
Ministerio de Gobierno Ecuador via flickr
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(Cuenca, 17. Oktober 2026, El Salto).- Mit 51 gewaltsamen Todesfällen pro 100.000 Einwohner*innen ist Ecuador nach Haiti das gewalttätigste Land Lateinamerikas. Der Kriminologe und ehemalige Sicherheitsberater Diego Salamea, Autor von Fachbüchern über Kriminaltechnik und Kriminologie, analysiert die heikle Sicherheitslage. Wie die meisten Expert*innen vermutet auch Salamea die Lösung für die Welle der Gewalt in staatlichen Programmen zur Prävention, Rehabilitation und Resozialisierung sowie in der Schaffung „einer umfassenden Kommission mit Fachleuten aus den Bereichen Gesundheit, Arbeit, Bildung und Kriminalität“. Die Regierung von Präsident Daniel Noboa verfolgt jedoch ausschließlich eine Politik der harten Hand. Amnesty International dokumentiert zahlreichen Menschenrechtsverletzungen: außergerichtliche Hinrichtungen, Verschleppungen, willkürliche Festnahmen sowie Folter und andere Misshandlungen. Mit 9.216 Morden war 2025 das Jahr mit den meisten gewaltsamen Todesfällen in der Geschichte Ecuadors.
Ecuador gehörte früher zu den sichersten Ländern Lateinamerikas.
„Repressive Maßnahmen rufen nur noch mehr Gewalt hervor. Deshalb halte ich Ausnahmezustände nicht für wirksam. In Ecuador sterben an einem Tag zehn Bandenmitglieder und am nächsten Tag nochmal doppelt so viele“, bemerkt Salamea, der als Anwalt hauptsächlich in der südlichen Andenregion tätig ist. Ecuador gehörte zu den sichersten Ländern Lateinamerikas. Seit der Ermordung von Jorge Luis Zambrano, alias Rasquiña, dem Anführer der „Los Choneros“, im Dezember 2020 ist das Land in eine tiefe Krise gestürzt. Vom Gefängnis aus hatte Rasquiña eine Mafiastruktur aufgebaut und gelenkt. Nach seinem Tod zerfiel die Struktur in einzelne Gruppen. Die anschließenden gewalttätigen Auseinandersetzungen kosteten Hunderte von Menschen in den Gefängnissen und in den Küstenstädten das Leben. Nach einer Phase von Bündnissen und Seitenwechseln blieben zwei große Gruppen übrig: „Los Choneros“, Verbündete des Sinaloa-Kartells, angeführt von Adolfo Macías, alias Fito, der in die USA ausgeliefert wurde, und „Los Lobos“, die als die wichtigste kriminelle Vereinigung Ecuadors gelten. Der Anführer der „Lobos“, Wilmer Chavarría alias Pipo, wurde 2025 in Málaga festgenommen; er kooperiert mit dem Kartell „Jalisco Nueva Generación“. Beide Gruppen und ihre verbündeten Banden kämpfen gewaltsam um die Kontrolle über das Terrain. Das Epizentrum des Konflikts liegt in den Häfen, wo 70 Prozent des weltweit konsumierten Kokains exportiert werden. Was jedoch an der Küste begann, breitet sich nun ins Landesinnere aus. „Die Politiker werden zulassen, dass sich die Kriminalität weiter auf andere Regionen ausbreitet und Bereiche besetzt, in die sie zuvor noch nie vorgedrungen ist. Und hier geht es nicht nur um Erpressung oder Kleinkriminalität, sondern um Menschenhandel und Organhandel“, warnt Salamea. El Salto sprach mit ihm in einem Café in Cuenca.
Ecuador war einst ein sicheres Land. Wie ist es zu der aktuellen Situation gekommen?
