Kolumbien

Nachfolgegruppierungen ehemaliger Paramilitärs terrorisieren BewohnerInnen der Hafenstadt Buenaventura


Human Rights Watch: Bevölkerung flieht zu Tausenden

Für die Delikte werden Nachfolgergruppen von Paramilitärs und Guerillabewegungen verantwortlich gemacht. Die „Urabeños“ und die Gruppe „Empresa“ gelten als die dominierenden Organisationen unter jenen Gruppierungen, die für die Verbrechen verantwortlich sein sollen. Sie haben die Bewegungsfreiheit der EinwohnerInnen stark eingeschränkt, indem sie jeden Menschen angreifen, der es wagt, unsichtbare Grenzen zu überschreiten, welche zwischen den von den Banden kontrollierten Zonen verlaufen. Sie rekrutieren außerdem Kinder, erpressen HändlerInnen und beteiligen sich an makabren Gewalttaten gegen all jene, die sich ihren Interessen in den Weg stellen.

Die genannten Gruppierungen entstanden aus alten paramilitärischen Organisationen Kolumbiens heraus, die offiziell von der Regierung des Präsidenten Àlvaro Uribe (2002-2010) zerschlagen worden sind. „Die Situation in Buenaventura ist eine der besorgniserregendsten die wir in vielen Jahren der Arbeit in Kolumbien und der Region beobachtet haben. Lediglich in der falschen Straße zu laufen kann eine Entführung oder einen Mord zur Folge haben. Aus diesem Grund dürfen wir uns nicht wundern, dass die Bevölkerung zu Tausenden flieht“, berichtet José Miguel Vivanco, Beauftragter des Amerika-Büros von Human Rights Watch HRW, einer Nichtregierungsorganisation aus den Vereinigten Staaten, die sich für die Verteidigung und Achtung der Menschenrechte einsetzt und auch Untersuchungen durchführt.

„Die Situation ist geprägt von großer Angst, viel Gewalt und viel Furcht“

Zwischen Januar 2010 und Dezember 2013 wurde offiziellen Zahlen zufolge das gewaltsame Verschwinden von 150 BürgerInnen der Region registriert. Gespräche von HRW mit den Behörden und den EinwohnerInnen ergaben allerdings, dass die tatsächliche Zahl der verschwundenen Personen um einiges höher sein müsste.

Einer der Hauptgründe dafür, dass so wenig Anzeigen erhoben werden ist die allgemeine Furcht vor Vergeltung durch die kriminellen Banden. „Die Situation ist geprägt von großer Angst, viel Gewalt und viel Furcht“, so Héctor Epalza Quintero, Bischof von Buenaventura. Nach Aussagen des Gemeindevorstehers Mario Riascos haben sich die Paramilitärs seit 1998 in dem besagten Gebiet eingerichtet. „Und sie bringen Chaos, Tod, Vertreibung“, so der Anwohner. „In dieser Region haben wir keine Hoffnung. Die Gewalt betrifft uns alle.“

„Mein Sohn ist vor vier Jahren verschwunden. Bis jetzt wissen wir nichts von ihm.“ erzählt die Mutter eines Opfers. „Ich möchte, dass irgendjemand mir sagt: ‚Hier sind die Reste deines Sohnes.‘ Das ist etwas sehr Schlimmes, was ich keiner Mutter wünsche.“, bestätigt eine Anwohnerin zum Fall des verschwundenen Sohnes Fernando Ocoro Murillo.

19.000 Menschen aus Buenaventura geflohen

Den offiziellen Statistiken zufolge hat die Gewalt im Jahr 2013 mehr als 19.000 Menschen aus ihren Häusern in Buenaventura vertrieben. Das sind mehr als in jedem anderen Regierungsbezirk des Landes. Jahrzehnte des bewaffneten Konflikts haben mehr als fünf Millionen KolumbianerInnen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Dadurch ist die Anzahl der Binnenflüchtlinge in Kolumbien die zweithöchste weltweit. Buenaventura war die kolumbianische Gemeinde mit den meisten Vertreibungen zwischen 2011 und 2012, woran – vor allem in ländlichen Regionen – auch die Guerilla Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) mitschuldig waren.

Die EinwohnerInnen bekräftigen, dass in den Stadtvierteln Polizeipräsenz fehle. Einige BürgerInnen erzählen, dass sich PolizistInnen mit den paramilitärischen Gruppen zusammentun würden. „Die BewohnerInnen von Buenaventura fühlen sich enorm angreifbar und sind seit langem völlig ungeschützt von den Behörden den grausamen Verbrechen ausgeliefert, für die noch keiner der Verantwortlichen bestraft worden ist“, betont Vivanco.

Straflosigkeit muss beendet werden

Um der beunruhigenden Situation Herr zu werden schlägt HRW vor, die Polizeipräsenz in den Vierteln ununterbrochen aufrechtzuerhalten und eine unabhängige Kommission zu gründen, um Pläne zur Problembekämpfung zu konzipieren und die Lage zu evaluieren. Außerdem solle sich eine Gruppe von StaatsanwältInnen ausschließlich darauf konzentrieren, die Fälle der Vermissten zu untersuchen sowie gegen BeamtInnen des Staates zu ermitteln, die im Verdacht stehen, die Taten der Banden zu tolerieren.

Im März dieses Jahres kündigte der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos an, die Regierung werde als Antwort auf die Sicherheitsprobleme der Stadt eine Intervention durchführen. Zusätzlich zu einer erhöhten Präsenz der öffentlichen Sicherheitsorgane versprach der Staatschef, Maßnahmen einzuleiten um die sozioökonomische Situation von Buenaventura zu verbessern.

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