
Foto: Felipe Restrepo Acosta via wikimedia
CC BY-SA 4.0
(Belén de Umbria, 25. Mai 2025, npla).- Kolumbien klärt gerade einmal zehn Prozent seiner Abwässer. Auch im Rest des Kontinents ist das Bild nicht gerade ermutigend. Nur 20 Prozent der Abwässer in Lateinamerika werden gereinigt, was zu einer Verschmutzung der Flüsse und Küstengebiete führt. Nicht nur die Bevölkerung der Region sind deshalb Giftstoffen und Krankheiten ausgesetzt. Auch die direkten Auswirkungen auf die Umwelt sind erheblich und bedeuten Milliardenschäden für die Wirtschaft.
Es stinkt gewaltig
Am Rande der hoch aufragenden westlichen Kordillere Kolumbiens liegt Belén de Umbría. Die Gemeinde ist der größte Kaffeeproduzent der Region. Das Klima ist ganzjährig angenehm, es regnet oft, die Höhenlagen sind ideal für Arabica-Kaffee. Belén de Umbría ist in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen, heute leben hier rund 25.000 Menschen, etwa die Hälfte als baut auf ihren Fincas Kaffee an. Der kleine Fluss Chapatá, an dem Belén schlängelt sich durch Bambushaine über kleine Wasserfälle Richtung Tal – er könnte eine Oase sein, doch der Chapatá stinkt gewaltig. Denn Belén hat keine Kläranlage. Beim Gewässerschutz fehle in seiner Gemeinde noch viel, gibt Bürgermeister John Fredy Montes Velasquez unumwunden zu. Erste Schritte habe man unternommen, es gebe immerhin getrennte Auffangstellen für Regen- und Schmutzwasser. Doch eine Kläranlage fehlt nach wie vor. „Allein können wir das finanziell nicht stemmen“, sagt Montes Velasquez, ohne Unterstützung von der Zentralregierung müsse das Dorf auf eine öffentlich-private Partnerschaft setzen, bei der ein Betreiber die Anlage baut, die dann über Gebühren sowie Energiegewinnung refinanziert wird.
Ignoranz und fehlendes Interesse…
Aber es geht nicht nur ums Geld. In vielen Gemeinden fehle es seit Jahren an ernsthaftem Interesse, klare Raumordnungs-, Flächennutzungs- und Entwicklungspläne zu entwickeln, auf kommunaler, regionaler und nationaler Ebene, sagt der Bürgemeister von Belén de Umbría: „In Belén de Umbría zum Beispiel arbeiten wir seit über 20 Jahren mit einem veralteten Plan, der nie aktualisiert wurde. Es gibt viele Gesetze, aber kaum Umsetzung oder echte Planung.“ Dabei sind solche Pläne entscheidend: Sie zeigen, wo gebaut werden darf, was geschützt werden muss und wie eine nachhaltige Entwicklung möglich ist. An der Einstellung in den Rathäusern müsse sich dringend etwas ändern, fordert Montes Velasquez: „Wir müssen über unsere eigene vierjährige Amtszeit hinausdenken und viel perspektivischer denken.“ Im Nachbardorf Viterbo ist die Lage ganz ähnlich. Auch hier werden die Abwässer ungeklärt in den Risaralda Fluss geleitet. Dass Geldknappheit als Grund angeführt wird, lässt Daniel Mejía nicht gelten! Der Mittdreißiger ist Geologe, war Ratsmitglied von Viterbo und dort zuständig für Neubau- und Infrastrukturmaßnahmen. „Wir zahlen Gebühren für Trink- und Abwasser, obwohl die Abwässer ungeklärt in die Flüsse geleitet werden. Kläranlagen sind zwar in vielen Entwicklungsplänen vorgesehen, werden aber kaum umgesetzt. Stattdessen werden Gemeinden für die Umweltverstöße bestraft.“
… Missmanagement und Korruption
Viterbo koste das jährlich umgerechnet fast 150.000 Euro, für die letztlich die Bürger*innen über Gebühren aufkommen müssten. So zahlen die Menschen saftige Strafen für die Ignoranz ihrer Gemeindevertreter*innen, Geld, das man auch in die Wasserreinigung hätte investieren können. Hinzu komme Missmanagement und Korruption, sagt Mejía. Bauvorhaben, ob Straßen oder eben Kläranlagen, werden bewilligt und sogar begonnen – und dann passiere über viele Jahre nichts, weil das Geld versickert sei. Bei Müll und Abwasser komme aber noch mehr dazu: „Das Wirtschaftsmodell in Kolumbien muss nachhaltiger werden – weg von der reinen Ressourcenausbeutung. Das bisherige stark zentralisierte Modell hat zu Konflikten und Umweltzerstörung geführt. Zwar gibt es Gesetze zum Schutz dieser Ökosysteme – etwa den 30-Meter-Schutzstreifen an Flüssen – doch die regionalen Behörden haben kaum Möglichkeiten, Landbesitzer zur Einhaltung zu zwingen.