Argentinien

Argentinien: Die Gesundheitsversorgung krankt!


Nora Cortiñas auf der Demo
Foto: la vaca

(Buenos Aires, 4. Oktober 2018, la vaca).- Tausende Beschäftigte im Gesundheitssektor, Patient*innen und Arbeiter*innen haben eine weitere Großdemonstration organisiert. Es geht um die Auswirkungen der Anpassungsprogramme im ganzen Land, die Entlassungen des Krankenhauspersonals, die psychische Gesundheit in den Vorstädten. Notizen und Stimmen einer Krise im Endstadium:

Nora Cortiñas, Großmutter der Plaza de Mayo, erhebt ihre Faust und die Menge umarmt sie mit ihrem Applaus. Sie steht an der Spitze der Demonstration, die am ehemaligen Ministerium für Gesundheit startet. Das Ministerium gibt es nicht mehr, jetzt gibt es nur noch das Gesundheitsamt. Nora ist umringt von Angestellten der Krankenhäuser Posadas und El Cruce de Florencio Varela, von Beschäftigten der Gesundheitszentren in Buenos Aires, die nach dem Willen der Stadtregierung geschlossen werden sollen. Die Demo erstreckt sich auf acht Häuserblöcke und besteht aus verschiedenen sozialen Bewegungen. Eine Frau von der Föderation der Basisorganisationen FOB (Federación de Organizaciones de Base) trägt ein Schild mit der Aufschrift: „Die Krankenhäuser fallen auseinander – und das ist keine Metapher.“ Eine andere Person hat sich ein Schild umgehängt auf dem steht: „Das Schweigen ist keine Gesundheitsversorgung. Sie bringen uns nicht zum Schweigen.“ Mit Rufen, Lärm und Wut versuchen die Demonstrierenden das Desaster im Gesundheitssektor irgendwie aufzuhalten.

Keine Sprechstunde, keine Medikamente

Karina Almirón, einer der Entlassenen des Krankenhauses Posadas, war 15 Jahre in der pathologischen Anatomie angestellt, mit Spezialisierung auf Immunhistologie. Sie sagt zu la vaca: „Ich bin eine von 1300, die vor über zwei Jahren entlassen wurden (…) Sie leeren das Krankenhaus, sie schließen Spezialabteilungen für Erwachsene und Kinder und halten nur die externen Praxen aufrecht. Den Patient*innen wird die Behandlung verweigert, auch die Gabe von Medikamenten. (…).“

Corina Fornacieri, Psycholgin im Krankenhaus Mi Pueblo de Florencio Varela sagt: „Die Situation hier ist genau so, wie im Rest der Provinz Buenos Aires. Die Krankenhäuser sind völlig unterbesetzt und es fehlt vorne und hinten an Mitteln. In der Notfallambulanz gibt es weder Ärztinnen oder Ärzte noch Krankenpfleger*innen, da ist eine kritische Situation.“ Und sie fügt hinzu: „Zur Sprechstunde kommen viele Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und keine Krankenversicherung haben. Die Auswirkungen der Krise sieht man hier sehr deutlich, auch auf die psychische Gesundheit. Wir haben es hier mit vielen Suizidversuchen zu tun und das ist alarmierend, denn wir sehen es auch im pädiatrischen Bereich. Kinder von zehn oder zwölf Jahren kommen zu uns mit einer Überdosis Medikamenten, mit Selbstverletzungen, mit Erhängungen. Das ist sehr besorgniserregend. Die Familie kann das nicht mehr auffangen. Die Gesellschaft ist schutzlos, die Institutionen bieten keinen Schutz, das ist deutlich spürbar.“

Die Gesundheit des IWF

Die Krankenhäuser fallen auseinander
Foto: la vaca

Florencia Braga, Mitglied der Föderation Seltene Krankheiten Fadepof (Federación Argentina de Enfermedades Poco Frecuentes) gibt an: „Mein Sohn hat eine Krankheitnamens Stargardt. Eine von 10.000 Personen erkrankt daran und man kümmert sich nicht um sie. Ich bin Vorsitzende der Patient*innen der Stiftung Investigar (Untersuchen), die sich mit der Erforschung von Krankheiten und neuen Therapien beschäftigt. Es gibt das Gesetz 26.689, das sich auf seltene Krankheiten bezieht. Wir haben darauf gehofft, dass mehr Mittel bewilligt werden, um diese Krankheitsbilder zu erforschen, aber nein. Wir sind das letzte Glied in der Kette. Viele dieser Krankheiten sind tödlich und sie bekommen keine Aufmerksamkeit. Wir brauchen ein starkes Gesundheitsministerium und nicht nur ein Gesundheitsamt. Argentinien hat eine exzellente Geschichte der Gesundheit geschrieben, mit Nobel-Preisen. Heute sterben die Leute. Und heutzutage haben wir auch kein Ministerium mehr für Wissenschaft und Technologie. Es kann nicht angehen, dass der Internationale Währungsfond (IWF) über die Gesundheitspolitik des Landes entscheidet. Wir müssen uns verteidigen, wir Patient*innen haben auch eine Stimme und wir wollen, dass wir gehört werden. Stell dir nur vor, was passiert, wenn kein Geld mehr für Impfungen bereitgestellt wird, es ist eine Schande was mit Krankheiten geschehen wird, die als quasi ausgestorben gelten. In Argentinien sind wir mehr als drei Millionen Familien. Und wir geraten immer mehr in Vergessenheit.“

 

Sich nicht verstecken

Moreno verteidigt den öffentlichen Gesundheitssektor
Foto: la vaca

Adriana Palacios ist Leiterin des kommunalen Gesundheitsamtes von Moreno (einem Vorort von Buenos Aires, Anm.d.Ü.) und sie sagt zu la vaca: „Die Situation spitzt sich immer weiter zu und wird immer bedrückender, weil die Mittel für Gesundheit gekürzt werden. Das führt dazu, dass es für immer mehr Familien immer schwieriger wird, eine zuvor kostenlose Gesundheitsversorgung in Anspruch zu nehmen. (…) Die Sexualerziehung in der Schule umzusetzen kostet viel, es werden auch keine Kondome mehr geliefert. Wir haben das Programm „Gemeinde-Ärzt*innen“, das seit neun Monaten kein Geld mehr vom Ex-Gesundheits-Ministerium, heute Gesundheitsamt, erhält, um die Ärzt*innen zu bezahlen. Es gibt keine Mittel mehr und viele werden schlicht nicht bezahlt. Sie lassen Gesundheitsprogramme auslaufen, und wenn das passiert -vor allem in Krisenzeiten- tauchen immer mehr Krankheiten auf. Im Jahr 2015 hatten wir 15 Tuberkolose-Fälle, heute behandeln wir 570. Im gesamten letzten Jahr hatten wir keine Medikamente. Erst in diesem Jahr konnten wir etwas erreichen. Viele gehen ins Krankenhaus Posadas, aber sie kommen zurück nach Moreno, weil es dort immer weniger Beschäftigte gibt.“ Und sie schließt mit folgenden Worten: „Und Moreno ist ein stark gebeutelter Bezirk. Die Gasexplosion in der Schule 49, die Entführung der Lehrerin Corina … Jeden Morgen wache ich auf und frage mich: Und was jetzt? Wir sind sehr gestraft, aber es gibt hier viele Leute und viel Organisation. Wir können uns jetzt nicht verstecken. Am allerwenigsten in diesem Kontext.“

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