Lateinamerikas Schwenk zur extremen Rechten

Keiko Fujimori nach ihrem knappen Wahlsieg in Peru. Foto: Dikilucario via wikimedia commons, CC BY-SA 4.0.

(Madrid, 27. Juni 2026, El Salto).- Im letzten Jahrzehnt haben sich in der Region konservative Regierungen mit ultraliberaler Ausrichtung und MAGA-Ästhetik etabliert. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch wirtschaftliche Unzufriedenheit, politische Polarisierung und den Niedergang linker Parteien.

Den Anfang machte Nayib Bukele mit seiner autoritären Regierungsführung in El Salvador. Es folgte Javier Milei in Argentinien, der mit seiner symbolträchtigen Kettensäge für einen radikalen Sparkurs steht, bei dem Rechte beschnitten und öffentliche Dienstleistungen drastisch gekürzt werden. Wenig später kam Daniel Noboa in Ecuador an die Macht – mit dem Ziel, das Land unter dem Vorwand der Kriminalitätsbekämpfung zu militarisieren. In Bolivien hat Rodrigo Paz Kürzungen sowie Steuersenkungen für Wohlhabende und Unternehmen zu seinem politischen Markenzeichen gemacht. In Chile präsentiert sich José Antonio Kast, Sohn eines Nazi-Offiziers, der seine Identität verschleierte, um der Justiz zu entgehen, als überzeugter Pinochet-Anhänger und will die ultraliberale Umgestaltung der chilenischen Wirtschaft vollenden. Und Nasry Asfura ist nicht nur Präsident von Honduras, sondern taucht auch in den Pandora Papers auf. Gegen ihn stehen Vorwürfe der Korruption und der Veruntreuung öffentlicher Gelder im Raum.

Seit 2019 bewegt sich Lateinamerika zunehmend nach rechts. Konservative Regierungen sind in mehreren Ländern an die Macht gekommen und haben das politische Gleichgewicht einer Region verändert, die im vergangenen Jahrzehnt überwiegend von linken Kräften geprägt war. Die jüngsten Beispiele für diese Entwicklung sind Peru und Kolumbien: In Peru erklärte sich Keiko Fujimori mit einem Vorsprung von knapp 43.000 Stimmen zur Siegerin der Präsidentschaftswahl, während in Kolumbien Abelardo de la Espriella die Stichwahl um das Präsidentenamt gewann.

Wirtschaftskrise, Populismus und der Niedergang der Linken

Auch wenn jedes Land seine eigenen politischen Dynamiken und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hat, die den Richtungswechsel erklären, lassen sich mehrere gemeinsame Faktoren erkennen. DDazu gehören die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung, die zunehmende Entfremdung von der Politik, der Ansehensverlust linker Regierungen, die in vielen Ländern zuvor an der Macht waren, sowie die Verlagerung des politischen Diskurses auf Themen wie Sicherheit, organisierte Kriminalität und Inflation. Hinzu kommt der Aufstieg populistischer Führungspersönlichkeiten, die einfache und schnelle Lösungen für komplexe Probleme versprechen. Ein weiteres verbindendes Element ist die Orientierung an der Ideologie und Inszenierung von Donald Trumps „MAGA“-Bewegung in den USA – mit Forderungen nach Steuersenkungen und dem Versprechen, Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen.

Bereits vor einigen Jahren veröffentlichte die Zeitschrift „Electoral Studies“ eine Studie, die einen klaren Zusammenhang zwischen Kriminalitätsraten und Wahlverhalten in lateinamerikanischen Ländern wie El Salvador oder Honduras feststellte. Dies verdeutlicht, wie rechtsextreme Politiker*innen das Thema der öffentlichen Sicherheit nutzen, um Wähler*innenstimmen zu gewinnen. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch der jüngste UNDP-Bericht zur Region, der im Mai veröffentlicht wurde. Darin heißt es, dass die politische Polarisierung inzwischen ein Ausmaß erreicht habe, bei dem der demokratische Wettbewerb zunehmend durch die Konfrontation unversöhnlicher Lager ersetzt werde. Zugleich warnt die Organisation vor einem Klima wachsender politischer Gewalt, schwindenden Vertrauens in staatliche Institutionen und einer zunehmenden Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Demokratie als Regierungsform.

In ihrer Analyse der Wahlen in Lateinamerika im Jahr 2026 betonen die Wissenschaftler Carlos Malamud und Rogelio Núñez des Real Instituto Elcano jedoch, dass es nicht ausreicht, von einer einzigen „rechtsgerichteten Welle“ zu sprechen. Vielmehr sei die Entwicklung das Ergebnis unterschiedlicher nationaler Dynamiken und regionaler Faktoren. Protestwahlen sowie die Suche nach Stabilität und Ordnung hätten zwar in mehreren Ländern rechten Parteien Auftrieb verliehen, daraus lasse sich jedoch kein einheitliches politisches Muster für ganz Lateinamerika ableiten.

