Planet in der Krise

Eine Aktivistin auf dem Klimagipfel COP 26 in Glasgow. Foto: Flickr/Midia Ninja/Oliver Kornblihtt (CC BY-NC 2.0)

(La Paz, 10. Januar 2022, bolpress).- Die Pandemie, die steigende Lebensmittelkrise und die Erderwärmung bestimmten das Jahr 2021. Die fünfte Corona-Welle, verschärft durch die Omikron-Variante seit Dezember, hält die Weltbevölkerung in Atem. Auf der anderen Seite zeigt der steigende Hunger in der Welt das Scheitern des derzeitigen hegemonialen Wirtschaftssystems auf. Die fehlende umfassende und machbare Antwort auf die Klimakrise lässt einen apokalyptischen Weg ohne Wiederkehr für das Leben und Mutter Erde erahnen. Es zeichnet sich ab, dass 2022 erneut ein herausforderndes Jahr für die sozialen Bewegungen und die Menschheit wird.

Omikron

Noch bevor die „Delta-Welle“ zu Ende ging, verbreitete sich Omikron mit einer bis dahin unbekannten Infektiosität. Die Anfang 2020 aufgetauchte Infektionskrankheit Covid-19 mutiert und bestimmt weiterhin die „Normalität“ im alltäglichen Leben auf dem Planeten. Zusammen mit ihren aggressiven Hammerschlägen gegen das Gesundheitswesen enthüllt die Pandemie ein Netz der zivilisatorischen Widersprüche. Ein Beispiel ist der pausenlos steigende Profit der Reichsten, der durch Statistiken belegt ist. Die aktuelle Krise ist und war ein Auslöser für soziale Spaltungen. Heute ist die Welt noch polarisierter was die Ungleichheit angeht. Während der Reichtum der Multimillionär*innen um mehr als 3.6 Billionen Euro gestiegen ist, haben 100 Millionen Menschen die Schwelle zur extremen Armut erreicht.

Ein nicht weniger wichtiger Widerspruch betrifft die Verteilung der Impfstoffe, die in zwei Geschwindigkeiten abläuft. Während der „entwickelte“ Norden bereits die dritte oder vierte Impfung verteilt, ist in einem Großteil der „hinteren“ Länder gerade so viel Impfstoff vorhanden, dass sich lediglich ein Bruchteil der Bevölkerung impfen lassen kann. Etwas mehr als sieben Prozent der Bevölkerung von Ländern mit geringem Einkommen haben eine Dosis erhalten, während es in Ländern mit hohem Einkommen bis zu 75 Prozent sind. In Afrika sind weniger als zehn Prozent der Bevölkerung geimpft, in Europa und den Vereinigten Staaten hingegen mehr als 70 Prozent. Diese Ungleichheit wird durch die Entscheidung reicher Länder und multinationaler Impfstoffunternehmen verstärkt, die die freie Produktion von Impfstoffen in verschiedenen Teilen der Welt verhindern. Während wichtige Akteure der globalen Zivilgesellschaft fordern, dass eine vorübergehende Ausnahme vom Patentrecht geregelt werden sollte.

Der Hunger wächst

Der 23. September 2021 war kein glanzvoller Tag. Für zehn Prozent der weltweiten Bevölkerung, also ca. 800 Millionen Menschen, hat der UN-Gipfel für Ernährungssysteme New York gar nicht existiert. Für die sozialen Bewegungen, die alltäglich nach Lösungen für diese katastrophalen Zustände suchen, war der Gipfel ein bisschen mehr vom Üblichen. Sprich, reine Rhetorik ohne echten politischen Willen, strategische Lösungen zu finden.

„Der UN-Gipfeltreffen für Ernährungssysteme ist verwerflich und stellt eine Bedrohung für die Ernährungssouveränität der Menschen dar“, kritisierte das Bündnis La Vía Campesina in einem Kommentar in New York. Das Netzwerk, dem mehr als 200 Millionen Landwirt*innen aus 81 Ländern angehören, beschloss bereits im Juli zusammen mit 600 Organisationen von Kleinbauer*innen, Arbeitnehmer*innen und indigenen Völkern, das Treffen in New York zu boykottieren.