“ Außerdem laufe alles Geld über die Zentralregierung in Bogotá. Ein stärker dezentralisiertes Modell sei nötig, damit sich auch entlegene Regionen besser entwickeln könnten. Aber selbst in Bogotá, Kolumbiens Hauptstadt und Wirtschaftszentrum, stinkt es zum Himmel. Durch die Hochebene von Bogotá mäandert seit Urzeiten der gleichnamige Fluss. Gespeist von drei kristallklaren Bergflüssen, war der Río Bogota seit Menschengedenken die Lebensader der Zivilisationen, die sich hier angesiedelt haben. Er war für die Muisca-Zivilisation heilig. Heute ist der Río Bogotá eine biologisch tote Kloake, aus dem sich ganze Hauseinrichtungen fischen lassen. Acht Millionen Menschen leiten ihre Abwässer weitgehend ungeklärt in den Rio Bogotá, hinzu kommen Schwermetalle. Am Ende des Hochtals stürzt er sich stinkend über den Tequendama-Wasserfall in die Tiefe und mündet schließlich in den Río Magdalena, den wichtigsten Fluss Kolumbiens, wo immer noch Fischer versuchen, den einen oder anderen Fang zu machen.
Klage der Gemeinden führt zum Erfolg
Brigitte Baptiste ist Biologin, Trans*Person und eine der wichtigsten anerkannten Umweltaktivistinnen Kolumbiens. Seit ein paar Jahren ist sie Universitätsrektorin und mischt sich regelmäßig ein, wenn es um Umweltschutz in der Hauptstadt geht. Die Stadt habe sich vom Fluss abgewendet, sagt Baptiste: „Wir wuchsen mit dem Rücken zum Fluss auf, machten ihn zum Abwasserkanal – und begannen sogar, Trinkwasser aus dem weit entfernten Orinoco-Becken zu holen.“ Dann aber reichten Gemeinden im unteren Flusslauf Klage ein. Mit Erfolg: Ein Gericht zwang Bogotá vor Jahren, den stark verschmutzten Fluss zu reinigen und Verantwortung für die Umweltzerstörung zu übernehmen. Nun wird eine große Kläranlage gebaut, die 70 Prozent der Abwässer von Bogotá reinigen soll. Auch eine bestehende Kläranlage soll erweitert werden. Ein nationaler Plan für kommunales Abwassermanagement soll in Zukunft landesweit die Gewässerqualität verbessern. Denn auch wenn Kläranlagen nicht billig sind, die Kosten ungeklärten Wassers sind viel höher. Es gibt nur Schätzungen, wie teuer unbehandeltes Abwasser die Volkswirtschaften der Welt zu stehen kommt. Untersuchungen (des World Resources Institutes) haben ergeben, dass eine angemessene Trinkwasserversorgung und Abwasserreinigung nur etwa ein Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes kosten würde, was etwa 29 Cent pro Person und Tag entspricht. Jeder Dollar, der investiert werde, bringe 6,80 Dollar volkswirtschaftlichen Gewinn. Die Weltbank geht davon aus, dass ohne angemessene Trinkwasserversorgung und Abwasserreinigung bis 2050 regionale Verluste von Bruttoinlandsprodukten von bis zu zehn Prozent die Folge wären.
„Diese Welt muss nicht untergehen“
Brigitte Baptiste will aber nicht nur über die finanzielle Seite diskutieren. Es habe viele weitere Vorteile, würden Kolumbiens Gewässer auch in Siedlungsnähe irgendwann wieder zum Baden einladen: „Wir geben Milliarden Pesos aus Steuergeldern für Studien, Kredite und Infrastruktur aus – auch, um Umweltschäden wie verschmutztes Wasser zu beheben. Doch mit diesem Geld könnten wir auch Bildung und Umwelterziehung stärken.“ Die Vision eines sauberen, schiffbaren und lebendigen Flusses könne zum Umdenken führen. „Wir haben die Aufgabe, Kindern, die heute zur Schule gehen zu zeigen: Diese Welt muss nicht untergehen. Ein anderer, nachhaltiger Lebensstil ist möglich.“
Einen spannenden Onda-Beitrag zu diesem Thema findet ihr hier.
Wasser im Wandel – zwischen Umweltkrise und Hoffnung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
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