Brasilien

Jenseits von Olympia


Von Roberto Torres Collazo

Eine Bewohnerin der Vila Autódromo in Rio kämpft gegen den Abriss ihres Viertels. Foto: Archiv

Eine Bewohnerin der Vila Autódromo in Rio kämpft gegen den Abriss ihres Viertels. Foto: Archiv

(Fortaleza, 1. August 2016, adital).- Die Olympischen Spiele finden vom 5. bis zum 21. August 2016 in Rio de Janeiro statt – inmitten von erneuten Kontroversen über Doping, nicht fertiggestellte Unterkünfte für die Athlet*innen und extreme Sicherheitsmaßnahmen. Umgeben von dem Zika-Virus, der wirtschaftlichen und politischen Krise, die einmal mehr zu Umsiedlungen geführt hat, der Polizeigewalt, der Militarisierung der Favelas und der Kriminalisierung ihrer Bewohner*innen, die in Siedlungen für Randgruppen und sozial Benachteiligte wohnen. Und all das für die Gesundheit eines militärisch-industriellen Apparates und für die mächtigen Unternehmer*innen.

Rio als “Prototyp einer zur Ware gewordenen Stadt”

In einem der Wochenzeitung ‘Brasil de Fato’ gegebenen Interview bestätigte die Koordinatorin des Instituts für alternative Politik im Cono Sur PACS (Políticas Alternativas para el Cono Sur), Sandra Quintela, die auch Mitglied des Volkskomitees der Weltmeisterschaft und der Olympischen Spiele von Rio de Janeiro ist, dass die Stadt sich in „den Prototyp einer zu einer Ware gewordenen Stadt“ verwandelt habe; „eine Stadt, dafür vorgesehen, um an das Großunternehmertum verkauft zu werden“ – zu denen die Besitzer*innen von Grundeigentum zählten. Laut Zahlen von PACS wurden 65.000 Familien unter dem Vorwand der Olympischen Spiele umgesiedelt. Tatsächlich ging es jedoch mehr darum, öffentliche Vermögenswerte zu privatisieren:

„Es gibt Regionen, die vollständig privatisiert wurden. Zum Beispiel das Gebiet von ‘Porto maravilla’, in dem sich der alte Hafen befand. Dort wurden einst der Kampftanz ‘Capoeira’ und der Samba geboren… Heute ist aufgrund eines Privatisierungsprozesses alles vollkommen wie versteinert“, erklärte Quintela.

Militarisierung und Repression

Zu diesem Zwecke wurden wahllos Razzien durchgeführt und die Favelas stark militarisiert. Bei der Verwaltung zur Vorbereitung der Austragungsorte fehlte die Transparenz. Die polizeilichen Repressionsmaßnahmen haben sich gegen junge Schwarze gerichtet. Das Verteidigungsministerium hat erklärt, dass 18.000 Angehörige des Militärs in den Austragungsstätten der Fußballspiele eingesetzt würden: Sao Paulo, Manaus, Salvador, Brasilia, Belo Horizonte. Rio soll der Einsatzort von 20.000 Mitgliedern des Militärs sein, davon entfallenn „ungefähr 14.000 auf das brasilianische Heer, 4.000 auf die Marine und 2.000 auf die Luftwaffe“.

Wir sind nicht gegen die Olympischen Spiele, aber man kann Sicherheit nicht auf Kosten der Menschenrechte der Schwächsten umsetzen. Unter dem Vorwand der Sicherheit hat man die Vergrößerung der Kluft zwischen arm und reich gerechtfertigt. Die Behörden betonen, dass die Olympischen Spiele große wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen würden. In Wahrheit sind die großen Gewinner*innen aber nur in einem kleinen Teil der reichen Viertel zu finden, sowie unter den großen inländischen und ausländischen Investor*innen – genauso wie bei der Fußballweltmeisterschaft 2014.

Menschen werden als Ware behandelt

Vielleicht sind die mangelnde Sicherheit oder die wirtschaftliche und politische Krise, die fehlende Transparenz der Vorbereitungen, die Angst vor Zika, die Polizeigewalt und die Militarisierung der Grund, weshalb die Hälfte der Brasilianer*innen nicht mit diesen Olympischen Spielen einverstanden ist. Zu diesem Ergebnis kam eine Mitte Juli 2016 durch das Institut Datafolha durchgeführte Umfrage.

Für die großen Unternehmer*innen sind die Olympischen Spiele ein Geschenk des Himmels zur Gesundung ihrer Einnahmen. Jenseits der Olympischen Spiele werden unserer Meinung nach nicht die Spiele selbst in Frage gestellt, sondern die jetzige und immer schon dagewesene Kriminalisierung der Bewohner*innen der Favelas. Sie werden als Diebe bezichtigt, als Leute ohne Bildung und als Menschen, die den Städten Schaden zufügen, als „elende“ Viertel. Dies erklärt teilweise, warum sie generell in den Medien als Nicht-Menschen behandelt werden, als ob sie keine Würde hätten, als ob sie Gegenstände wären, ohne Menschen- und Bürgerrechte. Eine Kriminalisierung, die bedeutend dazu beiträgt, dass die Menschen wie Ware behandelt werden, dass sie unterdrückt und umgesiedelt und ihre Viertel militarisiert werden.

 

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