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Karawane der Mütter ist Brücke der Hoffnung: Wiedersehen zweier Schwestern nach 37 Jahren


Wiedersehen nach 37 Jahren durch die Karawane der Mütter / Foto: Ivan Sah, avc-noticias bei desinformemonos.org

(Mexiko-Stadt, 21. November 2016, desinformemonos).- Aida Amalia wartet in einer Taquería, einem Imbiss, am Busbahnhof in Córdoba. Ihre Tochter Viviana Guadalupe Rodríguez Chang aus Puebla hat die 53-Jährige zu einem Treffen mit dem Koordinator der Mesoamerikanischen Migrantenbewegung (Movimiento Migrante Mesoamericano), Rubén Figueroa, hier her gebracht. Von ihm erhofft Ada Amalia sich Neuigkeiten über ihre guatemaltekische Familie, die sie seit 13 Jahren nicht gesehen hat. Dass sie ihre jüngere Schwester Norma und ihre Nichte Reyna, die Tochter ihrer in Mexiko verschwundenen Schwester, sehen wird, ahnt sie noch nicht.

„Nun dachten sie, ich sei tot.“

Am Abend desselben Tages, die Teilnehmer*innen der XII. Karawane der mesoamerikanischen Mütter sind bereits im Haus der Frauengruppe „Las Patronas“ angekommen, treffen sich die Mütter auf dem zentralen Platz der Stadt Córdoba, um das Verschwinden ihrer Töchter und Söhne anzuprangern: „Lebend haben sie sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück!“ An diesem Treffen nehmen auch die Mütter der Gruppe „Kollektiv Kleine Sonne“ (Colectivo Solecito) teil, die im Bundesstaat Veracruz nach ihren verschwundenen Kindern suchen.

Rubén war nach Tiquisate im Süden Guatemalas gereist, um zu Aidas Familie Kontakt aufzunehmen. Aida hatte ihnen geschrieben, doch die Adresse stimmte nicht mehr, so dass sie auf ihren Brief nie eine Antwort erhalten hatte. “Ich hatte an meinen Bruder geschrieben, aber dann bin ich aus dem Ort, an dem ich war, weggegangen. Jemand öffnete meinen Brief und erzählte ihnen, dass ich nach Cuernavaca gegangen sei, um ein paar Dollar zu wechseln. In Cuernavaca hatte dann jemand einen Unfall, und irgendwie haben sie den Namen falsch verstanden und meiner Familie erzählt, das sei ich gewesen. Nun dachten sie, ich sei tot.“

Stille Aufregung bei den gualtematekischen Verwandten

Ihr Vater und ihre fünf Geschwister bekamen keine Nachricht von ihr, hatten keine Ahnung, was aus ihr geworden war. So vergingen dreißig Jahre, ohne dass die Familie eine Nachricht von Aida oder ihrer Schwester Reyna Isabel erhalten hätte. Reyna Isabel hatte sich ebenfalls auf die Reise nach Norden gemacht und war vor etwa 20 Jahren irgendwo in Mexiko verschwunden. Mehrere Familienmitglieder sind inzwischen bereits verstorben.

An jenem Samstagmorgen sitzt Norma Janet Rodríguez Ordóñez gemeinsam mit ihrer Nichte Oneyda Isabel Rodríguez mit vielen anderen Menschen aus Mittelamerika, die auf der Suche nach ihren Familienmitgliedern waren, zusammen und hofft auf ein Wiedersehen mit ihrer Schwester. Vor zwei Monaten hat sie erfahren, dass diese in Mexiko lebt. Seit Norma die mexikanische Grenze passiert hat, ist sie vor Nervosität und Angst immer mehr verstummt. Vor dem Lärm der Karawane hat sie sich zurückgezogen und versucht, sich das Wiedersehen vorzustellen: wie sie das Lieblingsessen ihrer Schwester kocht, wie sie gemeinsam Weihnachten feiern und bis in die Nacht Tamales essen, wie es in ihrem Land Tradition ist.

Aida hat sich nie getraut, nach Guatemala zu ihrer Familie zu fliegen. „Lieber fahre ich im U-Boot unterm Meer entlang, als in ein Flugzeug zu steigen“, erklärt sie in der Taquería.