Die sozialen Bewegungen waren sich einig in ihrer Kritik an der Unrechtmäßigkeit des Gipfels und den Versuchen der transnationalen Konzerne, die Debatte und die künftigen Vorschläge zu beeinflussen. Für diese Bewegungen liegt die Lösung für die Klimakrise, den Hunger, die gezielte Migration und die extreme Armut bei den Völkern und nicht bei den multinationalen Konzernen. Die Lösung sollte aus den Prinzipien der Ernährungssouveränität und der sozialen Gerechtigkeit entstehen, die die Ernährung als ein fundamentales Menschenrecht ansieht und nicht als Ware zur kommerziellen Spekulation. Es sei unabdingbar, die kleinen, vielfältigen und agrarökologischen Lebensmittelsysteme zu respektieren, meinen die sozialen Bewegungen.

Doch ihrer Ansicht nach stand der UN-Gipfel 2021 im Gegensatz zu diesen Grundsätzen. Der Hunger spielt immer noch eine dramatische Rolle, obwohl die Lösungen einfach sein könnten: Man sollte der Agrarökologie Vorrang vor der Agrarindustrie einräumen und auf Ernährungssouveränität setzen, anstelle des inakzeptablen Paradigmas, dass Nahrung=Ware sei.

Der Planet steht in Flammen

Zu den Katastrophen des Jahres 2021 wegen des wachsenden Hungers und der Ungerechtigkeit im Kampf gegen Covid-19, kommt ein dritter Faktor hinzu, der die Welt aus dem Gleichgewicht bringt: die Verschlimmerung der Klimakrise. Der Weltklimagipfel von Glasgow im November konnte keine nennenswerten Erfolge hinsichtlich des 1.5 Grad Zieles bis 2030 erreichen, obwohl dies von der Wissenschaft und der globalen Zivilgesellschaft gefordert wird.

Besagter Gipfel enthüllte darüber hinaus den Zusammenprall zweier gegensätzlicher Konzepte. Das Konzept der Großmächte, die die UN selbst kontrollieren, ein Veto einlegen oder mit unzureichenden Vorschlägen blockieren – obwohl die Wissenschaft seit Jahren die enorme Gefahr dieser Krise voraussagt. Dem Gegenüber steht die Vision eines großen Teils der globalen Zivilgesellschaft wie Umweltbewegungen, Entwicklungs-NRO, Gewerkschaften, Netzwerke und Plattformen. Sie protestierten während des Klimagipfels in den Straßen Glasgows und in Dutzenden Städten der Welt um zu betonen, dass der „Klimanotstand“ der Schlüssel sein muss um zu verstehen, dass die Menschheit mit Vollgas auf ihre Selbstzerstörung zurast.

Das Jahr 2021 schließt also mit drei zivilisatorischen Enttäuschungen: der nicht gelöste Kampf gegen den Hunger; der verlorene Kampf um das Klima und die Krise der Pandemie. Die Trilogie eines Weltsystems in der Krise, Ausdruck eines zunehmend geschwächten Planeten.

Die Aussichten für dieses gerade begonnene Jahr sind unsicher. Die vielschichtigen, sich überlagernden Krisen werden weitergehen. Die sozialen Akteur*innen mit ihren alltäglichen Mobilisierungen könnten der entscheidende Faktor sein, der alles umkehrt. Sie fordern klimatische und soziale Gerechtigkeit ein, genauso wie agrarökologische und souveräne Alternativen, um dem wachsenden Hunger zu begegnen. Zugleich kämpfen sie für die Freigabe von Patenten auf die Arzneimittelproduktion und die allgemeine Demokratisierung des ungleichen Kampfes gegen die Pandemie.

CC BY-SA 4.0 Planet in der Krise von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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