Nicaragua

Nicaragua: Blutiger Angriff auf Zivilist*innen in Masaya


 

Die Toten können am Dialog nicht teilnehmen. Weg mit Daniel (Ortega) und Chayo (Murillo)
Foto: Jorge Mejía peralta, flickr (CC BY 2.0)

(Fortaleza, 20. Juni 2018, adital).- „Helft mir! Helft mir, ihn hier wegzubringen! Er ist kein Hund, helft mir“, schrie eine Frau eindringlich, die sich inmitten der Schüsse der Bereitschaftspolizei über den blutigen Körper von Marcelo Mayorga bückte. Mayorga ist einer der Toten bei den Auseinandersetzungen in Masaya am 19. Juni. Er starb mit einer Gummischleuder in der linken Hand, ausgestreckt auf einer Straße im Viertel San Carlos. Die Polizei, wenige Meter entfernt, ignorierte das Weinen und Klagen der Frau und schoss weiter auf Zivilist*innen, die seit zwei Monaten gegen die Regierung von Daniel Ortega protestieren.

Die Nicaraguanische Vereinigung für Menschenrechte ANPDH (Asociación Nicaragüense Pro Derechos Humanos) meldete um 17 Uhr des gleichen Tages, dass mindestens sechs Personen gestorben und 35 durch Schusswaffen verletzt worden seien. Von den sechs toten Opfern sind drei identifiziert worden. Es handelt sich um Marvin López López, Marcelo Mayorga und Dayner Useda, der von Kugeln einer Kalaschnikow an der Wirbelsäule und am Arm getroffen wurde. Nach Aussage des Exekutivsekretärs der ANPDH, Alvaro Leiva, hätten 20 der 35 Verletzten dringend medizinische Hilfe benötigt, die ihnen aber von der Polizei verwehrt worden sei. Die Einwohner*innen flüchteten sich den Tag über in die Häuser, um dem rücksichtslosen Beschuss der Polizei und der Paramilitärs zu entkommen.

Das Einsatzkommando

Mehrere Zehnereinheiten der Bereitschaftspolizei und vermummte zivile Gruppen, mit großkalibrigen Schrotflinten bewaffnet, schwärmten am 19. Juni ab 4 Uhr morgens an den Stadträndern von Masaya aus. Ihr Ziel war die Polizeistation, wo sich der Generalkommissar Ramón Avellán, stellvertretender Direktor der Polizei, verschanzt hatte. Avellán und eine Gruppe von Offizier*innen waren seit Anfang Juni im Wachtposten eingeschlossen. Um die Station haben Regierungsgegner*innen Barrikaden errichtet, um der Repression, den Brandstiftungen und den Plünderungen durch den Mob die Stirn zu bieten.

Für den Angriff auf Masaya haben die Regierungskräfte zuerst eine Straßensperre am Kreisverkehr von Ticuantepe, 20 Kilometer von der Stadt entfernt, niedergerissen. Danach hielt sich dort, bis zur Nacht des 19. Juni, eine vermummte und bewaffnete regierungsnahe Gruppe auf, die Zivilist*innen nachstellte und Fahrzeuge beschlagnahmte. Am Morgen haben sie Journalist*innen der Fernsehsender „12“ und „100% Noticias“ Kameras, Handys, Bargeld und persönliche Dokumente abgenommen.

In Masaya angekommen griffen die Bereitschaftspolizei und die Vermummten protestierende Bürger*innen auf den Barrikaden der Viertel El Fox, Coyotepe, San Carlos, San Jerónimo, Ulises Tapia und Nisboa an. Wie die ANPDH anprangerte, hätten diese Auseinandersetzungen zwar gegen 14 Uhr aufgehört, doch die Belagerung und der Beschuss durch Vermummte von Lieferwägen aus, sei fortgesetzt worden. Alvaro Leiva ergänzte: „Nachdem die vermummten Gruppen ins Stadtzentrum gelangt sind, haben sie Runden in bestimmten Stadtvierteln gedreht, um Jugendliche aus ihren Häusern zu holen und sie in unbekannter Richtung abzutransportieren.“

Mehr Barrikaden

Am Nachmittag nach dem Angriff haben die Einwohner*innen von Masaya weitere Barrikaden in der ganzen Stadt errichtet. In Monimbó waren sie auf einen Angriff vorbereitet, doch das Viertel blieb unzugänglich für die Regierungskräfte. Nach eigener Aussage haben die Stadtbewohner*innen Mitte Mai beschlossen, Barrikaden und Verkehrssperren an den Zufahrtsstraßen der Stadt zu errichten. So wollen sie sich vor bewaffneten Gruppen, Plünderungen, Brandstiftungen und illegalen Verhaftungen schützen.

Nationaler und internationaler Protest gegen den Angriff

Der bewaffnete Angriff auf die Bevölkerung von Masaya wurde national und international verurteilt. So postete Luis Almagro, Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten auf Twitter: „Das Volk von Masaya hat seinen Mut in den dunkelsten Zeiten der nicaraguanischen Geschichte bewiesen. Wir verurteilen jede Art des Angriffs, die sich gegen das Leben und die Sicherheit der Einwohner*innen von Ticuantepe, Nindirí, Masaya und Los Pueblos Blancos richtet.“ Der Kardinal Leopoldo Brenes rief die Regierung und die Polizei auf, die Gewalt in Masaya zu stoppen und den Befehl zu geben, „die Bevölkerung von Masaya nicht mehr anzugreifen.“

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