Aida entkam den Menschenhändlern

Zusammen mit einer anderen Frau war es ihr gelungen, den Fluss zu überqueren. Beide waren in derselben Lage: Sie waren in die Hände von Menschenhändlern geraten. Aida erfand eine Ausrede, sagte sie wollte Zucker kaufen, und schaffte es, zu entkommen. Sie wollte nicht in die gleiche ausweglose Lage kommen wie so viele andere Migrant*innen.

Als Rubén ihr von seiner Reise nach Guatemala berichtet, muss Aida weinen. Es gibt so vieles, was sie ihrer Schwester und ihrer Nichte erzählen will: von der guatemaltekischen Restaurantbesitzerin, für die sie gearbeitet und die ihr den gesamten Lohn weggenommen hat, von ihrem Sohn, der wahrscheinlich ermordet wurde, während sie aufgrund der Verleumdungen ihrer Nachbarin im Gefängnis saß, und von ihrem neunjährigen Enkel Samuel, einem großen Fan des Videospiels von Power Rangers.

Derweil sitzt Norma eingepfercht von 20 Kameras, die darauf warten, das Wiedersehen der Schwestern zu dokumentieren – eins von über 200, die innerhalb von zehn Jahren dank der Arbeit der Karawane zustande gekommen sind.

„Tief durchatmen!“

Als sich das Auto dem Haus der Patronas nähert, bittet Aida um Beratung bei der Wahl des richtigen Lippenstifts. Drei Minuten von dem großen Moment blickt sie in ihren Spiegel, als wolle sie fragen: Wie bereitet eine sich angemessen vor auf so ein Wiedersehen nach über 30 Jahren? Sie tritt in den Hof, begleitet von ihrer Tochter, ihrem Mann und ihrem Enkel, der praktisch sofort anfängt zu weinen. Im Blitzlichtgewitter der Kameras fallen die Schwestern, die einander seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatten, sich in die Arme. Oneyda wird ohnmächtig. „Tief durchatmen!“ rufen ihr die plötzlich eingetroffenen Mitarbeiter*innen der mexikanischen Spezialeinheit „Grupo Beta“ zu.

Als der Großteil der Umstehenden sich verflüchtigt hat, setzt die Familie sich an einen Tisch und tauscht Fotos aus, darunter auch Fotos des vor einigen Jahren verstorbenen Vaters. Dabei geben sie einander das Versprechen, weiter nach der immer noch vermissten Schwester zu suchen, um die Familie so gut wie möglich zusammenzuführen.

Reyna sucht nach ihrer Mutter / Foto: Daniela Sánchez, MMM

Reyna: Sie sucht seit 10 Jahren nach ihrer Mutter

Eingehüllt in einen roten Pullover sitzt Reyna Elisabeth auf einer Mauer im Comitán-Park in Chiapas und erzählt von ihrer Mutter Irma Vicente García, die sie seit zehn Jahren nicht gesehen hat.

“Ich war sehr klein, als sie ging, ich war erst zwölf. Dass sie verschwunden war, habe ich erst ein Jahr später verstanden. Ich fragte meine Oma immer, wo sie sei, und sie antwortete mir immer: „Na, dort.“ Da sie immer sehr lange weg war, schöpfte ich keinen Verdacht…. Dann hat sie es mir erzählt, und so habe ich es erfahren.“

Irma Vicente García war schon oft weit weg gegangen, um Geld zu verdienen. Beim letzten Mal wollte sie zum Arbeiten in den angrenzenden mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Ende 2006 verließ sie ihr Haus in Ixcán im Department Quiche, um in Maravilla Tenejapa zusammen mit einer anderen Guatemaltekin eine Bar aufzumachen. Doch das Geschäft ging nach drei Monaten Pleite. In Quiche hatte sie bereits etwas Ähnliches versucht, jedoch ebenfalls erfolglos.

Zerplatzte Träume

Es war ein besonderes Jahr. Man gedachte der Beendigung des Bürgerkriegs und der Unterzeichnung des Friedensvertrags vor 10 Jahren sowie des 21. Jahres einer scheinbar demokratischen Regierung. Außerdem standen die Wahlen kurz bevor. In den Medien war von einem makroökonomischen Wachstum die Rede, in den ländlichen Regionen, die den größten Teil des Landes ausmachen, war davon jedoch nichts zu merken, so dass viele Männer und Frauen zum Auswandern gezwungen waren.

