Mehr als die Hälfte der Nationalparks in Gefahr

Der Nationalpark Serranía de Chiribiquete in Kolumbien. Foto: Parques Nacionales Naturales de Colombia.

(Bogotá, 27. August 2021, contagio radio).- Kolumbien ist laut dem Bericht das Land mit der zweithöchsten Biodiversität an Spezies weltweit. Außerdem ist es das Land mit der zweithöchsten Vielfalt an Pflanzen, es rangiert an dritter Stelle bei der Vielfalt an Reptilien und an fünfter Stelle bei der Säugetierdiversität. Das Land weist weltweit die höchste Vielfalt an Vögel und Amphibien auf. Es gibt 59 Nationalparks, in denen 17.613.380 Hektar an Flora und Fauna unter Schutz stehen.

Nun hat die kolumbianische Naturschutzinitiative PNCV (Parques Nacionales Cómo Vamos) ihren ersten Bericht aus dem Beobachtungszentrum der Systeme Nationaler Naturparks präsentiert. Die Initiative besteht aus zehn Organisationen aus der Zivilgesellschaft. Laut der Vorsitzenden von PNCV, Sandra Vilardy, zeigt sich der Klimawandel sehr deutlich im Verlust an Gletschern, Páramos (andine Feuchtgebiete oberhalb der Baumgrenze), Korallenriffen, natürlichen Savannengebieten und Wäldern. Dies verdeutliche die Notwendigkeit, dass sich das Land darauf vorbereiten müsse, irreversiblen Schäden vorzubeugen.

Es sei wichtig, betonte Vilardy, dass Kolumbien die Bedeutung der ökologischen Abhängigkeit von der Natur und der Beziehung zur Umwelt verstehe, die die indigenen, afrokolumbianischen und kleinbäuerlichen Gemeinden haben. Dabei seien gerade die Nationalparks besonders wichtig. Der Bericht zeige, „wie die kolumbianische Gesellschaft davon abhängt, wie die Nationalparks funktionieren“, so Vilardy. „Angesichts der Klimakrise muss die Flächenplanung stärker auf die Beziehung der Gesellschaft zur Biodiversität eingehen.“

Abholzungen und Koka-Anbau bedrohen 45 der 59 Nationalparks

Obwohl die Nationalparks eine essentielle Bedeutung für das Funktionieren des Wasserkreislaufs und Kohlestoffspeicherung in den verschiedenen Regionen des Landes aufweisen und daher ein Schlüsselelement für lokale, regionale und nationale Strategien zur Anpassung an den Klimawandel bilden sollten, sind sie laut Sandra Vilardy stark bedroht. Bei 45 Nationalparks, also 76 Prozent aller existierenden Nationalparks, ist das Ökosystem starken Risiken ausgesetzt.

Ein Risikofaktor für Nationalparks ist der Anbau von Kokaplantagen; 30 Nationalparks sind davon bedroht und 16 besitzen bereits Kokapflanzungen innerhalb der Schutzzonen. Mit dem Anbau von Koka geht eine enorme Abholzung einher sowie die Verunreinigung von Wasser, Luft und Böden.

Die Vorsitzende von PNCV weist daraufhin, dass historisch betrachtet Koka schon immer in den Regionen angebaut worden sind, wo heute die Parks bestehen. Die Zahlen schwanken jedes Jahr etwas, was den Anbau von Koka innerhalb der Schutzzonen betrifft. Besondere Sorge bereite ihr jedoch, was außerhalb der Grenzen der Nationalparks geschieht, da dies sich wiederum auch auf das Innere der Parks auswirke.

Die Nationalparks La Macarena, Paramillo und Farallones sind diejenigen, die bereits am längsten bedroht sind. „Hier wird an vielen Stellen in die Parks eingedrungen, sie werden abgeholzt und Koka-Plantagen angelegt“, führte die Biologin Brigitte Baptiste in der Präsentation des Berichts aus.

Strategische Gründe von Koka-Anpflanzungen in Nationalparks

Das Problem mit dem Koka-Anbau in Nationalparks ist eigentlich nicht neu. Bereits 2015 hat das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) darauf hingewiesen, dass in 16 Parks solche Anpflanzungen bestehen, die in diesem Jahr bereits 6,5 Prozent des gesamten Anbaus in Kolumbien ausmachten.

Angesichts des unzureichenden Engagements zur Erfüllung des vierten Punkts im Friedensvertrag zwischen der Nationalen Regierung und der ehemaligen Guerilla FARC von 2016 gehen Expert*innen davon aus, dass die Koka-Anpflanzungen aus strategischen Gründen in Nationalparks angelegt werden. Der beschwerliche Zugang zu den Parks verhindere Operationen zur Auslöschung der Pflanzen (z.B. durch Glyphosat), außerdem erfordere Koka eine manuelle Schädlingsbekämpfung.

„Die stärksten Konzentrationen von Koka-Pflanzungen befinden sich im Nationalpark Catatumbo Bari (Nordosten Kolumbiens). Diese entsprechen 15,5 Prozent des Gesamtanbaus im Land.“ Sandra Vilardy, Direktorin von PNCV.

In der Meldung des UNODC wurde bereits darauf hingewiesen, dass sich 58 Prozent der Koka-Anpflanzungen auf zwei Nationalparks konzentrieren, nämlich auf die Sierra de la Macarena und Nukak. Der Bericht des PNCV macht jedoch zudem deutlich, dass die Zunahme Kokaflächen in Nationalparks Besorgnis erregend sei, zumal dort auch bewaffnete Gruppen agieren.

Außerdem lassen sich in diesen Regionen hohe Armutsraten nachweisen. Etwa 63 Prozent der Bewohner*innen von Nationalparks leben in Armut. Gerade in den Landkreisen mit Nationalparks zeigen sich hohe Inzidenzen für sog. multidimensionale Armut; diese umfasst in etwa 51,4 Prozent und tritt vor allem in den tropischen Regionen des Landes auf. Die Nationalparks in den Bergregionen mit gemäßigtem Klima weisen hingegen niedrigere Armutsraten auf.

Sandra Vilardy kritisiert in dem Bericht insbesondere das fehlende Wissen des kolumbianischen Staates über die Nationalparks. So gäbe es beispielsweise keine genauen Daten zur Anzahl an indigenen und afrokolumbianischen Gemeinden in den Parks. Der Bericht zeigt jedoch deutlich, dass der Schutz der Natur in den Nationalparks dort am besten funktioniert, wo sich die indigenen und afrokolumbianischen Gemeinden darum kümmern.

CC BY-SA 4.0 Mehr als die Hälfte der Nationalparks in Gefahr von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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