 „Lateinamerika steckt in der Falle der mittelmäßigen Demokratien.“

Der argentinische Politikwissenschaftler Andrés Malamud vertritt seit Jahren die Ansicht, dass Lateinamerika heute weniger von ideologischer Polarisierung als vielmehr von einer tiefen Repräsentationskrise geprägt ist. Seiner Ansicht nach ist der politische Wandel vor allem auf den Zerfall der traditionellen Parteiensysteme und auf Proteststimmen gegen die jeweiligen Amtsinhaber zurückzuführen – nicht auf eine nachhaltige Konsolidierung der politischen Linken oder Rechten: „Bei acht von zehn der jüngsten Wahlen haben Kräfte gesiegt, die ein Jahrzehnt zuvor noch gar nicht existierten“, erklärt er und fügt hinzu, dass „mehr als die Hälfte der im 21. Jahrhundert gegründeten Parteien in Lateinamerika, die einen Präsidenten oder eine Präsidentin stellten, bereits wieder verschwunden sind“.

„Lateinamerika steckt in der Falle der mittelmäßigen Demokratien“, meint Malamud. Er ist der Meinung, die Demokratie fungiere lediglich als Mittel zum Austausch von Eliten und nicht als System, das die Regierungsführung verbessere. Das verschärfe die Legitimationskrise und beschleunige den politischen Verschleiß gewählter Regierungen. „Wir werden von Menschen regiert, die darauf nicht vorbereitet waren“, meint er, sagt aber auch: „Was uns in Lateinamerika widerfährt, geschieht auch im Westen. Das passiert nicht nur uns.“

El Salvador: Das autoritäre Modell, dem andere Länder folgen wollen

El Salvador gilt als der deutlichste Ausdruck der Machtkonzentration, die den Rechtsruck in Teilen Lateinamerikas begleitet. Nayib Bukele kam 2019 an die Macht und hat seine politische und institutionelle Stellung seither kontinuierlich ausgebaut – bis hin zur Aufhebung der Begrenzung seiner Amtszeit. Sein Vorzeigeprojekt ist der gnadenlose Krieg gegen die kriminellen Banden des Landes, der jedoch mit schwerwiegenden Eingriffen in Grund- und Freiheitsrechte einhergeht.

Seit 2022 hält die salvadorianische Regierung im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die Bandenkriminalität den Ausnahmezustand aufrecht. Damit sind bestimmte verfassungsmäßige Garantien ausgesetzt – eine Maßnahme, die das Parlament mehrfach verlängert hat. Diese Politik hat die Mordrate im Land deutlich gesenkt, doch verschiedene internationale und Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder die UNO haben Massenverhaftungen, mangelnde Rechtsgarantien und die immense Machtkonzentration in den Händen der Regierung kritisiert.

Dennoch gilt das salvadorianische Modell inzwischen vielen Staats- und Regierungschefs in Lateinamerika als Vorbild. Mehrere Regierungen – darunter die ecuadorianische – haben versucht, ähnliche Maßnahmen umzusetzen und den politischen Schwerpunkt auf Sicherheit und öffentliche Ordnung zu legen.

Argentinien: Der Wendepunkt

Als Javier Milei Ende 2023 das Präsidentenamt übernahm, befand sich Argentinien in einer schweren Wirtschaftskrise mit einer anhaltend hohen Inflation. Im Wahlkampf versprach er einen radikalen Bruch mit dem bisherigen Wirtschaftsmodell. Er kündigte massive Kürzungen der Staatsausgaben, eine „Dollarisierung“ der Wirtschaft sowie eine weitreichende Privatisierung öffentlicher Unternehmen und Dienstleistungen an. Gleichzeitig positionierte er sich mit scharfer Kritik gegen das politische Establishment und den staatlichen Interventionismus. Drei Jahre später ist die Arbeitslosenquote in Argentinien von 5,7 auf nahezu 8 Prozent gestiegen. Die Inflation, deren Bekämpfung eines seiner zentralen Wahlversprechen war, liegt weiterhin bei mehr als drei Prozent.

Zu Mileis Wahlsieg trugen auch die Schwäche des Peronismus – verkörpert durch den ehemaligen Präsidenten Alberto Fernández – sowie die zunehmende Zersplitterung der traditionellen Mitte-links-Bündnisse bei. Ähnliche politische Verschiebungen waren seither auch in anderen Ländern Lateinamerikas zu beobachten, wobei rechte Parteien ihre Wähler*innenbasis deutlich ausbauen konnten.

