Karibik Lateinamerika

Privatisierung von Bildung in Lateinamerika und der Karibik: Tendenz steigend


Schwächung des öffentlichen Sektors

Die „Kartierung der Privatisierungstrends der Bildung in Lateinamerika und der Karibik“ zeigt, dass nicht nur ein beachtlicher und zunehmender Anstieg von privaten Angeboten in allen Bildungsphasen und besonders stark bei der Bildung im frühen Kindesalter und der Hochschulbildung zu beobachten sind, sondern auch neue Formen der Gewinnerzielung durch den öffentlichen Kauf von Gütern und privaten Dienstleistungen. So etwa die Einführung von Privatschulen gegen geringe Gebühren, die sich an finanziell benachteiligte Gruppen richten.

Die Studie stellt die aktuellen Formen der Privatisierung im Bereich der Bildung dar, sowie deren mögliche Auswirkungen auf die Gewährung des Menschenrechts auf Bildung. Realisiert wurde die Arbeit von CLADE mit Unterstützung der Open Society Foundation. Die Untersuchung hebt die verschiedenen Aspekte der Bildungsprivatisierung in der Region hervor, die eine beachtliche Rolle bei der Schwächung des öffentlichen Sektors spielen. Es handle sich nunmehr darum, innerhalb der Zivilgesellschaft jede Anstrengung zu unternehmen, um diese schwerwiegende Problematik sichtbar zu machen und einer öffentlichen Diskussion zu unterwerfen.

Mexiko und Brasilien: Privates Angebot für ein höheres Bildungsniveau

In Brasilien beispielsweise besitzt die Gruppe Abril nicht nur den Verlag Abril, eine Handelskette von Zeitungen und Verlagsprodukten, sondern auch ein Netzwerk, das aus Vorbereitungskursen für die Aufnahmeprüfungen an den Universitäten besteht (etwa „Anglo Convênio“ oder „pH-Sistema de Ensino“) sondern auch didaktischem Material und pädagogischen Beratungsdiensten für technische Schulen, (Grupo ETB), Schuleinrichtungen (Bildungszentrum Sigma), Vorbereitungskursen für die Aufnahmeprüfung in den öffentlichen Dienst (AlfaCon) und Englischkursen (Red Baloon). Die Gruppe Abril ist außerdem landesweit einer der größten Hersteller und Händler von Schulbüchern (Verlage Ática und Scipione).

Bildungsproteste Grafik: anarkismo.net /Bildquelle: aditalIn Mexiko unterhält die Stiftung Televisa unter anderem das Projekt Bécalos in Zusammenarbeit mit der mexikanischen Bankengesellschaft Asociación de Bancos de México und den sechs größten Banken des Landes. Die wichtigsten Ziele des Projekts seien „dazu beizutragen, das Bildungsniveau und den Schulbesuch der Jugendlichen zu erhöhen“.

Die wichtigsten finanziellen Quellen sind private Spenden durch Banktransfers. Auf Basis dieser Spenden werden die Bécalos-Stipendien für das gesamte Schuljahr in der Grundschul-, weiterführenden und Hochschulbildung vergeben sowie Stipendien für besondere akademische Leistungen, Stipendien für technische und wissenschaftliche Studiengänge und schließlich Stipendien für die Weiterbildung von Lehrer*innen und das Führungspersonal von öffentlichen Schulen. Derzeit sind 28 Banken und Finanzinstitutionen sowie 21 Unternehmen und Organisationen, 32 Ministerien für staatliche Bildung und 102 akademische Einrichtungen an dem Projekt beteiligt.

In Argentinien realisiert die Gruppe Clarín mittels der Stiftung Noble ein Programm zur Ausbildung von Lehrpersonal und verschiedene Aktivitäten mit Schüler*innen.

Private Unternehmensmuster in der öffentlichen Bildungspolitik

CLADE zufolge stellt eine Reihe von Privatisierungsphänomenen, die mit der Normierung, der generellen Einführung von Lerntests sowie dem Einsatz von Belohnungs- und Bestrafungssystemen einhergehen, die Integration von Verfahrensmustern dar, die einer privaten Unternehmenslogik entsprechen. Innerhalb dieser werde die Kontrolle über die sogenannten menschlichen Ressourcen mittels Ergebnisvariablen durchgeführt, die an der Maximierung des unter den Gesellschafter*innen und Eigentümer*innen eines Unternehmens verteilbaren Gewinns ausgerichtet sind. Dabei werde die Logik des öffentlichen Sektors durch eine Reihe von Reformen durchbrochen, mittels derer ein für das Unternehmertum typischer Grundsatz mit der Funktionsweise des Staates verflochten werde.

Die Studie erfasst zwölf Tendenzen der Bildungsprivatisierung, die zu vier Kategorien zusammengefasst sind. Zunächst wird eine Kategorie vorgestellt, die auf den Mangel an Transparenz und verfügbaren Informationen über die Privatisierungsprozesse und deren Reichweite hinweist, was die Überwachung und öffentliche Debatte zu diesem Thema erschwere.

An zweiter Stelle werden einige Tendenzen hinsichtlich des rechtlichen Rahmens und der öffentlichen Politik genannt, die für die jeweiligen Privatisierungsprozesse einen beachtlichen Anreiz darstellen. Diese beziehen sich darauf, wie die jeweiligen Regulierungen die Übertragung von Kompetenzen und Ressourcen vom öffentlichen auf den privaten Sektor erleichtern.

Als dritte Kategorie wird der Anstieg der Privatisierungsprozesse genannt, wobei eine Zunahme dieser Praktiken in der Region während der vergangenen Jahrzehnte zu verzeichnen ist. An vierter Stelle wird eine Kategorie aufgeführt, die auf das Erscheinen neuer Formen der Privatisierung hinweist, vor allem im Bezug darauf, dass unternehmerische Praktiken im öffentlichen Sektor Einzug halten und die Leitung dieses Sektors unter dem Einfluss von Firmen steht.

Demokratische Bildungsprozesse in Gefahr

Bildungsproteste / Foto: anarkismo, Bildquelle: aditalDie Kartierung, die in 15 Ländern Lateinamerikas und der Karibik unter Teilnahme einer Reihe von Forscher*innen der Region erstellt wurde, warnt außerdem vor dem zunehmenden Einfluss großer Firmengruppen und Unternehmensnetze auf die öffentliche Politik.

“Die Tendenz, immer größere Bereiche der Bildung in die Hände von privaten Unternehmensgruppen zu legen, etwa die Erstellung von Lerninhalten, von Textbüchern und Lernsoftware, die Gestaltung von Evaluierungen, und zunehmend auch die Ausrichtung der Lehrtätigkeit selbst, stellt den öffentlichen Charakter von Bildung grundlegend in Frage. Lerninhalte vom privaten Sektor zu kaufen und diese dann gemäß Evaluierungen, die ebenfalls fern jeglicher öffentlichen Diskussion entworfen werden, immer mehr zu standardisieren, verstößt nicht nur gegen die Lehrfreiheit, sondern schließt auch jede Möglichkeit aus, den Bildungsprozess demokratisch zu gestalten“, so CLADE.

Die vollständige Studie ist auf der Homepage von CLADE zum Download verfügbar.

 

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