In den 90er Jahren gab es immer mal Überfälle auf dem Land, Taschendiebstähle, Einbrüche, kleinere Delikte, doch dann kam die länderübergreifende Kriminalität. Zunächst wurde Ecuador zum Transitland für Drogen aus Peru und Kolumbien, doch im 21. Jahrhundert begann sich das organisierte Verbrechen auf der Suche nach neuen Möglichkeiten zu strukturieren. Das Problem konnte ungehindert wachsen, und heute ist Ecuador Drogen-Produktionsland und Umschlagplatz für das organisierte Verbrechen, das mittlerweile die politischen, militärischen und staatlichen Strukturen durchdrungen hat. Tatsächlich ist das Einzige, was in Lateinamerika und insbesondere in Ecuador organisiert ist, das organisierte Verbrechen: Es ist logistisch und wirtschaftlich gut aufgestellt, rekrutiert Spezialisten für Algorithmen und Kriminologie und verfügt über politischen Einfluss – so sehr, dass hier sogar Präsidentschaftskandidaten wie [Fernando] Villavicencio in die Luft gesprengt wurden. Das organisierte Verbrechen ist überall präsent. Während der Regierung von Rafael Correa war die Situation halbwegs unter Kontrolle, weil die Banden zu einer einzigen Gruppe strukturiert waren. Leider begannen sie sich aufzuspalten, und es entstand eine Art wucherndes Wachstum. Aus „Los Choneros“, die offenbar über eine große Struktur verfügte, sind etwa 50 Banden und Minibanden mit Tausenden von Mitgliedern hervorgegangen, die versuchen, das Territorium zu beherrschen.
Und der rein repressive Ansatz der aktuellen Regierung funktioniert nicht.
Leider bringen Präventions- oder Resozialisierungsprogramme keine Wählerstimmen ein und werden daher nicht berücksichtigt. Gewalt muss aus allen Blickwinkeln betrachtet werden. Es handelt sich um ein systemisches Problem, das ohne umfassende Anordnung nicht gelöst werden kann. Derzeit werden politische Kommissionen gebildet, die ausschließlich auf medienwirksame Aktionen abzielen, doch das sind nur Notlösungen, die das Grundproblem nicht lösen. Was tut die aktuelle Politik? Sie fahren eine komplette militärische Show mit Panzern auf, die sich zur Schau stellt und dann wieder weg sind. Mehr nicht. Diejenigen, die für die Sicherheit zuständig sind, bezeichne ich gerne als „Schreibtisch-Rambos“: Sie waren noch nie da, sie kennen das Problem nicht, wissen nicht, wie man eine Bestandsaufnahme oder eine Kriminalitätskartierung durchführt; sie kennen nicht einmal die Ursachen der Gewalt. Wenn man nichts versteht, handelt man im Blindflug. Als Folge dieser Inkompetenz führt die verfehlte Strategie der Ausnahmezustände dazu, dass sich die Kriminalität von der Küste in Städte wie Cuenca, Chimborazo, Riobamba und Loja verlagert. Das ist wie bei der Prostitution: Wenn man sie irgendwo versucht einzudämmen, verlagert sie sich in einen anderen Teil der Stadt. Vor fünf Jahren habe ich schon darauf hingewiesen, dass die Kriminalität von der Küste nach Cuenca kommen würde, weil die Stadt große Möglichkeiten für Geldwäsche bietet. Die Gewalt in Cuenca befand sich auf Stufe zwei einer Skala von eins bis zehn, wir hatten ein paar Kleindealer und vereinzelte Delikte. Es gab zwei oder drei Todesfälle pro 100.000 Einwohner, aber in diesem Jahr sind wir auf dem Weg, die Fünf zu überschreiten, was alarmierend ist. Der Landesdurchschnitt liegt bei 50 bis 51, damit ist Ecuador eins der gewalttätigsten Ländern der Welt.
In einigen Regionen des Landes scheint es zu spät zu sein, um die von Ihnen vorgeschlagenen Präventionsmaßnahmen umzusetzen.
Die Menschen beginnen, das organisierte Verbrechen als einen Parallelstaat zu betrachten, der ihnen mehr Schutz bieten kann als die Polizei. Wer hat noch Vertrauen in die Polizei und die Regierung? Ich habe Studien in Mexiko und Kolumbien durchgeführt. In Medellín gab es etwa 40 Morde pro 100.000 Einwohner, und diese Zahl sank schlagartig auf fünf oder sechs, weil die Gruppen sich die Gebiete aufteilen, und niemand überschreitet die festgesteckten Grenzen. Dass die Gewalt so niedrig ist, bedeutet nicht, dass es kein organisiertes Verbrechen gibt. Da wird der Hot-Dog-Verkäufer ermordet, weil er sein Schutzgeld nicht bezahlt. Und Ecuador steuert auf diesen Punkt zu, sogar in Cuenca: Bald werden auch hier 60 oder 70 Prozent der Bevölkerung erpresst. Früher hörte man nichts von Entführungen oder Erpressungen, aber heute schon. Sogar ein Freund von mir, ein Arzt, muss jeden Monat 1.000 Dollar zahlen. Viele Menschen reagieren darauf und ziehen in die Außenbezirke, um ihre Ruhe zu haben. Die öffentliche Politik ignoriert das Problem, also wird es sich weiter verschärfen. Im Moment ist Cuenca sicher, weil die Hegemonie des organisierten Verbrechens irgendwie auch Schutz garantiert.