Ecuador: Fortsetzung der harten Linie

In Ecuador bestätigt die Wiederwahl von Daniel Noboa die konservative Wende in Lateinamerika. Er wurde 2025 vor dem Hintergrund einer eskalierenden Gewaltkrise wiedergewählt, die vor allem mit organisierter Kriminalität und Drogenhandel in Verbindung gebracht wird. Wie zuvor in El Salvador dominierte das Thema Sicherheit den Wahlkampf. Noboa versprach ein konsequentes Vorgehen gegen die Kriminalität und stellte Stabilität in den Mittelpunkt seiner Kampagne. Nach seinem Amtsantritt konzentrierte sich die politische Debatte auf Fragen der inneren Sicherheit und der staatlichen Kontrolle über das Staatsgebiet.

Die Wahlen fanden zudem in einem Klima starker politischer Polarisierung und eines zunehmend zersplitterten Parteiensystems statt, was die politische Instabilität des Landes weiter verschärfte. Auf die Regierung des Sozialisten Rafael Correa und seine „Bürgerrevolution“ folgte zunächst Lenín Moreno mit einer deutlich neoliberalen Agenda. Anschließend setzte der konservative Präsident Guillermo Lasso diesen wirtschaftspolitischen Kurs bis zum Amtsantritt Noboas fort.

Bolivien: Instabilität nach 20 Jahren Evo Morales

Bolivien zählt zu den komplexesten Fällen des politischen Richtungswechsels in Lateinamerika. Mit den Parlamentswahlen im August 2025 begann für das Land eine neue politische Phase nach fast zwei Jahrzehnten der Vorherrschaft der „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS), die lange von Evo Morales und Jorge Quiroga geprägt worden war. 2019 wurde Morales nach umstrittenen Wahlen und massiven Protesten zum Rücktritt gezwungen. Ihm waren Unregelmäßigkeiten bei der Präsidentschaftswahl vorgeworfen worden. In der darauffolgenden Übergangsphase übernahm die liberal-konservative Jeanine Áñez für ein Jahr die Regierungsgeschäfte.

2020 gewann Luis Arce (MAS) die Wahlen. Obwohl seine Partei sowohl die Regierung als auch die Mehrheit im Parlament stellte, führten zunehmende Spannungen zwischen Arce und Morales dazu, dass sich das Regierungslager schrittweise spaltete. Im Wahlkampf 2025 standen schließlich vor allem die wirtschaftliche Krise infolge der Devisenknappheit sowie die Proteste großer Teile der indigenen Bevölkerung gegen die Entscheidung des bolivianischen Verfassungsgerichts im Mittelpunkt, Evo Morales von einer erneuten Kandidatur auszuschließen.

Peru und Kolumbien: Wahlsiege mit hauchdünnem Vorsprung

Auch die jüngsten Präsidentschaftswahlen in Peru und Kolumbien fügen sich in die konservative Entwicklung der Region ein. In beiden Ländern entschied jedoch weniger als ein Prozentpunkt über den Wahlausgang.

In Peru erhielt die rechtsgerichtete Kandidatin Keiko Fujimori, die bereits zum vierten Mal für das Präsidentenamt kandidierte, in der Stichwahl 50,11 Prozent der Stimmen. Ihr linker Herausforderer Roberto Sánchez kam auf 49,88 Prozent. Sánchez beantragte wenige Tage nach der Wahl erfolglos die Annullierung der Stimmen der im Ausland lebenden Peruaner*innen, da er von Wahlbetrug ausgeht. Er kritisierte insbesondere, dass die Konsulate nicht verpflichtet sind, die Ergebnisse der Auslandswahl digital zu übermitteln und die Wahlprotokolle unmittelbar nach Lima zu schicken. Der Vorsitzende der Partei Juntos por el Perú kündigte bereits an, die Regierung Fujimoris nicht anzuerkennen.

In Kolumbien ging der Sieg in der Stichwahl an Abelardo de la Espriella mit 49,6 Prozent der Stimmen gegenüber 48,7 Prozent für Iván Cepeda.

Wie bereits in Ecuador und El Salvador stand auch bei de la Espriellas Wahlkampf das Thema Sicherheit im Mittelpunkt. Er kündigte ein härteres Vorgehen gegen organisierte Kriminalität und Drogenhandel an und versprach zugleich, den Staat zu verkleinern sowie die öffentlichen Ausgaben zu senken.

Nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses gingen Tausende Menschen in Städten wie Bogotá und Cali gegen den Wahlsieg de la Espriellas auf die Straße. Der ehemalige Präsident Gustavo Petro rief seine Anhänger zwar zur Ruhe auf, vermied es jedoch zunächst, das Wahlergebnis unmittelbar anzuerkennen.

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