Kolumbien
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Geplante Abschaltung von Noticias Uno – ein Fall von Zensur? 1


Foto: Contagio Radio/Youtube

(Bogotá, 2. September 2019, contagio radio).- Die kolumbianische Nachrichtensendung Noticias Uno soll abgesetzt werden. Das verkündete der Geschäftsführer des TV-Unternehmens NTC (Nacional de Televisión y Comunicaciones), Jorge Acosta. Das hat in Kolumbien eine Debatte über einen möglichen Fall von Zensur ausgelöst, gilt Noticias Uno doch als eine der wichtigsten Nachrichtensendungen für kritische Berichterstattung. Laut Julián Martínez, der sieben Jahre lang Mitglied des Redaktionsteams war, handelt es sich um einen Schlag gegen den unabhängigen Journalismus.

Der Journalist schließt aus, dass Noticias Uno aufgrund der Einschaltquoten geschlossen werde. Zwar werde die Absetzung von Noticias Uno als Geschäftsentscheidung im Kontext einer größeren Medienkrise dargestellt, allerdings handele es sich um eine politische Entscheidung im Bezug auf die Inhalte, welche die Sendung in den Jahren ihrer Laufzeit vertreten hat.

Die Sendung werde vom Staat regelrecht verfolgt, so Martínez. Noticias Uno war eines der Medien, welche unter der Regierung Álvaro Uribes in den frühen 2000er Jahren Opfer illegaler Abhöraktionen des kolumbianischen Ex-Geheimdienstes DAS wurden. Ziel der Abhöraktionen war es, die geheimen Quellen der Journalist*innen zu identifizieren. „Die, die Noticias Uno als Feind sehen, sitzen in der Regierung“, erklärt der Journalist und betont, dass mit der Absetzung von Noticias Uno auch eine Botschaft an andere Medien ausgesendet werde.

„Mit Noticias Uno verlieren wir eine absolut notwendige Stimme.“

Trotz der Ankündigung von Jorge Acosta, dass Noticias Uno erst im Jahr 2020 abgeschaltet werde, glaubt Martínez, dass die Sendung bereits am 1. Oktober verschwinden könnte. Das erscheint ihm merkwürdig, denn gerade in dieser Zeit stehen dem Land wichtige Ereignisse bevor, wie die Kommunalwahlen, die Anhörung des ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez vor dem Obersten Gerichtshof und weitere Enthüllungen im Fall Odebrecht. „Das geht unbestreitbar viel weiter, als alles, was wir wissen. Dahinter steckt was Größeres, so wie wie hinter Odebrecht Luis Carlos Sarmiento Angulo steht“ (Sarmiento Angulo ist der reichste Kolumbianer und Chef einer Unternehmensgruppe, Anm. d. R.).

Martínez betont die Unabhängigkeit, die in den redaktionellen Entscheidungen des Mediums bestand, und welches durch einen Journalismus der „Gegenmacht und Kritik“ gekennzeichnet gewesen sei. Dass Noticias Uno jetzt abgesetzt werden soll, sieht Martínez sowohl als ein Zeichen für die Unabhängigkeit des Programms, als auch dafür, dass kritisches Denken in Kolumbien „der Macht nicht in den Kram passt.“

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