Mexiko

Bildungsreform trifft Lehrerinnen


von Lizbeth Ortiz Acevedo

Lehrerinnen bei Protestaktionen in Mexiko-Stadt. Foto: Cimac/Redes Sociales(Mexiko-Stadt, 17. September 2013, cimac).- Nach den Lehrerprotesten und den neuen Verordnungen im Ausbildungswesen, rücken nun der öffentlichen Aufmerksamkeit die Forderungen tausender Lehrerinnen in den Mittelpunkt, die ihre Rechte beeinträchtigt sehen. Die von der Debatte zur Bildungsreform ausgeschlossenen Lehrerinnen, die mehr als zwei Drittel des Personals im Grundschulwesen ausmachen, bereiten sich auf einen Konfrontationskurs gegen die neue Gesetzgebung vor, die sie allem Anschein nach hart treffen wird – vor allen diejenigen, die in den ländlichen und indigenen Gemeinden arbeiten.

Für die Professorin Tatiana Coll von der Nationalen Pädagogischen Universität (Universidad Pedagógica Nacional) ruft die Verabschiedung des “Allgemeinen Gesetzes zur Regelung des Lehrdienstes” (Ley General del Servicio Profesional Docente) ein Klima “willkürlicher Ausnahmeregelungen” hervor, in der die Marginalisierung nicht berücksichtigt wurde, unter der tausende Lehrerinnen in ihrer Arbeit leiden.

Die Expertin erklärt, dass die Bildungsreform zum Ziel hat, dass sich die Lehrtätigkeit auf die Leistungsbewertung konzentrieren soll, mit vereinheitlichten und eingeschränkten Tests, die die notwendigen pädagogischen und nur den Lehrer*innen vorbehaltenen Kompetenzen außer Acht lassen.

Unterricht unter prekären Bedingungen

Coll betont, dass der Großteil der Lehrkörpers aus Frauen besteht und dass sie es sind, die jeden Tag in die 100.000 “klassenübergreifenden” Schulen gehen, die es im Land gibt, um Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis 14 Jahren in einem einzigen Klassenraum zu unterrichten, ohne technologische Hilfsmittel und ohne Aufsicht von Seiten der staatlichen Behörden.

Sie führt aus, dass an insgesamt 44 Prozent der Schulen “klassenübergreifender” Unterricht stattfindet. Diese befinden sich in ländlichen Gemeinden mit schlecht ausgestatteter Infrastruktur, viele von Ihnen bestehen lediglich aus einer Strohhütte, es gibt kaum Unterrichtsmaterial. Dort geben diese Lehrerinnen Unterricht, bezahlen Unterrichtsmaterial aus ihrer eigenen Tasche, ohne Hilfe von Seiten der Behörden.

Sogar im sogenannten “Telesecundaria”-Programm, ein in Mexiko seit mehr als fünfzig Jahren existierendes Schulprogramm mit Fernsehunterstützung, das 55 Prozent der weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I ausmacht, fahren die Lehrerinnen in schwer zugängliche Gegenden, um Führungsaufgaben, Unterricht, Betreuung und sogar Verwaltungsaufgaben zu übernehmen, ohne dafür mehr Aufwandsentschädigungen zu erhalten.

Mehr Lehrerinnen als Lehrer, aber nicht in den Rektoraten

Laut Zahlen des mexikanischen Bildungsministeriums sind derzeit 1.842.896 Lehrerinnen und Lehrer in allen Bildungsniveaus im Einsatz. Von den in der Vorschule tätigen Lehrkräften sind 96,2 Prozent Frauen, und in der Grundschule 66,6 Prozent. In der Sekundarstufe I sind es 51 Prozent.

Sie haben jedoch nicht dieselben beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten wie Männer: die Internationale Umfragestudie der OCDE TALIS (Teaching and Learning International Survey) über die Bedingungen von Lehren und Lernen zeigt, dass nur 34,7 Prozent der Direktionsposten in der Sekundarstufe von Frauen besetzt sind.

Eignungstests können zu Kündigung führen

Das mexikanische Gesetz zur Regelung des Lehrdienstes hat zum Ziel, “die Qualität der Bildung, die Lehrtätigkeit anhand eines in der Schule durchzuführenden Tests zu verbessern, und die Eignung der Kenntnisse und Fähigkeiten der Lehrkräfte zu garantieren”,Deshalb werden ab 2015 die Einkommen über ein öffentliches Auswahlverfahren vergeben und das arbeitende Personal muss sich dann den Bewertungstests unterziehen.

Der Artikel 53 dieses Gesetzes schreibt vor, dass “in den Fällen, in denen [die Lehrkraft] nicht an den Regulierungsmaßnahmen teilnimmt oder im dritten Bewertungsdurchgang, an dem die Lehrkraft teilnimmt, kein ausreichendes Ergebnis erzielt haben sollte, so wird die jeweilige Ernennung für beendet erklärt, ohne Haftungsansprüche gegenüber der Behörde”. Das heißt, sie werden entlassen.

Tatiana Coll hält es für rechtswidrig, dass derselbe Eignungstest an Lehrerinnen vollzogen werden soll, die z. B. im Bezirk Coyoacán von Mexiko-Stadt unterrichten und an denen, die zu von Armut geprägten Gemeinden rausfahren.

Laut der Expertin verstößt das neue Gesetz gegen das Arbeitsrecht, dem die Lehrerinnen und Lehrer mit Festanstellung unterliegen, da es keine weiteren Berufstätigkeiten im öffentlichen Dienst gibt, bei denen ein Bewertungstest durchgeführt und eine Kündigung ohne Haftungsansprüche gegenüber dem Ministerium wirksam werden kann, und dass trotz akkumulierter Arbeitsjahre.

Widerstand der Lehrerinnen

Die Lehrerin Rosa María Medina, die seit 36 Jahren im Lehrerdienst ist, erklärt, dass die Lehrerinnen sich keiner Bewertung oder Weiterbildung verweigern; vielmehr hat die Regierung Armut und Marginalisierung nicht berücksichtigt, also die Bedingungen unter denen sie in den verschiedenen Bundesstaaten lehren. Denn die Arbeitswege zu den Schulen sind enorm, und dabei verdienen sie kaum 5.400 mexikanische Pesos pro Monat (ca. 300 Euro) und erhalten keinerlei Aufwandsentschädigungen.

Catalina León, Lehrerin im Telesecundaria-Programm in Oaxaca und bis Mitte September Teilnehmerin der Mahnwache der Lehrerorganisation CNTE (Coordinadora Nacional de Trabajadores de la Educación) auf dem Hauptplatz Zócalo von Mexiko-Stadt beklagt, dass es von Seiten der Behörden keinerlei Unterstützung für die Prüfungsvorbereitung gibt, hingegen aber Master-Ausbildungen an der Technologischen Universität von Monterrey und anderen Privatunis “angeboten” werden, die sich die Lehrerinnen nicht leisten können.

María Santiago, auch Lehrerin in Oaxaca, fügt hinzu, dass es unmöglich ist, dass Englisch gefordert wird, um eine “qualitativ hochwertige” Bildung anzubieten, wenn in ihrer Schule hauptsächlich Zapotekisch oder Mixtekisch gesprochen wird. Die Lehrerin Elizabeth Escobar kritisiert, dass laut neuem Gesetz mit dem Internet gearbeitet werden muss, es in einigen Gemeinden aber nicht mal Elektrizität gibt.

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