Drogenhändler „pasta base“ an“ beklagt Pepe Mujica: „Dann haben wir es allerdings mit so etwas wie einer Vergiftung zu tun“.

„Pasta base“ ist in anderen Ländern auch unter dem Namen Crack bekannt. Es ist ein Abfallprodukt der Kokainherstellung. Manchmal wird auch Benzin, Koffein und Phenacetin zugemischt. Pasta base ist billiger und schneller wirksam als andere Drogen. Der Rausch ist kürzer, verursacht eine starke und schnelle Abhängigkeit.

Der Verkaufsplatz der Dealer wird „boca“ genannt, übersetzt: Mund oder Schlund. Das kann ein Hauseingang, ein verwildertes Grundstück oder auch eine armselige Hütte sein. Auch der 22-jährige Nicolás hat sich dort früher seine pasta base geholt. Er ist inzwischen von seiner Sucht geheilt. Früher, das sei Leben mehr gewesen: „Pasta base zerstört dich. Es gibt dir einen Moment des ´high seins‘, aber letzten Endes ist es fürchterlich. Das sage ich aus eigener Erfahrung. Du schmeißt alles hin, verkaufst alles, endest als kleiner Gauner. Du scheißt drauf, ob die Wohnung schmutzig oder sauber ist.“

Kriminalität und Gewalt wurden nicht eingedämmt

Ein weiteres Manko der bisherigen Drogenpolitik: Apotheken, die Marihuana anbieten, gibt es in den Armenvierteln nicht. Gepanschtes Cannabis und pasta base sind dann oft die einzige Alternative. „Hört gut zu, was ich euch zu sagen habe: Viele Kinder verlieren sich auf der Straße. Wie viele Mütter leiden doch, weil ihre Kinder Drogen nehmen. Und ganz allmählich ihr Leben auslöschen.“, reimt der Hiphopper Don Cony aus dem Armenviertel Borro in Montevideo. Ein Labyrinth von unbefestigten Wegen, staubig im Sommer, nicht selten voller Schlamm im Winter, führt in und durch das Viertel. Abwässer fließen entlang der Wege.

In den ärmeren Vierteln Montevideos kommt es immer häufiger zu Schusswechseln zwischen rivalisierenden Drogenbanden. Eigentlich sollten mit dem Cannabis-Gesetz auch Kriminalität und Gewalt eingedämmt werden. Doch diese Erwartung hat sich nicht erfüllt. Immer mehr kleine Dealer landen hinter Gittern. Vor allem arbeitslose, oft alleinerziehende Frauen, die in der Droge einen rettenden Strohhalm sehen. „Der Kleinhandel liegt vor allem in Händen von Frauen“, sagt Diego Olivera: „Sie trifft es am meisten, wenn es zu Strafen und Gefängnis kommt. Und nicht nur sie leiden dann, sondern die ganze Familie.“

Alle Drogen legalisieren und regulieren?

Die Expo Cannabis zieht Tausende von Besucher*Innen an. Die meisten sind unter 30. Foto: Karl-Ludplf Hübener

Um Gewalt und Drogenbanden wirkungsvoller zu bekämpfen, bedarf es wohl einer umfassenderen Drogenpolitik. Die sollte sich nicht nur auf eine so genannt sanfte Droge wie Marihuana beschränken. „Wir schlagen vor, alles Punkt für Punkt zu überprüfen, denn man kann nicht alles über einen Kamm scheren“ meint Florencia Lemos von der NRO „Pro Derechos”: „Nicht alle Substanzen sind gleich, auch nicht die Menschen, die sie konsumieren.“ Sie hat schon früher angedeutet, was ihr Kollege Martin Collazo offen sagt: Eigentlich müssten alle Drogenmärkte reguliert werden. Beispielsweise auch der illegale Kokainhandel. Dann würde auch der Konsum von pasta base weniger problematisch sein. Das hieße weniger Strafen und wohl mehr Gesundheit.

Doch dafür wäre eine gemeinsame grenzüberschreitende Drogenpolitik in Südamerika erforderlich. Dort überwiegen allerdings konservative und reaktionäre Regierungen. Sie schwimmen im politischen Fahrwasser der USA und machen beim „Krieg gegen Drogen“ mit. Und Washington wird diesen Vorwand für Interventionen nicht so ohne weiteres aus der Hand geben.

„Schluss mit der Repression!“

Seit März dieses Jahres regiert auch in Montevideo eine rechtskonservative Regierung. Sie hat versprochen, das Cannabis-Gesetz nicht zu kippen, will aber auf keinen Fall Legalisierung und Regulierung auf andere Drogen ausweiten, sondern setzt auf Repression. Doch damit ist Don Cony keineswegs einverstanden: „Schluss mit der Repression! Wir leben doch nicht mehr in der Diktatur!“

Zu diesem Artikel gibt es auch einen Podcast bei Radio onda.

CC BY-SA 4.0 Cannabis, Gesundheit und Drogenhandel von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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