Sie meinen „Los Lobos“.
Welche Gruppe gerade dominiert, ist doch egal. Die Frage lautet doch: Wird die Gewalt zunehmen? Ja, das wird sie, sobald es zu Gebietsstreitigkeiten kommt. Cuenca befindet sich noch nicht an dem Punkt, ist aber auf dem Weg dorthin. Die Zukunft von Cuenca und des Landes ist düster: Es werden rein repressive Maßnahmen ergriffen, und Gewalt erzeugt weitere Gewalt. Repression hat in keinem Land der Welt funktioniert.
Die Gesellschaft betrachtet das autoritäre Modell von Bukele als Erfolg.
Ich habe eine andere Sichtweise auf Bukele. Es stimmt zwar, dass alle Banden hinter Gittern sitzen, aber die mittleren und oberen Führungskräfte sind weiterhin aktiv. Auch wenn in El Salvador keine Bandenaktivität sichtbar ist, wird es weiter oben irgendwann knallen, vor allem wenn Bukele irgendwann die Macht abgibt. Dann wird sich zeigen, was die wahren Ursachen für die Unterwerfung der Banden sind, die die unterste Ebene der kriminellen Hierarchie bilden.
In Ecuador wurde das organisierte Verbrechen von den Gefängnissen aus kontrolliert. Bei Aufständen und Auseinandersetzungen in Haftanstalten sind seit 2021 mehr als 1.200 Menschen ums Leben gekommen. Es kommt nach wie vor regelmäßig zu Schlägereien, und staatliche Unterstützung für die Resozialisierung fehlt weiterhin. Wie sieht die aktuelle Lage in den Gefängnissen aus?
In Lateinamerika haben sich Gefängnisse zu regelrechten Kommandozentralen der Kriminalität entwickelt. In Ecuador besteht das Problem darin, dass es keine Programme zur Prävention, Rehabilitation und Resozialisierung gibt. Wer einfährt, wird zu einem potenziellen Bandenmitglied. Das soziale Gefüge ist so zerrüttet, dass das Gefängnis zur Familie wird, und wer draußen Straftaten begehen, hat ein Zuhause, in das er zurückkehren kann: das Gefängnis. Der Staat kommrt seiner Verpflichtung, entlassene Ex-Häftlinge wieder in die Gesellschaft zu integrieren, nicht nach. Zudem ist diese Wiedereingliederung mit einem Stigma behaftet, einer sozialen Stigmatisierung, die einem keine Chance lässt. Was wäre eine Lösung? Universitäten könnten sich engagieren und technische Studiengängen und Ausbildungsgänge einreichten. Wenn die Leute die Chance hätten, einen Beruf zu lernen, das wäre vielleicht einen Ausweg. Die Universitäten zeigen jedoch kein Interesse daran. Ich habe genau ein Buch, das sich mit diesem Thema befasst: „Die Mafia und das organisierte Verbrechen belagern die Universität“.
Ecuador setzt das sogar das soziale Überwachungssystem Palantir ein und arbeitet militärisch mit den Vereinigten Staaten zusammen. Dennoch breitet sich das organisierte Verbrechen weiter aus. Zeigt diese Realität das Scheitern dieser militärischen Zusammenarbeit?
Die USA werden von Geld waschenden mexikanischen Banden beherrscht. Wenn sie den Drogenhandel dort nicht bekämpfen können, können sie uns keine Lektionen erteilen. Sie haben uns Berater und Experten geschickt, und das Problem hat sich so sehr verschärft, dass Ecuador mittlerweile zu den gewalttätigsten Ländern der Welt gehört. Sie verkaufen uns leere Versprechungen – das ist die Strategie der internationalen Intervention.
„Die Leute empfinden das organisierte Verbrechen als Parallelstaat“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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