Wasser in Bolivien

Tank-Burgen prägen das Stadtbild
Foto: Thomas Degkwitz

(Cochabamba, 25. Oktober 2018, Freiwilligen-Projekt).- Versorgung und Alltag in Zeiten von Klimawandel und Rückgang von Wasservorräten. Wasserhahn aufdrehen, laufen lassen, Wasserhahn wieder zu. So einfach ist das. Wirklich? Nicht ganz, aber auch ohne diesen Luxus kann man zurecht kommen. Eines ist sicher: Durch Erfindertum und Flexibilität kriegen die Bolivianer*innen was sie brauchen: Wasser!
Cochabamba, mitten in Bolivien auf 2548 Metern Höhe in den trockenen Anden. Für Bolivien fast schon Tiefland. Im Winter (Mai-August) scheint hier jeden Tag die Sonne, es regnet nicht (< 5mm/Monat), die Stadt ist staubig und trocken. Nicht direkt der ideale Lebensraum für Wasserbedürftige und auch nicht für eine Stadt der Gärten und Blumen, wie Cochabamba sich nennt.

Wie schaffen es die Menschen hier trotzdem zurecht zu kommen?

Ein Beispiel aus meiner Gastfamilie. Gleich vorweg: Das A und O liegt darin, Wasser zu sammeln, wiederzuverwenden und über verschiedene Quellen zu verfügen. Da Leitungswasser nicht trinkbar ist, benötigen die Menschen mindestens zwei Quellen. Es ist demnach ein normales Bild, wenn Wasserkanister mit -spender in den Küchen und Wohnzimmern stehen. Die Familie kauft die Zwanzigliterbehälter bei fahrenden Wassertransportern für umgerechnet 1,50 €. Die Transporter sind genauso wie das Wasser, das die Leute auf den Straße kaufen, in privater Hand (u.a. Coca-Cola). Im Ernstfall sind die Cochabambinos also von Unternehmen mit Profitinteresse abhängig. Um die Jahrtausendwende führte ein solches Profitinteresse in Cochabamaba zum Wasserkrieg. Seitdem ist das Wasser wieder in kommunaler Hand. Doch aufgrund des Klimawandels und dadurch schrumpfenden Reservoirs sowie Korruption innerhalb der SEMAPA (das Wasserunternehmen der Stadt) ist die Versorgung nach wie vor eher instabil.

Wasserspeicherung im Alltag
Foto: Thomas Degkwitz

Ein weiteres Problem ist die Wasserspeicherung, da es zur Regenzeit viel Niederschlag gibt. So geht jedes Jahr potentiell nutzbares Wasser verloren. Gerade die einkommensschwache „Zona Sud“ hat mit dieser Knappheit zu kämpfen. Das macht sich in unserem Alltag bemerkbar. Wasser aus der Leitung gibt es nur in den frühen Morgenstunden. Das heißt: Früh aufstehen, aufdrehen und die Wannen, Tonnen und Kannen füllen, damit waschen, spülen und im Notfall auch mal abspülen möglich ist. Die Wasserversorgung der Toilettenleitung funktioniert nur im Optimalfall durchgängig. Mindestens sonntagabends muss mit gefüllten, zu Wasserkanistern umfunktionierten Motorölbehältern (Stichwort Erfindertum) nachgeholfen werden. Klingt anstrengend, ist aber reine Gewöhnungssache.

Wasser-Recycling

Wasserkanister
Foto: Thomas Degkwitz

Waschen ohne fließendes Wasser ist auch möglich, man kann eine Waschmaschine auch im Voraus mit besagten Kanistern befüllen. Praktischerweise öffnet sich die Klappe der Maschine nach oben und nicht, wie gewohnt, nach vorne. So wird das wässern der Trommel überhaupt erst möglich. Nach dem Waschgang fließt das Wasser beim Schleudern ab und wird gesammelt. Später kann die Familie es beispielsweise zum Autowaschen oder für die Ersatztoilettenspülung verwenden.
Falls der Strick Leitungswasser reißen sollte, haben viele Bolivianer*innen noch ein weiteres Standbein. Schwarze Wasserkanister, die mit mehreren Hektolitern gefüllt sind und auf den Dächern platziert werden, prägen das Stadtbild. Zu meiner großen Freude (es ist immer wieder überraschend und auch erheiternd deutschsprachige Begriffe so weit entfernt von Deutschland zu lesen) heißt die Kanisterfirma „Tank-Burg“ und tatsächlich sind die schwarzen Türme die Bergfriede der Stadt. In Cochabamba ragen sie überall heraus.

Um die Behälter zu verwenden, legt man im Haus einen Schalter um und schon kann eine Person mehr mit der zusätzlichen Dusche oder Toilette (um Wasser zu sparen, sind nicht alle Bäder an das Wassersystem angeschlossen) den Morgen begehen. Im Notfall kann auch ein Tanklaster die nötigen Vorräte auffüllen, aber hier mangelt es trotz der hohen Preise oftmals an der nötigen Qualität. An manchen Abenden sitzt die Familie komplett auf dem Trockenen. Dann gibt es den Trinkwasserkanister für den Durst, wir machen uns einen gemütlichen Abend und verschieben sämtliche Wasser verbrauchende Tätigkeiten auf den nächsten Tag. Denn morgen früh gibt es ja Wasser! Hoffentlich…

Thomas Degkwitz war mit dem Freiwilligenaustausch weltweit ICJA in Bolivien.

CC BY-SA 4.0 Wasser in Bolivien von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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