Eine von ihnen war Irma. Traurig kehrte sie 2007 nach ihrem zweiten gescheiterten Versuch aus Chiapas zurück, gönnte sich ein paar Tage, um die Niederlage zu verkraften, und begann, ihre Ausreise in die USA vorzubereiten, wo sie ihre bisherigen wirtschaftlichen Misserfolge vergessen wollte. Viele Menschen verließen in jener Zeit Ixcán, Irma wählte für ihre Ausreise den Monat April. Ixcán war damals, genau wie heute, ein armer und vom Bürgerkrieg gezeichneter Ort. Nach offiziellen Angaben hatten die Jahre des Kriegs insgesamt 200.000 Menschen das Leben gekostet.

Obwohl sich inzwischen Firmen in Quiche angesiedelt haben, hat sich die Situation nicht wirklich verändert: Es gibt auch jetzt keine Arbeit. Die Firmen, die sich niedergelassen haben, „um die Wirtschaft anzukurbeln, haben ihre eigenen Leute mitgebracht“, erklärt Reyna Elizabeth. Es gibt nur Arbeit in Restaurants und im Reis-, Bananen- und Bohnenanbau. Manche arbeiten auch in der Fischerei. Heute ist Ixcán etwas wohlhabender. “Ich arbeite in einem Restaurant, aber irgendwann würde ich gern zumindest die Grundschule abschließen“, erklärt sie schüchtern.

Als ihre Mutter an diesem Nachmittag im April ihren Heimatort verlies, hatte sie die Idee, Mexiko zu durchqueren, hier und da zu arbeiten und schließlich über die Grenze in die USA einzureisen. Stattdessen verschwand sie irgendwo in der Region Desierto de Altar im Bundesstaat Sonora. „Ihr letzter Anruf kam im September 2007. Sie hatte drei Monate im Gefängnis verbracht, wolle aber nicht sagen, warum, sagte meine Großmutter, aus Angst, ihr Kummer zu bereiten. Sie sagte, sie rufe nun an, um Bescheid zu geben, dass sie in 14 Tagen die Grenze übertreten werde.“ Danach kam kein Anruf mehr.

“Ich setze große Hoffnung in die Karawane.”

So sitzt Reyna Elizabeth in der abendlichen Kühle in Comitán und spricht über ihre Hoffnungen. “Ich habe bei meiner Arbeit darum gebeten, fahren zu dürfen. Aber ich glaube, am selben Tag, an dem ich ging, kam schon jemand neues. Also bin ich meinen Job wohl los. Naja. Aber“, versichert sie mit glänzenden Augen, „ich will meine Mutter finden.“

Am Tag nach diesem Gespräch in Comitán ist der nächste Halt für Reyna und die Karawane die Universidad Autónoma de Tabasco. Zuvor wurde in Chontalpa im Bundesstaat Tabasco nach Verschwundenen gesucht und der warme Pullover gegen einen Schal zum Schutz vor der Sonne eingetauscht. Gemeinsam mit den Müttern läuft Reyna über die unwegsamen Serpentinenpfade von Chontalpa von Haus zu Haus, um etwas über den Verbleib ihrer Mutter und der anderen Verschwundenen zu erfahren. Überall zeigt sie die riesigen Fotos ihrer Mutter die sie um den Hals gehängt trägt. Seit dem Hurrikan Stan ist Chontalpa im Bundesstaat Tabasco zu einer von Migrant*innen stark frequentierten Reisestation geworden. Erst vor drei Monaten wurde neben den Gleisen ein wichtiges Quartier einer Entführerbande aufgedeckt. Daher entschied die von der Mesoamerikanischen Migrant*innenbewegung organisierte XII. Karawane „Wir suchen auf Todespfaden nach Lebenden“, zuerst die Umgebung zu durchsuchen.

Bei ihrer Ankunft an der Universität erhält Reyna gemeinsam mit den Müttern, Geschwistern, Nichten und Neffen der Verschwundenen von einer Studentin mit lockigen Haaren einen Brief, in dem steht: „Auf solch großes Leid folgt immer ein Ausgleich“. Für Reyna, die nichts dergleichen erwartet hat, sind diese Worte ebenso tröstlich wie die Umarmung beim Empfang. “Jeden 10. Mai, am Muttertag, schreibe ich meiner Mutter einen Brief. Ich fing damit an, als sie fortging, und das mache ich auch heute noch.“ Reyna Elizabeth hofft darauf, ihre Mutter zu finden, damit diese ihre Briefe persönlich lesen kann.


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